3. März 2014

RLS: RuheLoS

Unruhige Beine können nachts zur Folter werden

© Nobilior/ fotolia.com

Wen das Restless Legs Syndrom (RLS) nachts quält, fühlt sich tagsüber schachmatt. Meist trifft es ältere Menschen, vorwiegend Frauen. Bei leichten RLS-Beschwerden sorgen schon einfache Verhaltenstricks für mehr Ruhe. Reicht das nicht, können zum Beispiel niedrig dosierte Parkinsonmittel Erleichterung bringen. Gute Pillen – Schlechte Pillen erklärt, warum die Behandlung so schwierig ist und nennt die Wirkstoffe, die Ärzte üblicherweise verordnen.

Vier Symptome helfen Ärzten oder Ärztinnen, RLS zu diagnostizieren: Erstens ein Bewegungsdrang in den Beinen, der – zweitens – ausschließlich in Ruhe auftritt oder sich in Ruhe verstärkt, und sich, drittens, durch Bewegung bessert oder verschwindet. Viertens: Die Beschwerden nehmen abends oder nachts zu. Sie sind fast unerträglich und können schmerzhaft sein. Am stärksten sind sie meist zwischen Mitternacht und 2 Uhr früh.

Die Ursachen für RLS sind bislang noch nicht geklärt. Offenbar gibt es eine Veranlagung, aber kein spezielles Gen. Manchmal tritt RLS schon weit vor dem 30. Lebensjahr auf und kann mit ADHS („Zappelphilipp“) verwechselt werden. Betroffene gehen meist erst nach dem 50. Lebensjahr zum Arzt, weil ihre Beschwerden sich nach und nach verstärken.1 Ein Eisenmangel mag ebenfalls Ursache sein. Auch wer bestimmte Medikamente nimmt, kann das Syndrom bekommen. Dazu zählen Menschen, die wegen chronischer Schmerzen mit Psychopharmaka behandelt werden (etwa Antiepileptika, Neuroleptika) oder die Metoclopramid, ein Mittel gegen Übelkeit, einnehmen. Es lohnt sich daher bei Verdacht, nach einem Ersatzmedikament zu suchen.

RLS wird in der Hausarztpraxis sehr oft nicht erkannt2, weil es mit anderen Schlafstörungen verwechselt werden kann, oder auch mit „Polyneuropathien“3. Das sind schmerzhafte Empfindungsstörungen mehrerer Nerven, die bei Diabetikern oft vorkommen. Das RLS-typische Ziehen, Kribbeln oder Verkrampfungen in den Beinen kann auch als Ischiasproblem fehlinterpretiert werden.

Bei leichten RLS-Beschwerden sind keine Arzneimittel nötig. Kaltes Duschen oder trockenes Bürsten der Beine hilft oft. Auch ein Spaziergang abends oder nachts, Fahrradfahren oder der Heimtrainer kann Linderung verschaffen. Was nichts nützt sind Akupunktur4, frei verkäufliche Schmerzmittel, Chinin oder Magnesium. Kaffee oder Alkohol können die Beschwerden verstärken.

Bessert sich nichts, verordnen Ärzte Medikamente in niedriger Dosierung, die sich bei Parkinsonkranken bewährt haben. (Siehe Tabelle im GPSP-Originalartikel.) Diese Mittel beeinflussen bestimmte Nervenbotenstoffe, genauer gesagt: den Dopaminstoffwechsel im Gehirn. Manchen Menschen hilft es dann schon, ein Medikament „vorsichtshalber“ griffbereit zu haben (Notfall-Medikament). In Deutschland sind als dopaminerge Wirkstoffe Levodopa, Pramipexol und Ropinirol sowie als Pflaster Rotigotin für Patienten mit mittelschwerem und schwerem RLS zugelassen. Ob und wie stark die Präparate helfen, variiert individuell. Bereits das Gefühl, eine wirksame Substanz einzunehmen, kann die Beschwerden lindern (Placeboeffekt)5.

