Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2020 / 01 S. 27

Gepanschtes

Lebensgefährliche Produkte aus dem Internet

© Annika Ucke
© Annika Ucke

Es ist schier entsetzlich, was da alles an stark wirksamen Substanzen in angeblich „natürlichen“ oder „rein pflanzlichen“ Nahrungsergänzungsmitteln auftaucht, wenn die Zusammensetzung derart angebotener Produkte im Labor überprüft wird.

Dass in Nahrungsergänzungsmitteln synthetisierte Erektionsförderer gefunden werden, ist schon fast kein berichtenswerter Aufreger mehr, so viele mit Sildenafil oder ähnlichen Substanzen gepanschte Produkte listen wir bereits in unserer GPSP-Internetdatenbank „Gepanschtes“. Aber es ist nur als kriminell zu bezeichnen, wenn ausgerechnet ein verschreibungspflichtiger Appetithemmer, der vor fast zehn Jahren wegen Herzschädlichkeit als Arzneimittel vom Markt musste, auch heute noch regelmäßig in vielen Nahrungsergänzungsmitteln gefunden wird. Dabei handelt es sich um Mittel, die angeblich auf natürlichem Wege helfen sollen, Gewicht zu verlieren.

Den vorläufigen Gipfel solcher verbrecherischen Aktionen bildet ein online angebotenes Nahrungsergänzungsmittel, das Gesundheitsbehörden in Singapur entdeckt haben. Angeblich soll es lediglich standardisierte Kräuterextrakte enthalten. Gefunden wurde Mycophenolsäure. Dabei handelt es sich um einen Wirkstoff, der wesentliche Funktionen des Immunsystems hemmt. Als verschreibungspflichtiges Arzneimittel hilft es nach Organtransplantation, das Risiko einer Abstoßung des eingepflanzten Organs zu verringern. In dieser Situation müssen Patienten zwangsläufig schwere unerwünschte Wirkungen in Kauf nehmen. Für Gesunde jedoch, die sich vielleicht erhoffen durch „Verzehr“ eines angeblich „natürlichen“, jedoch gepanschten Nahrungsergänzungsmittels ein paar Pfund abzunehmen, bedeutet die Mycophenolsäure Lebensgefahr: Durch die Schwächung der Immunabwehr drohen Infektionen. Bei längerer Einnahme kann es zu Lymphknotenerkrankungen bis hin zu bösartigen Lymphomen kommen. In der Schwangerschaft eingenommen steigt zudem die Wahrscheinlichkeit von Fehlbildungen.

Die Produktbeschreibungen zahlreicher Nahrungsergänzungsmittel, auch von gepanschten Produkten, gaukeln Käufern eine heile Welt vor. Sie ergeben keinerlei Hinweise auf deren tatsächliche Qualität und Reinheit. Der beste Schutz für Verbraucherinnen und Verbraucher besteht darin, die meist überflüssigen Mittel zu meiden, und schon gar nicht im Internet zu kaufen. Wer sich dennoch dafür entscheidet, sollte Versandhändler aus Deutschland oder dem nahen Ausland nutzen, auf deren Internetseiten das Sicherheitslogo zur Überprüfung der Legalität der Webseite zu finden ist. Das haben wir in GPSP 5/2015, S. 15 beschrieben.

In den zwei Monaten seit der letzten Ausgabe von GPSP haben wir 31 weitere illegale Produkte aufgespürt, erneut überwiegend gepanscht mit Erektionsförderern. Im Internet (www.gutepillen-schlechtepillen.de/heft-archiv/gepanschtes/) finden Sie jetzt Näheres zu mehr als 2.100 illegalen Nahrungsergänzungsmitteln. Damit haben Sie Zugriff auf die weltweit umfangreichste öffentlich zugängliche Datenbank zu gepanschten Produkten. Doch auch diese kann leider nur der Spitze des Eisbergs darstellen, weil eine systematische behördliche Überprüfung der Inhaltsstoffe und Qualität von Nahrungsergänzungsmitteln fehlt.

