Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2017 / 02 S. 17

Orange, rot, purpurn, braun…

Wenn der Urin plötzlich eine ganz ungewöhnliche Farbe hat

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© Jörg Schaber

Es kann erschrecken, wenn der Urin plötzlich rot oder braun aussieht. Das ist aber manchmal harmlos, denn die Ursache können bestimmte Arzneimittel oder Nahrungsmittel sein.

Hat ein Arzneiwirkstoff eine kräftige Eigenfarbe, wie etwa das gelbe Tolcapon im Parkinson-Mittel Tasmar® oder das bernsteinfarbene Immunsuppressivum Azathioprin (z.B. in Imurek®), kann sich der Urin ungewöhnlich verfärben. Dann jedenfalls, wenn das Mittel über den Urin ausgeschieden wird. Bisweilen färbt die Eigenfarbe eines Wirkstoffs auch andere Körperflüssigkeiten: So kann das bräunlich-rote Rifampicin, das in Tuberkulosemitteln steckt, auch Tränen, Speichel, Schweiß und Stuhl rötlich färben.

Bei anderen Arzneimitteln entwickelt sich eine Verfärbung nur unter bestimmten Bedingungen, zum Beispiel abhängig vom Abbau des Wirkstoffs im Körper, vom Säuregehalt oder der bakteriellen Besiedelung des Urins. So kann sich etwa bei Menschen, die ständig einen Katheter tragen müssen, der Urinbeutel unter dem Einfluss der beispielsweise in Sondennahrung enthaltenen Aminosäure Tryptophan violett färben.1

Nahrungsergänzungsmittel & Co.
Auch Nahrungsergänzungsmittel und „alternative“ Produkte sorgen bisweilen für beunruhigende Effekte. So hat ein Präparat der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), das unter anderem den Farbstoff Methylenblau enthält, den Urin einer Frau grün gefärbt. Die ungewöhnliche ­Farbe entsteht, wenn der blaue Farbstoff auf den gelblichen Urin trifft.1

Wie häufig solche unangenehmen Überraschungen vorkommen, und wie viele Medikamente und Nahrungsmittel zu buntem Urin führen, ist nicht systematisch untersucht. Die Beipackzettel und Informationen für Fachkreise machen zudem nicht immer zuverlässig auf diese Problematik aufmerksam.

TabelleVon Fall zu Fall schwierig
Allerdings ist eine konkrete Beschreibung der möglichen Urinfarbe manchmal auch gar nicht so einfach, unter anderem, weil sie von der Konzentration des Farbstoffs oder mehreren individuellen Faktoren abhängt – etwa dem jeweiligen Stoffwechselgeschehen. Beispielsweise kann Urin, in dem überschüssiges Vitamin B2 ausgeschieden wird, gelb oder orange aussehen. Und nach einer Narkose mit Propofol reichen die Angaben von blau bis grün. Dabei hängt die Farbe auch von der Intensität der natürlichen Gelbfärbung des Urins ab. Sogar weißer Urin ist nach Anwendung von Propofol vorgekommen. In der Tabelle geben wir Beispiele für Wirkstoffe, die Urin verfärben können.1

Manche Nahrungsmittel enthalten von Natur aus Farbstoffe, die in den Urin übergehen können, etwa Rote Bete oder Brombeeren: Sie können eine rote bis pinkfarbene beziehungsweise eine rotbraune Färbung bewirken. Der Rote-Bete-Farbstoff macht sich übrigens nur bei relativ wenigen Personen bemerkbar. Denn die Farbe verliert sich unter anderem, wenn der Urin alkalisch ist (erhöhter pH-Wert). Wer reichlich Karotten oder Spargel gegessen hat, bemerkt möglicherweise später orangefarbenen oder blau-grünen Urin. Nach Genuss von Rhabarber kann der Urin braun oder teeartig gefärbt sein. Nicht zuletzt können auch Farbstoffe, die Lebensmitteln zugesetzt werden, durchschlagen. Dazu gehört Brillantblau FCF, das z.B. in Süßwaren, Gebäck und Getränken verwendet wird.2

Fazit: Farbiger Urin ist harmlos, sofern Arzneimittel, Nahrungsergänzungen oder Lebensmittel die Ursache sind. Fehlt aber ein nachvollziehbarer Grund für die Veränderung, empfiehlt es sich, einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen. Denn manchmal ist die Verfärbung ein Krankheitszeichen. Rötlich verfärbter Urin kann z.B. bei einer Erkrankung der Harnwege oder des Geschlechtstraktes durch Blutbeimengung entstehen.


1    arznei-telegramm® (2016) 47, S. 122
2    arznei-telegramm® (2017) 48, S. 14


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.


Titelbild dieser Ausgabe


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