Manche Ärzte verordnen Wirkstoffe, weil sie bei dem einen oder anderen Patienten wirksam waren, obwohl sie bei uns nicht für RLS zugelassen sind. Dazu zählen Gabapentin, Pregabalin und bestimmte Opioide. Opioide sind gut wirksame starke Schmerzmittel, die aber bei längerer Anwendung auch Abhängigkeit auslösen können…

Viele Menschen verspüren trotz ihrer RLS-Medikamente nur wenig Besserung. Andere brechen die Therapie wegen unerwünschter Wirkungen ab. In schwierigen Situationen entscheiden sich Ärzte, mehrere Medikamente zu kombinieren6.

GPSP gibt zu bedenken: Auch wenn die Wirksamkeit von Levodopa im Vergleich zu Sub- stanzen wie Pramipexol als geringer eingeschätzt wird, hat es den Vorteil, dass es besser verträglich ist. „Leider haben die Arzneimittel, die gegen RLS helfen sollen, zum Teil erhebliche unerwünschte Wirkungen“, so Prof. Müller-Oerlinghausen. „Dazu gehört auch die Symptomverschlimmerung insbesondere unter den Dopamin-artigen Wirkstoffen. Ein anderer unangenehmer Effekt ist, dass manche Patienten auch bei bestem Willen ihre Emotionen nicht mehr kontrollieren können, was das alltägliche Miteinander enorm belasten kann.“

Den GPSP-Originalartikel finden Sie hier https://gutepillen-schlechtepillen.de/account/login.php?redirect=https://gutepillen-schlechtepillen.de/pages/archiv/jahrgang-2014/nr.-2-maerzapril-2014/ruhelose-beine-zu-spaeter-stunde-restless-legs-syndrom.php

Die Veröffentlichung dieser Mitteilung ist kostenlos unter Angabe der Quelle www.gutepillen-schlechtepillen.de. Über Rückmeldung oder Beleg freuen wir uns.


Quellen
1 Pornschlegel S, Lempert T (2013) AVP (im Druck)
2 Hening W u.a. (2004) Sleep Med; 5, S. 237
3 Manchmal leiden RLS-Patienten freilich auch zusätzlich unter Polyneuropathie!
4 Cui Y u.a. (2008) Cochrane Database Syst Rev; Issue 4: CD006457
5 Scholz H u.a. (2011) Cochrane Database Syst Rev; Issue 3: CD006009
6 Trenkwalder C (2012) Restless legs syndrome (RLS) and periodic limb movement disorder, in: DGN-Leitlinien http://qr.cx/uvG2

  • Extrawurst für pflanzliche Mittel

    Die Werbung für Nahrungsergänzung mit pflanzlichen Bestandteilen ist derzeit wenig reguliert. Hintergrund ist eine

  • Viele Risiken, wenig Nutzen: Tofacitinib

    Der Wirkstoff Tofacitinib wird seit einigen Jahren bei entzündlichen Krankheiten wie rheumatoider Arthritis

  • Verlässliches zum Thema Krebs

    Wer an Krebs erkrankt ist, hat meist sehr viele Fragen zu den Untersuchungen und der Behandlung. Verständliche und

  • Werbung – Aufgepasst!

    Fasern vom Feigenkaktus sollen überflüssige Pfunde verschwinden lassen. Und das in einem Ausmaß, das

  • Alles light oder was?

    Leicht, fettreduziert, zuckerarm – sind das bei Lebensmitteln stets die besseren Alternativen? Was diese Begriffe tatsächlich

  • „Das ist kein Humbug!“

    Wie viele Schmerzen kann ein Mensch aushalten? Lange musste sich die Medizin mit dieser Frage beschäftigen, wenn

 


Ausgabe 2021/03




AKTION

AKTION 1000 neue Abonnenten

Spenden

Unsere Informationen gefallen Ihnen?
SpendenWenn Sie Gute Pillen – Schlechte Pillen mit einer Spende unterstützen, hilft uns das, unabhängig und werbefrei zu sein. GPSP ist gemeinnützig. Spenden sind steuerlich absetzbar: Spendenportal.de