Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2007 / 04 S. 03

Wie gefährlich ist ein erhöhter Cholesterinspiegel?

Hohes Cholesterin – was nun?

Ampelmännchen CholesterinIn den Medien, in Gesundheitsratgebern und im Bekanntenkreis sind immer wieder mal die Risiken erhöhter Blutfettwerte („hohes Cholesterin“) ein Thema. Doch wann muss man sich wirklich Sorgen machen? Und was kann man tun?

Wer bei einem Arztbesuch erfährt, dass sein Cholesterinwert erhöht ist, ist zunächst einmal verunsichert. Nur Wenige können einschätzen, ob dieser gemessene Wert ein echtes Risiko bedeutet. Auch die Ursachen sind für Viele rätselhaft und die Enttäuschung ist groß, wenn trotz einer cholesterinarmen Diät der Messwert nur wenig sinkt.


Was ist Cholesterin?

Cholesterin ist ein wichtiger Bestandteil des Fettstoffwechsels. Es „schwimmt“ im Blut, wird von Zellen aufgenommen und befindet sich vor allem in den Zellmembranen. Ein Mensch „enthält“ insgesamt ungefähr 150 g Cholesterin. Die lebenswichtige Substanz dient dem Körper als Baustoff, vor allem für die Produktion von Gallensäuren, Sexualhormonen und Vitamin D.


Gefahren hoher Cholesterinspiegel

Cholesterin kann in die Zellen der Gefäßwand von Arterien eindringen. Im Lauf der Zeit lagert sich darin immer mehr Cholesterin beetartig ab. Es entstehen so genannte Plaques, die plötzlich aufreißen und die Arterie akut verschließen können. Das macht hohe Blutfettwerte, die man ansonsten nicht spürt, so gefährlich. Herzinfarkt, Schlaganfall oder die akute Durchblutungsstörung eines Beines oder Armes können die fatale Folge sein. Der plötzliche Verschluss von Herzkranzarterien kann zum Herztod führen. Häufig sind vom Cholesterinveränderte Gefäßwände mit Narbengewebe und Kalk durchsetzt und dadurch verengt („Adernverkalkung“, Arteriosklerose). Rauchen, Blut­hochdruck und Zuckerkrankheit tragen zu diesem Prozess bei und erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Gefäßkomplikationen.


Wovon hängt der Werte ab?

Der Cholesteringehalt unserer Nahrung beeinflusst den Blutfettwert nur geringfügig. Etwa 0,5 g nehmen wir pro Tag auf, das entspricht 20%-30% des Cholesterins im Blut. Die Hauptmenge von täglich 1-2 g erzeugt die Leber. Ihre Cholesterinproduktion wird durch unsere Gene bestimmt. Ein hohes Cholesterin ist also teilweise angeboren und wird durch Übergewicht, Bewegungsmangel und Zuckerkrankheit nur gefördert. Daher gibt es auch schlanke Sportler, die cholesterinarm essen und trotzdem einen hohen Blutfettspiegel haben.


Welche Werte sind normal?

Cholesterinbestimmungen ermitteln den gesamten Cholesteringehalt im Blut. Die Zahlen in Abbildung 2 geben diesen Wert an. Ein Gesamtcholesterin bis 200 mg/dl gilt als normal: Das Risiko, Arteriosklerose zu entwickeln, ist in der Regel durch solche Blutcholesterinwerte nicht erhöht. Im Rahmen der Vorsorge erstatten die gesetzlichen Krankenkassen jedes zweite Jahr die Bestimmung des Cholesterinspiegels. Die Blutabnahme erfolgt nüchtern, d.h. Sie sollten mindestens 5 Stunden vorher nichts gegessen und keine kalorienhaltigen Getränke getrunken haben.


Gutes und schlechtes Cholesterin

Das Gesamtcholesterin besteht überwiegend aus dem „schlechten“ LDL-Cholesterin1 und dem „guten“ HDL-Cholesterin.2 Hohe LDL-Werte gelten als „schlecht“, weil sich das LDL-Cholesterin in den Blutgefäßwänden ablagert und Arteriosklerose fördert. Hohe HDL-Werte gelten als „gut“, weil HDL-Cholesterin die Ablagerungen wieder aus den Gefäßen herausholt. Liegt der Wert des Gesamtcholesterins über 200 mg/dl, bestimmt die Hausärztin oder der Hausarzt daher den LDL- und den HDL-Wert gesondert, um das Arterioskleroserisiko genauer beurteilen zu können.

