Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2006 / 05 S. 08

Vorsicht: Rimonabant (Acomplia®)

Abnehmpille mit Lifestyle-Potenzial

Seit September 2006 gibt es in deutschen Apotheken Rimonabant (Acomplia®), einen Appetithemmer mit Lifestyle-Potenzial: „Unter Frauen droht die Bikini-Diät ersetzt zu werden durch die Pillen-Diät”, kommentiert der Spiegel. Schon Anfang des Jahres tauchten im Internet die ersten Fälschungen auf. Auch dies ist typisch für teure Lifestyle-Mittel. Doch was ist dran an der Neuerung?

Die Marketingstrategen der Firma Sanofi-Aventis haben gute Arbeit geleistet: Schon lange vor der Markteinführung des neuen Appetithemmers Rimonabant (Acomplia®) Anfang September überbieten sich Tageszeitungen und Magazine in Lobhudeleien. Auch der Spiegel verspricht für die „neue Wunderpille”, dass die „Pfunde purzeln” und „Dicke gesünder und auch etwas dünner” werden.1

Vom Wirkprinzip her ist Rimonabant in der Tat eine Neuerung. Die Beobachtung, dass Marihuana den Appetit anregen kann, machte man sich zu Nutze: Das neue Mittel blockiert genau das Rezeptorsystem im Gehirn, das diesen Marihuana-Effekt vermittelt. Es soll bei Übergewicht angeblich „überaktiv” sein. Ein „neuer Wirkmechanismus“ ist aber auf keinen Fall mit „besserer Wirksamkeit“ gleichzusetzen. Eher sollte es ein Hinweis auf zurückhaltende Anwendung sein, da die Erfahrungen mit Rimonabant noch sehr gering sind. Zugelassen ist die Neuerung als Ergänzung zu Diät und Bewegung ausschließlich für Übergewichtige mit einem Body Mass Index (BMI) über 29 kg/m2 und für Übergewichtige mit einem BMI über 27 kg/m2, die darüberhinaus Risikofaktoren wie Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen haben.

Wenn man sich die Studien, die zur Markteinführung führten, genauer ansieht, bleibt von den Vorschusslorbeeren für Rimonabant nicht viel übrig: Übergewichtige mit Ausgangsgewichten von 94 kg bis 104 kg, die ein Jahr täglich Rimonabant einnehmen, verlieren durchschnittlich lediglich 4-5 kg mehr als diejenigen, die ein Scheinmedikament einnehmen. Beiden Gruppen wurde mit einer Diätberatung nahegelegt, die tägliche Kalorienaufnahme um 600 kcal. zu senken.

Der größte Teil der Gewichtsreduktion wird in den ersten sechs Monaten der Einnahme erreicht. Nach Absetzen von Rimonabant steigt das Körpergewicht allerdings rasch wieder an.2 Dies erscheint auch nicht weiter verwunderlich, da die Medikamenteneinnahme – wie auch bei den älteren Appetithemmern – nicht zu Änderungen von Lebens- und Ernährungsgewohnheiten motiviert. Eher dürfte das Gegenteil der Fall sein, weil man sich auf das Medikament verlässt. Somit trägt auch Rimonabant zu dem unerwünschten Jo-Jo-Effekt bei, der charakteristisch für viele vergebliche Abspeckversuche ist und der sich möglicherweise ungünstig auf die Gesundheit auswirkt.

Auffällig ist, dass 40% bis 50% der Patienten die Studien wegen Unwirksamkeit, Nebenwirkungen oder auf eigenen Wunsch vorzeitig abbrechen. Unter den 16%, die die Einnahme wegen Verträglichkeitsproblemen vorzeitig beenden, klagen viele über Ängstlichkeit oder depressive Verstimmung.2 Das ist bei Präparaten, die auf Rezeptoren im Gehirn wirken, ein besonders ernst zu nehmendes Problem. Häufig ist auch mit Schwäche, Schwindel, Schlafstörungen, Durchfall, Übelkeit und Erbrechen und anderen Magenbeschwerden zu rechnen.

Schwangere dürfen Rimonabant nicht einnehmen, da entsprechende Erfahrungen fehlen. Vergeblich sucht man in den Packungsinformationen Hinweise darauf, dass Frauen, die schwanger werden können und Rimonabant einnehmen wollen, für eine sichere Empfängnisverhütung sorgen sollten. Aus Versuchen an trächtigen Kaninchen gibt es nämlich Hinweise auf Fehlbildungen. Tierversuche ergeben auch den Verdacht auf Nervenschädigungen. Die Kenntnisse zum Einfluss auf das Nervensystem sind noch unvollständig, unbefriedigend und alarmierend. Auch nach Ansicht der europäischen Zulassungsbehörde EMEA bestehen Unsicherheiten im Hinblick auf den langfristigen Gebrauch.3 Dennoch wurde das Mittel zugelassen!

28 Tabletten Acomplia® kosten 80,32 €. Dies bedeutet, dass etwa 1.000 € pro Jahr aufgewendet werden müssen, um durchschnittlich 4-5 kg abzunehmen. Lifestyle-Präparate wie z.B. Abmagerungsmittel werden grundsätzlich nicht von den Kassen erstattet. Es ist nicht nachgewiesen, dass Abnehmen mit Medikamenten Krankheitsrisiken vermindert.

Rimonabant (Acomplia®) ist kein Wundermittel. Wegen der im Schnitt nur dürftigen Verringerung des Körpergewichtes, die zudem nur bei kontinuierlicher Einnahme anhält, sowie den ungeklärten Risiken und den hohen Kosten raten wir von der Einnahme ab.


Quellen
1    „Raus aus der Todeszone”, der Spiegel 2006; 27: 114
2    arznei-telegramm 2006; 37: 77-8
3    EMEA: Europ. Bewertungsbericht ACOMPLIA, Stand Aug. 2006
    http://www.emea.eu.int/humandocs/Humans/EPAR/acomplia/acomplia.htm


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

GEPANSCHTES

Gepanschtes-Button-B272px

Heft-Archiv


Titelbild dieser Ausgabe


AKTION

AKTION 1000 neue Abonnenten

Spenden

Unsere Informationen gefallen Ihnen?
SpendenWenn Sie Gute Pillen – Schlechte Pillen mit einer Spende unterstützen, hilft uns das, unabhängig und werbefrei zu sein. GPSP ist gemeinnützig. Spenden sind steuerlich absetzbar: Spendenportal.de