Neu gefunden

Mit chemischen Potenzmitteln gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

Alien 2 Power Platinum 11000: Tadalafil
Alien Power Platinum 11000: Tadalafil
Big Penis Kapseln: Sildenafil
Boss Lion 9.000 Kapseln: Sildenafil
Boss Number #Six: Sildenafil + Tadalafil
De Guo Heijin Gang: Sildenafil
Herb Viagra Kapseln: Sildenafil
Macho Artificial Passion Fruit Flavored Vitamin C: Tadalafil
Odimato Powerful Tabletten: Sildenafil
Plant Vigra Pillen: Sildenafil
Poseidon Platinum: Sildenafil + Tadalafil
Red Diamond Viagra: Sildenafil
Rhino 69 Platinum 75000: Sildenafil
Rhino 8 Platinum 80000: Sildenafil
Rhino King 15000: Tadalafil
Rhino Super Long Lasting 200K: Tadalafil
Silver Bullet 10 Male Enhaucement Kapseln: Sildenafil
UP2: Sildenafil
Vigour Tabletten: Sildenafil

Sildenafil ist der Wirkstoff des Arzneimittels Viagra® (auch in zahlreichen Generika erhältlich) und Tadalafil der Wirkstoff von Cialis® (ebenfalls in Generika). Die Panscherei von Nahrungsergänzungsmitteln mit nicht deklarierten – also verheimlichten – verschreibungspflichtigen Wirkstoffen gegen Erektionsstörungen ist besonders heimtückisch und kriminell: Sie können Verbraucher erheblich gefährden, denn manche Menschen dürfen gerade solche chemischen Erektionsförderer nicht einnehmen. Dazu gehören Herzkranke, die gleichzeitig Nitropräparate wie Isosorbiddinitrat (ISDN) oder ähnliche Arzneimittel gegen Angina pectoris benötigen ( GPSP 2/2013, S. 4 – http://www.gutepillen-schlechtepillen.de/angina-pectoris/). In Kombination mit einem chemischen Erektionsförderer wie Sildenafil kann der Blutdruck lebensbedrohlich abfallen. Vor allem wer aus medizinischen Gründen chemische Erektionsförderer meiden muss, erhofft sich jedoch möglicherweise Hilfe von den als harmlos beworbenen Nahrungsergänzungsmitteln und ist unwissentlich gefährdet, wenn er an ein gepanschtes Produkt gerät.

Mit chemischem Appetithemmer gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

Absolute Nine Slim: Sibutramin + Desmethylsibutramin
Adelgasin Plus Kapseln: Sibutramin + Desmethylsibutramin
BeColi: Sibutramin + Bisacodyl + Sennoside
Detoxi Slim Kapsen: Sibutramin
Reduktis Max Kapseln: Sibutramin
Slim Perfect Legs + High Fibre: Sibutramin
Super Slimming Herb: Sibutramin
Susuya Kapseln: Sibutramin + Bisacodyl

Sibutramin war 1999 bis 2010 als verschreibungspflichtiges Arzneimittel (Reductil®) im Handel. Dann musste es – längst überfällig – weltweit wegen seines Herz-Kreislauf-schädigenden Potenzials aus dem Handel gezogen werden (GPSP 2/2010, S. 8 – http://gutepillen-schlechtepillen.de/kurz-und-knapp-endlich-sibutramin-reductil-vom-markt/). Sibutramim kann den Blutdruck und die Herzschlagrate erhöhen und gefährdet vor allem Menschen mit koronarer Herzkrankheit (Angina pectoris), Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfall in der Vorgeschichte. Es drohen Herzinfarkt, Herzstillstand, Schlaganfall u.a. Auch wenn gleichzeitig bestimmte andere Medikamente eingenommen werden, sind lebensbedrohliche Folgen möglich. Desmethylsibutramin ist eine nahe Variante von Sibutramin, die nie als Arzneimittel im Handel war.