LDL-Spiegel ab 160 mg/dl werden als erhöht und Werte über 190 mg/dl als deutlich erhöht bezeichnet.
HDL-Werte gelten als zu niedrig, wenn sie unter 40 mg/dl liegen.


Wann muss behandelt werden?

Wenn es keine Hinweise auf eine Gefäßerkrankung gibt, können höhere Werte unbehandelt bleiben. Das gilt nicht, wenn bereits eine Gefäßkrankheit existiert, etwa eine Verengungen der Herzkranzgefäße oder Halsschlagadern, und wenn andere Risikofaktoren bestehen, zum Beispiel Rauchen, Bluthochdruck, Zuckerkrankheit oder familiäre Belastung. Sind aber keine zusätzlichen Risikofaktoren im Spiel, erfordern sogar Werte über 200 mg/dl oft keine Medikamenten.

Wann eine Behandlung sinnvoll ist und wann nicht, kann jeder selbst beurteilen. Sie werden empfohlen, wenn das Risiko, innerhalb von 10 Jahren eine Komplikation zu bekommen, im Bereich von 20%-40% liegt. Das bedeutet, dass immerhin 20-40 von 100 Betroffenen in 10 Jahren eine schwerwiegende Gefäßkomplikation erleiden. Dieses Risiko lässt sich verringern, wenn der Cholesterinwert etwa um ein Viertel gesenkt wird. Statt 20-40 würden dadurch nur noch 15-30 von 100 Personen betroffen sein. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass 70-85 von 100 Personen 10 Jahre lang behandelt werden, ohne davon zu profitieren. Dies veranschaulicht die Abbildung 1.


Risiko selbst abschätzen

In den USA haben Wissenschaftler die Einwohner der Stadt Framingham in der Nähe von Boston viele Jahre lang beobachtet und dabei gelernt, das individuelle Risiko für einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder andere Durchblutungsstörungen abzuschätzen. Danach wurde Abbildung 2 entwickelt, mit deren Hilfe auch Sie Ihr persönliches 10-Jahres-Risiko abhängig von Alter, Geschlecht, Blutdruck und Cholesterinkonzentration einordnen können. Die Gefährdung steigt durch zusätzliche gefäßschädigende Einflüsse wie Rauchen, Bluthochdruck, bei Blutzuckerkrankheit, weiteren Fettstoffwechselstörungen und wenn in der Familie vermehrt Gefäßkrankheiten vorkommen (vgl. Abbildung 2).

Jeder kann der Abbildung 2 entnehmen, wie es sich auswirkt, wenn der Cholesterinwert gesenkt wird.

Beispiel: Bei einem 50jährigen nichtrauchenden Mann mit einem systolischen Blutdruck von 140 mmHg (das ist die erste Zahl des gemessenen Blutdrucks wie z.B. 140/90 mmHg) bedeutet ein Cholesterinwert von 250 mg/dl ein 10-Jahresrisiko von 10%-20%. Rein rechnerisch erleiden 10-20 von 100 Personen mit diesen Risikofaktoren innerhalb von 10 Jahren eine bedrohliche Durchblutungsstörung. Durch verringerte Blutfettwerte lässt sich diese Gefahr um etwa 20% auf 8-16 Komplikationen reduzieren (Abbildung 1). Bei sonst gesunden jüngeren Menschen ergibt sich aus der Abbildung 2 – trotz erhöhtem Cholesterinwert – praktisch nie die Notwendigkeit einer Behandlung. Gleichzeitig können Sie aus der Ab­bildung 2 ableiten, was es bedeutet, nicht mehr zu rauchen oder einen erhöhten Blutdruck zu senken.

