Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2009 / 06 S. 12

Dr. Annett Gauruder-BurmesterDr. Annett Gauruder-Burmester ist Ärztin für Frauenheilkunde und leitet in Berlin das NDIBZ (= Neues Deutsches Interdisziplinäres Beckenbodenzentrum). Vor dem Medizinstu­dium arbeitete sie als Hebamme und Anästhesieschwester, später bildete sie sich in Sexualmedizin und Proktologie1 fort. Bis 2008 war Annett Gaurunder-Burmester Leitende Ärztin des Beckenbodenzentrums am Berliner St. Hedwig-Krankenhaus.


Belastungsinkontinenz  (Stressinkontinenz)
Der Schließmuskel der Harnröhre schafft es nicht, das ungewollte Abfließen von Harn aus der Blase zu verhindern. Nerven- und Gewebeschäden sind die Ursache. Vor allem beim Husten, Niesen oder Laufen ist der Druck auf den Verschlussmechanismus zu hoch. Es tröpfelt.

Überaktive Blase (Dranginkontinenz)
Weil sich die Muskulatur in der Blasenwand schon bei leichter Füllung unwillkürlich zusammenzieht, verspüren Betroffene einen häufigen und sehr starken Harndrang. Es kommt leicht zu ungewolltem Harnverlust. Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle, auch psychische.


Nachgefragt

Inkontinenz vermeiden

Was tun, wenn die Blase überläuft?

Eine von zehn Frauen hat schon als Vierzigjährige Blasenprobleme. Sie muss ständig zur Toilette oder es tropft beim Sport oder jedem Hüsteln. Auch für viele Männern jenseits der 40 ist Harninkontinenz ein Thema. Trotzdem: Es handelt sich um keine Epidemie wie oft geunkt wird. Und wer die Ursachen versteht, kann die sehr lästigen Folgen oft vermeiden. Oder sie von Experten lindern oder beheben lassen.


GPSP: Ist Inkontinenz ein Problem unserer Zeit?

Gauruder-Burmester: Das ist nicht so. Die Großmutter hat noch gesagt: „Damit muss ich leben“, aber in den letzten Jahren hat sich das Problembewusstsein geändert. Immer mehr Frauen kommen schon kurz nach der Geburt zu mir in die Sprechstunde. Und sind entsetzt, weil da was nicht mehr funktioniert.

GPSP: Ist Gebären denn ein beson­deres Risiko?

Gauruder-Burmester: Das kann so sein. Aber auch Alterungsprozesse spielen eine große Rolle. Bei Frauen sinkt allmählich der Östrogenspiegel, wodurch das Gewebe nicht mehr so straff ist. Zudem nimmt die Zahl der Muskelzellen ab, auch im Schließmuskel der Harnröhre. Das erklärt, warum selbst Nonnen im Kloster Inkontinenzprobleme bekommen.2 Eine Beckenbodensenkung haben sie aber selten.

GPSP: Denn die geht häufig auf das Konto von Geburten?

Gauruder-Burmester: Ja. Es gibt mehrere Faktoren rund um die Geburt, die eine Senkung fördern und oft parallel Harninkontinenz verursachen (siehe Kasten). Dazu gehört insbesondere die Größe des Kindes. Einer Frau, die ein Kind von über 4500 Gramm erwartet, rate ich zum Kaiserschnitt, vor allem wenn sie selbst nicht sehr groß ist. Grundsätzlich sollte die Austreibungsphase nicht zu lange dauern, andererseits halte ich es für falsch, diese durch Druck auf den Bauch beschleunigen zu wollen. Das strapaziert den Beckenboden, der mit seinen Muskeln und Bändern die Organe im Unterleib an Ort und Stelle hält. 

GPSP: Beugt Gymnastik in der Schwangerschaft Inkontinenz vor?

Gauruder-Burmester: Die Stärke der Beckenbodenmuskeln ist eine Fra-
ge der Konstitution. Sinnlos ist Gymnastik, die Beine, Bauch und Po trainiert. Sich viel zu bewegen und nicht nur herumzusitzen, ist sicher gut. Aber wirklich empfehlen kann ich nur gezielte Beckenbodentherapie.

GPSP: Helfen Übungen aus Büchern oder Internet?

Gauruder-Burmester: Nein. Wer be­reits Probleme hat, braucht eine gezielte Physiotherapie, bei der auch vaginal3
geprüft wird, wie gut der Beckenboden beim Üben angespannt wird. Vielen Frauen fehlt das Gefühl dafür.
GPSP: Erstatten die Krankenkasse die Kosten für Beckenbodentherapie?

Gauruder-Burmester: Ja, aus guten Gründen. Denn wenn ich vorbeuge, spare ich Kosten, die später durch Medikamente, Operationen oder Inkontinenzeinlagen entstehen.

GPSP: Was kann eine Frau nach einer Geburt tun?

Gauruder-Burmester: Wir müssen dem Beckenboden Zeit geben, sich zu erholen. Zunächst geht es um die Rückbildung der Gebärmutter. Mit Beckenbodentherapie beginnen wir erst nach drei Monaten. Ein Jahr nach der Geburt sollte der Blasenverschluss wieder gut funktionieren. Wenn nicht, dann empfehle ich eventuell einen operativen Eingriff.

GPSP: Hat der denn Aussicht auf anhaltenden Erfolg?

Gauruder-Burmester: Ein Krankenhaus, in dem sich pro Woche nur fünf Frauen mit Inkontinenz vorstellen, ist vielleicht nicht die richtige Adresse. Meine Empfehlung ist ganz klar: Gehen Sie zu Spezialisten! Vor einer Operation4 sollten allerdings andere wichtige Maßnahmen ausgeschöpft sein. Sowohl bei Frauen als auch bei Männern.

