Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2008 / 02 S. 10

Offener Brief als Werbemaßnahme

Kopflausmittel-Hersteller schreibt an Ministerin

„Insektizide gehören nicht auf Kinderköpfe“. Mit dieser Schlagzeile über einem ganzseitigen „offenen Brief an die Gesundheitsministerin“ machte kürzlich die Firma Dr. Wolff in mehreren überregionalen Tageszeitungen auf ihr Kopflausmittel Etopril® aufmerksam.1 Doch was steckt hinter dieser Alarmmeldung? Und ist auf das Mittel überhaupt Verlass?

LäuseEtopril® enthält Dimeticon, das die Atemöffnungen von Kopfläusen und Nissen verschließen soll, sodass diese ersticken. Die Firma propagiert Etopril® „zur sanften Beseitigung von Läusen und Nissen“. Es sei „einfach und ohne Nissenkamm anzuwenden“.2

Mit dem „offenen Brief“ will ich „deutsche Kinder von Pestiziden befreien, und keiner hilft mir dabei“,3 beklagt sich der geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens Dr. Wolff. Er verweist auf „mehrere klinische Studien“, die die Wirkung „einwandfrei“ nachgewiesen haben sollen.1 Dabei zitiert er aber nur eine einzige Untersuchung. Und diese kann die Wirkung keinesfalls „einwandfrei“ belegen, denn das Dimeticon-haltige Präparat versagt in der Studie bei jedem dritten Anwender (35%, beim Vergleichsprodukt 30%).4 Eine kleine weitere Studie fällt für Etopril® tendenziell noch ungünstiger aus mit einer Versagerrate von insgesamt 42%.5* Das halten wir für unbefriedigend.

Läusemittel wie das ebenfalls insektizidfreie kokosölhaltige Medizinprodukt Mosquito® Läuseshampoo oder das Pyrethrum-haltige Goldgeist® forte sind vom Umweltbundesamt geprüft und stehen auf der so genannten Entwesungsmittelliste. Nur die dort genannten Läusemittel werden vom Robert Koch-Institut, das für die Krankheitsüberwachung zuständig ist, empfohlen. Und nur solche Mittel dürfen für die von Gesundheitsämtern angeordnete Läusebekämpfung, beispielsweise bei Kindergartenkindern, verwendet werden. Die Aufnahme in die Entwesungsmittelliste setzt standardisierte Wirksamkeitsprüfungen durch das Umweltbundesamt voraus. Diese Hürde muss der Anbieter für Etopril® noch nehmen. Der Antrag hierfür wurde übrigens erst im November 2007 gestellt.

Alles in allem bestätigt die Aktion der Firma Dr. Wolff wieder einmal, dass auf Informationen, die Hersteller in die Öffentlichkeit bugsieren, wenig Verlass ist. Das gilt auch dann, wenn in Form eines „offenen Briefes“ Engagement und Verantwortungsgefühl vermittelt werden sollen. Vorrangig geht es der Firma darum, ihr Produkt besser zu verkaufen. Denn schließlich gibt es bereits ein zugelassenes insektizidfreies Konkurrenzprodukt auf der Entwesungsmittelliste.


Quellen
1    Dr. Wolff: „Offener Brief an die Gesundheitsministerin zu Etopril®“, erschienen am 25. Febr. 2008 in der Süddt. Ztg., FAZ u.a.
2    Aufdruck auf dem Etikett von Etopril®
3    Dörrenberg, E.: zit. nach Kuchenbuch, P., Dahm, G.: Financial Times Deutschland vom 26. Febr. 2008
4    Burgess, I.F. et al.: BMJ 2005; 330: 1423
5    Burgess, I.F. et al.: PloS ONE 2007; 2: e 1127
*    Das Vergleichspräparat Malathion schneidet in der britischen Studie zwar schlechter ab, ist aber in Deutschland nicht mehr im Handel. Außerdem dürften die   
      in Großbritannien bekannten Resistenzen gegen dieses Insektizid zum schlechten Ergebnis beigetragen haben.


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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