Die Abbildung veranschaulicht einerseits, dass Risikofaktoren ernst zu nehmen sind, andererseits dass nicht immer Medikamente genommen werden müssen. Wenn das individuelle Risiko niedrig ist, ist der Nutzen einer medikamentösen Therapie eher gering. Zudem sollten die potenziellen Nebenwirkungen der Medikamente bedacht werden.

Eindeutig ist die Situation, wenn man bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hat oder die Herzkranz- oder Halsschlagadern verengt sind. Dadurch verdoppelt sich (mindestens) das Risiko einer erneuten bedrohlichen Durchblutungsstörung. Sie sollten in diesen Situationen, ebenso wie bei Erkrankung an Diabetes mellitus, ein Cholesterin-senkendes Arzneimittel nehmen. Mehrere große Untersuchungen haben übereinstimmend gezeigt, dass cholesterinsenkende „Statine“ erneute Gefäßprobleme deutlich reduzieren können („Sekundärprävention“).

Niedrige HDL-Spiegel allein rechtfertigen in der Regel keine Behandlung mit Medikamenten, da bisher keine Studie einen überzeugenden Behandlungserfolg gezeigt hat.


Selbst aktiv werden

Eine gesunde Lebensweise kann helfen, das Cholesterin bis zu etwa 20% zu senken. Das ist etwa so viel wie durch Medikamente. Drei Faktoren, die insgesamt zu einer gesunden Lebensweise beitragen, sind besonders wichtig:

Bewegung: Mindestens 30 Minuten am Tag zügig spazieren gehen („Walking“), Joggen, Schwimmen oder Rad fahren.
Gewicht normalisieren: Übergewicht trägt zu erhöhtem Cholesterinspiegel bei. Daher ist eine Gewichtsreduktion ratsam. Ihr Bodymass-Index (= BMI) sollte idealerweise unter 25 kg/m2 liegen (siehe Kasten).

Gut ernähren: Gesunde Ernährung besteht aus einer ballaststoffreichen, cholesterinarmen Kost mit wenig gesättigten Fettsäuren. Den Verzehr von frittierten und gebratenen Produkten sollte man einschränken, ebenso wie den von fettem Fleisch, fet­ter Wurst und Käse mit hohem Fettanteil. Mehrmals am Tag sollten Sie Obst und Gemüse und Vollkornprodukte essen. Gut sind beispielsweise auch Olivenöl oder Rapsöl sowie Walnüsse. Diese Ratschläge sind in verschiedenen „Ernährungspyramiden“ anschaulich zusammengefasst. Richten Sie sich sicherheitshalber nicht nach „Ernährungspyramiden“, die Lebensmittelanbieter wie Nestlé im Internet oder in Prospekten verbreiten, um so ihre Produkte zu bewerben.

Achten Sie auch auf andere Risikofaktoren für Arteriosklerose: Rauchen Sie nicht und lassen Sie Ihren Blutdruck in der Arztpraxis oder Apotheke kontrollieren.


Medikamente

Sollten die Umstellungen von Ernährung und Lebensstil nicht ausreichen, können verschiedene Medikamente helfen. Sie können aber einen gesunden Lebensstil nicht ersetzen!