Das Abführmittel Bisacodyl ist bei gelegentlicher Einnahme relativ gut verträglich, jedoch weder für eine regelmäßige Einnahme vorgesehen noch dafür geeignet. Das Abführmittel kann einen vorübergehenden Gewichtsverlust vorgaukeln, weil der Darm entleert wird. Es macht aber nicht schlank und hilft nicht abzunehmen.

Sennoside sind in Sennesblättern enthalten und galten lange als mildes Abführmittel. Sennoside gehören zur Wirkstoffgruppe der Anthrachinone, für die es Risikosignale krebserregender Effekte bei längerer Einnahme gibt. Die Datenlage ist allerdings widersprüchlich. Vorsichtshalber sollten Sennoside – wenn überhaupt – nur einmalig eingenommen werden.

Mit sonstigen chemischem Wirkstoffen gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

BFB Be Fast Block Kapseln: Clenbuterol
CholesLo: Lovastatin
Diabotica Kapseln (Best Nutrition Products): Mycophenolsäure
Skinny Pillen: DMAA (Dimethylamylamin)

Clenbuterol dient in der Medizin zur Behandlung von Asthma bronchiale, allerdings heute nur noch vergleichsweise selten. In der Viehzucht ist es illegal als Masthilfe und im Sport als Dopingmittel verwendet worden. Ein Nahrungsergänzungsmittel mit einem solchen Wirkstoff zu panschen, kann man nur als kriminell bezeichnen. An unerwünschten Wirkungen ist beispielsweise mit Kopfschmerzen, Muskelzittern und erhöhter Herzschlagrate zu rechnen.

Dimethylamylamin (DMAA) kann in Kombination mit Koffein längerfristig den Blutdruck dauerhaft erhöhen und das Herz-Kreislauf-System schädigen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bezeichnet den Kenntnisstand über die gesundheitlichen Auswirkungen von DMAA als „lückenhaft“. Menschen mit erhöhtem Blutdruck und anderen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sollten auf keinen Fall DMAA-haltige Produkte schlucken. Doch wie sollen sich Verbraucherinnen und Verbraucher schützen, wenn Lebensmittel – und dazu gehören rechtlich die Nahrungsergänzungsmittel – mit DMAA gepanscht sind (siehe auch GPSP 2/2013, S. 27)?

Das Produkt CholesLo wird im Internet stark beworben. Es soll angeblich „auf natürlichem Weg“ die Cholesterin- und Lipidwerte im Blut verbessern – „Ohne Arzneimittel & ohne Diät“. Bei der Überprüfung im Labor wurde allerdings Lovastatin entdeckt, ein verschreibungspflichtiger Cholesterin-senkender Arzneistoff. Häufige unerwünschte Wirkungen sind beispielsweise Blähungen, Bauchschmerzen, Hautausschlag, Kopf- und Muskelschmerzen u.a.

In dem Produkt Diabotica wurde Mycophenolsäure entdeckt. Dies ist eine der bedenklichsten Panschereien, die wir in den letzten Jahren aufgespürt haben. Mycophenolsäure hemmt die Funktion des Immunsystems. Es wird daher als verschreibungspflichtiges Medikament nach Organtransplantation verwendet, um Abstoßungen eines eingepflanzten Organs zu unterdrücken. Neben vielen anderen unerwünschten Wirkungen erhöht das Medikament die Gefährdung durch Infektionen. Die längere Einnahme kann auch das Risiko von gutartigen und bösartigen Vergrößerungen von Lymphknoten (Lymphome) erhöhen. Zudem besonders bedenklich: In der Schwangerschaft eingenommen steigt die Wahrscheinlichkeit von Fehlbildungen.


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.


Titelbild dieser Ausgabe


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