Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2018 / 01 S. 07

Aufgespießt:

Schisandra

Anbieter: Via Internet verkaufen mehrere Anbieter getrocknete Schisandra-Beeren und Schisandra-Pulver. Die „chinesische Heilpflanze“ soll vieles ins Lot bringen: Sie kann angeblich „kräftigen, das Gedächtnis, die Sehfähigkeit und das Gehör stärken und nicht zuletzt auch die Libido von Mann und Frau“.1

Was ist Schisandra? Die Pflanze Schisandra (Schisandra chinensis) ist auch als chinesisches Spaltkörbchen oder chinesische Limonenfrucht bekannt. Sie gehört zur Familie der Sternanis-Gewächse. Traditionell verwendet werden vor allem die Früchte. Schisandra wird in der europäischen Naturheilkunde zu einer Gruppe Pflanzen gerechnet, die angeblich helfen, mit belastenden Situationen besser zurechtzukommen („adaptogene Pflanzen“).

Was ist belegt? Das Konzept der Adaptogene, mit dem auch Ginkgo-Produkte und andere Pflanzen vermarktet werden, ist höchst umstritten. Bei den spärlichen Studien mit Schisandra bei Menschen2 war die Teilnehmerzahl meist gering. Häufig wurde nicht reines Schisandra verwendet, sondern Mischpräparate mit Inhaltsstoffen weiterer Pflanzen. Die Ergebnisse aus den Studien sind nicht direkt miteinander vergleichbar, ihre Aussagekraft ist mager, und die Resultate sind widersprüchlich.

In deutschen Apotheken gibt es ein Nahrungsergänzungsmittel mit Schisandra-Pflanzenextrakt: adaptoLoges®. Anbieter ist die Dr. Loges + Co. GmbH. Laut Packungsbeilage dient das Mittel „zur Unterstützung bei sportlicher Belastung und der Regeneration“.3 Die Studie, die eine stärkende Wirkung von adaptoLoges® wissenschaftlich bestätigen soll,4 hat methodische Mängel: Sie lief mit nur 215 Teilnehmern und wurde vom Swedish Herbal Institute finanziert. Das ist keine unabhängige Einrichtung, denn sie selbst vermarktet Schisandra-Produkte. Das lässt eine Verzerrung der Ergebnisse befürchten. Außerdem verwendet die Studie das Wirkstoffgemisch ADAPT-232S, das nicht identisch mit der adaptoLoges®-Zubereitung ist.5 Denn adaptoLoges® enthält teilweise andere Inhaltsstoffe. Ob die Studienergebnisse direkt übertragbar sind, ist deshalb unklar.

Tierversuche wecken zudem Bedenken gegen Schisandra. Versuche mit Ratten6,7 zeigen, dass Schisandra das sogenannte CYP-Enzymsystem in der Leber beeinflusst. Dieses verarbeitet viele wichtige Arzneistoffe. Wird es aktiviert, können diese schneller abgebaut werden. Das mindert zum Beispiel ihre Wirkdauer. Werden die Leberenzyme gehemmt, passiert das Gegenteil: Arzneistoffe werden nicht abgebaut, können sich im Körper anreichern und das kann ihre Wirkung verstärken. Also Vorsicht, wer Arzneimittel plus Schisandra einnimmt.

Ob Schisandra sicher und unbedenklich ist, lässt sich bisher nicht einschätzen. Medikamente mit Schisandra sind in Deutschland übrigens nicht zugelassen. Es steht nicht auf der Liste der sicheren Lebensmittelzusatzstoffe der US-amerikanische Arznei- und Lebensmittelaufsicht FDA (GRAS = generally regarded as safe).

Was sagt GPSP? Wir sehen weder Sinn noch Notwendigkeit für die Einnahme von Schisandra und Schisandraprodukten. Wir meinen: Da werden Patienten abgezockt.

1    www.heilkraeuter.de/lexikon/schisandra.htm (Abruf 9.11.2017)
2    PubMed Recherche 29.9.2017
3    Packungsbeilage (Abruf 3.11.2017)
4    Hovhannisyan A u.a. (2015) J Athl Enhanc; 4, S. 4
5    Schriftliche Mitteilungen des Unternehmens Dr. Loges 21.11.2017 und 6.12.2017
6    Li WL u.a. (2013) Phytomedicine; 20, S. 760
7    Li WL u.a. (2010) Methods Find Exp Clin Pharmacol; 32, S. 163


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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