  • 1. Statine sind die erste Wahl zur medikamentösen Behandlung. Vor allem für Simvastatin und Pravastatin ist in großen Studien nachgewiesen, dass sie nicht nur das Cholesterin senken, sondern langfristig auch das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen verringern. Weitere Wirkstoffe dieser Gruppe sind Atorvastatin, Fluvastatin und Pravastatin. Alle diese Mittel wirken, indem sie die Cholesterinbildung in der Leber hemmen. Bei Leberschäden, Alkoholkrankheit und Muskel­erkrankungen dürfen Statine nicht eingenommen werden. Sie können Muskeln schädigen, vor allem wenn sie mit anderen Arzneimitteln in Wechselwirkung treten und dadurch die Konzentration der Statine im Blut ansteigt. Ihr Arzt wird daher vorsichtshalber regelmäßig die Höhe von Muskel- und Leberenzymen prüfen.
  • 2. Fibrate (Bezafibrat, Etofibrat, Fenofibrat, Gemfibrozil) haben heute an Bedeutung eingebüßt, da ihr langfristiger Nutzen in Bezug auf Herz-Kreislauferkrankungen – mit Ausnahme von Gemfibrozil – nicht belegt ist. Sie senken das Cholesterin weniger stark als die Statine, verringern aber andere Blutfette (Triglyzeride). Fibrate werden nur noch in Ausnahmefällen verordnet, z.B. bei Unverträglichkeit von Statinen. Gemfibrozil kann infrage kommen, wenn sowohl Triglyzeride als auch Cholesterin erhöht sind. Mit Magen-Darm-Verstimmung, Erhöhung der Muskelenzyme und selten der Bildung von Gallensteinen ist zu rechnen.
  • 3. Ezetimib hemmt die Aufnahme von Cholesterin aus dem Darm und senkt so den Cholesterinspiegel im Blut. Ob dadurch aber das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen verringert und das Leben verlängert wird, ist gegenwärtig noch unklar. Das sehr teure Medikament ist relativ neu auf dem Markt (seit 2002). Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Störungen, Kopfschmerzen und Muskelschmerzen sind häufig. Gelegentlich steigen die Leberenzymwerte. Ezetimid ist ein Reservemedikament für Patienten, denen nichts anderes hilft.
  • 4. Gallensäurebindende Wirkstoffe (Colestyramin, Colestipol) und Nikotinsäure spielen wegen geringer Wirkung und häufiger Nebenwirkungen nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Fazit

Ein erhöhter Cholesterin­wert ist nur gefährlich, wenn me­h­rere Ri­s­i­kof­ak­toren zu­sam­men­wir­ken. In ent­sprech­enden Tabellen kann jeder in etwa sein Risiko für bedrohliche Durch­blutungs­störungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall ablesen. Es ist abhängig von Alter und Geschlecht und steigt durch gefäß­­schädigende Einflüsse wie hohes Cholesterin, hohen Blutdruck, Rauchen, schon vor­handene Gefäß­krankheiten oder Zucker­krankheit sowie bei familiärer Belastung.
Eine medikamentöse Be­handlung lohnt sich in der Regel nicht, wenn nur der Cholesterinwert erhöht ist. Sie ist ratsam, wenn weitere Risiko­faktor­en bestehen. Eine gesunde Lebens­führung trägt dazu bei, dass Ihre Gefäße intakt bleiben.

 

Hinweise
1    LDL = low density lipoprotein, Lipoprotein mit niedriger Dichte
2    HDL = high density lipoprotein, Lipoprotein mit hoher Dichte


Abbildung 1 Cholesterinsenkung


Abbildung 2: Das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Durchblutungsstörungen der Beine in Abhängigkeit von Cholesterinkonzentration, Alter, Geschlecht und Blutdruck.


Abbildung 2 Cholesterinkonzentration


So lesen Sie die Abbildung:

Wählen Sie das Kästchen, das nach Alter, Geschlecht, Blutdruck und Gesamtcholesterin Ihren persönlichen Daten am nächsten kommt.

Die Farbe des Kästchens gibt (in Prozent) das Risiko an, innerhalb der nächsten 10 Jahre eine bedrohliche
Durchblutungsstörung zu erleiden. Achtung:

  • Ein noch höheres Risiko als das ermittelte besteht bei
  • Diabetes mellitus (bei Männern etwa verdoppelt, bei Frauen mehr als doppelt so hoch),
  • einer angeborenen Fettstoffwechselstörung,
  • in der Familie früh aufgetretenem Herzinfarkt, Schlaganfall oder Durchblutungsstörungen,
  • bei schon eingetretener Gefäßkrankheit (Risiko mehr als verdoppelt). 

Abbildung verändert nach Empfehlungen zur Therapie von Fettstoffwechselstörungen. 2. Aufl. 1999 Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.


Body Mass Index (BMI)

Der BMI ist ein grober Richtwert zur Bewertung des Körpergewichts.

BMI = Körpergewicht (in Kg) /(Größe (in Meter))2

Beispiel: Körpergewicht 90 kg, Körpergröße 1,76 cm. BMI = 90 kg/(1,76 m)2 = 29 kg/m2.

Richtwerte nach WHO
(in kg/m2):
Untergewicht: unter 20
Normalgewicht: 20–25
Übergewicht: über 25


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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