Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2011 / 04 S. 10a

Mit Fischöl gegen Herzinfarkt?

© Jörg Schaaber

Präparate mit Fischöl und die darin enthaltenen Omega-3-Fettsäuren werden bei erhöhten Blutfettwerten empfohlen. Sie sollen Menschen schützen, die bereits einen Herzinfarkt hatten. Nützen sie wirklich?

Manche Produkte mit Öl von Seefischen, die Omega-3-Fettsäuren enthalten (Ameu®, Eicosapen®, Lipiscor® und andere), sind als Medikament zugelassen. Sie sollen helfen, wenn eine Diät stark erhöhte Blutfettwerte (Triglyzeride) nicht ausreichend senkt. Da die Mittel nicht verschreibungspflichtig sind, werden sie von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet. Demgegenüber ist das an ungesättigten Fettsäuren angereicherte Fischöl-Präparat Omacor® verschreibungspflichtig und auch zur unterstützenden Vorbeugung nach einem überstandenen Herzinfarkt zugelassen.
 

Andere Medikamente nötig

Nach einem Infarkt brauchen Patienten mit hohen Blutfettwerten aber erst einmal ganz andere Medikamente: Zur Basistherapie gehören Blutplättchenhemmer wie Acetylsalicylsäure, Cholesterinsenker (CSEHemmer), ACE-Hemmer und andere.

Die Frage, ob zu dieser Basistherapie ergänzend eingenommene Fischölpräparate einen zusätzlichen Nutzen bringen, hat bereits 1999 eine italienische Forschergruppe untersucht. Sie fand einen geringen Schutzeffekt. Aber selbst dieser dürfte überschätzt worden sein, weil die Basistherapie der Herzinfarktpatienten keineswegs optimal war.1,2

Umfangreiche aktuelle Studien lassen erhebliche Zweifel an einem wirklichen Nutzen von Fischöl nach Herzinfarkt aufkommen. In der so genannten OMEGA-Studie3,4 profitierten die knapp 4.000 Patienten, die gerade erst einen Herzinfarkt überstanden hatten, nicht von Fischöl- Kapseln, die sie zusätzlich zur üblichen Basistherapie einnahmen. Sie hatten nicht weniger Herzinfarkte oder Schlaganfälle als jene Patienten, die ein Plazebo schluckten. In dieser Studie war allerdings die Dosis des Fischöls mit täglich 1 g sehr niedrig.

Die Studie ALPHA OMEGA5 mit fast 5.000 Patienten, die innerhalb der letzten 10 Jahre einen Herzinfarkt hatten, lässt ebenfalls keinen Vorteil für die viel beworbenen Omega- 3-Fettsäuren als Ergänzung zur Basistherapie erkennen. 40 Monate lang nutzten die Betroffenen Margarine mit Omega-3-Fettsäuren von Fischen, eine mit alpha-Linolensäure aus Pflanzen oder eine Kombination von beiden. Die Vergleichsgruppe aß Margarine ohne Beimischungen.

Schließlich lässt auch eine zusammenfassende Auswertung (Metaanalyse) von zwölf kontrollierten Studien keinen Nutzen von Fischöl- Präparaten erkennen.6

Es lohnt nicht, Fischöl als Ergänzung zur üblichen medikamentösen Therapie nach einem Herzinfarkt zu kaufen.


Quellen
1 Meyer FP (2006) AVP; 33, S. 14-15
2 arznei-telegramm (2003) 34, S. 54
3 Rauch B et al. (2010) Circulation; 122, S. 2152-2159
4 Eckel RH (2010) Circulation 122; S. 2110-2112
5 Kromhout D et al. (2010) N Engl J Med; 363, S. 2015-2026
6 Leon H et al (2009) BMJ; 338, S. a2931


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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