GPSP: Haben Männer nicht ganz andere Inkontinenzprobleme?

Gauruder-Burmester: Männer und Frauen können unter einer Belastungsinkontinenz leiden oder unter einer überaktiven Blase (siehe Kasten). Bei Männern führt die Entfernung der Prostata oft zur Belastungsinkontinenz. Wie bei der Frau hilft vielen schon Beckenbodentraining. Man kann dies durch elektrische Stimulation der Muskeln,5 die sich zusammenziehen müssen, verstärken und über Bio-Feedback erfährt der Patient oder die Patientin, wie stark sie den Schließmuskel, der die Harnröhre umgibt, anspannt. Medikamente, die für Frauen zugelassen sind, wenden wir bei Männern übrigens ebenfalls an.6

GPSP: Sie meinen den Wirkstoff Duloxetin, der zwar in Deutschland zur Therapie der Belastungsinkontinenz zugelassen ist, nicht aber in den USA und vielen anderen Ländern ?

Gauruder-Burmester: Unserer Erfahrung nach lässt sich mit dieser Substanz die Kontrolle des Schließmuskels oft verbessern. Jeder muss selbst herausfinden, ob er profitiert.

GPSP: Aber in Studien kann das teure Mittel im Vergleich zu Plazebo nicht richtig überzeugen, und es gibt viele unerwünschte Wirkungen.7

Gauruder-Burmester: Das Mittel hat durchaus Nebenwirkungen wie Übelkeit, Mundtrockenheit und Schlaflosigkeit. Bei Personen, die Antidepressiva benötigen, müssen wir vorsichtig sein, weil da manchmal die gleiche Substanz unter anderem Namen eingesetzt wird.

GPSP: Was hilft bei der überaktiven Blase, die nicht nur Frauen sondern auch Männer mit intakter Prostata erheblich beeinträchtigt?
Gauruder-Burmester: Vor allem das Blasentraining. Es ist falsch, weniger zu trinken, damit man nicht zur Toilette muss. Richtig ist, normal zu trinken und den Toilettengang kontinuierlich etwas hinauszögern. Die Blase kann sich so wieder daran gewöhnen, gut gefüllt zu sein.

GPSP: Gibt es weitere Optionen?

Gauruder-Burmester: Manchmal reicht es Medikamente, zum Beispiel entwässernde, abzusetzen oder zu ersetzen. Ansonsten werden oft Anticholinergika verordnet, die die Blasenmuskulatur entspannen sollen. Deren Effekt ist nicht immer so groß, dass Patienten Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit oder Appetitlosigkeit in Kauf nehmen wollen. Bei älteren Menschen kann die Substanzgruppe eine Demenz vortäuschen (GPSP 4/07, S. 11). Wir bevorzugen Pflaster, etwa mit Oxybutynin.

GPSP: Und welche Mittel probiert man noch aus, bevor es zu einer Operation kommt?

Gauruder-Burmester: Manchmal injizieren wir Botulinumtoxin A, also Botox®, in die Blasenwand.8 Das hält ein halbes bis zu einem Jahr vor, und eventuell hat sich das Problem hinterher erledigt. Die Blase meldet sich wieder im normalen Rhythmus. Und wenn Frauen unter Belastungsinkontinenz leiden und sich in der Menopause das Scheidengewebe stark zurückgebildet hat, verordne ich Estriol als Zäpfchen oder Salbe. Das Gewebe wird dicker, was die  Verschlussfunktion verbessern kann.

GPSP: Gibt es noch etwas, was sowohl Frauen als auch Männer mit Inkontinenzproblemen hilft?

Gauruder-Burmester: Abnehmen bei Übergewicht! Wer statt 60 oder 65 Kilo ganze 130 Kilo auf die Waage bringt, belastet seinen Beckenboden ganz erheblich. Er riskiert eine Senkung, die sich dadurch verstärkt, dass viele Fettleibige unter Verstopfung leiden und beim Stuhlgang pressen. Das schafft Belastungen wie in der Schwangerschaft oder unter der Geburt.

GPSP: Und was ist sinnlos?

Gauruder-Burmester: Konen. Die tamponartigen Gewichte sollen tagsüber getragen werden und den Beckenboden trainieren. Aber sie nützen bei Inkontinenz nicht. Konen stärken einen belastbaren Beckenboden, zur Inkontinenzbehandlung können Sie sie vergessen. 

GPSP: Danke für das Gespräch.


Quellen
1    Die Lehre vom Darm und seinen Erkrankungen.
2    Buchsbaum GM et al. Obstet Gynecol 2002, 100(2): 226-9
3    über die Scheide
4    Manchmal reicht es, ein kleines Band einzusetzen, oder es wird der richtige Winkel zwischen Blase und Harnröhre wieder hergestellt, oder ein künstlicher Schließmuskel wird eingesetzt.
5    Hay-Smith EJ, Dumoulin C. Pelvic floor muscle training versus no treatment, or inactive control treatments, for urinary incontinence in women. Cochrane Database Syst Rev 2006;(1): p. CD005654
6    Sie werden dann außerhalb der Zulassung angewendet(off label). Die Behandlung ist vom Patienten selbst zu zahlen.
7    arznei-telegramm 2004, 35: 120
8    Botox® hat dafür keine Zulassung (off label Gebrauch). Die Behandlung ist vom Patienten selbst zu zahlen.


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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