Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2019 / 06 S. 27

Gepanschtes:

Getestet und durchgefallen: Überwachungsbehörden

© Annika Ucke
© Annika Ucke

Die Behörden sind überfordert – nicht nur bei der Kontrolle von importierten Nahrungsergänzungsmitteln. Selbst die Überwachung im Inland funktioniert nicht, wie ein Fernsehteam jüngst aufdeckte.

Beim Zoll fallen des Öfteren verdächtige Lieferungen aus dem Ausland auf, so auch ein Päckchen mit Power Khan Globuli. Die sichergestellte Ware überprüfte das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz: Es entdeckte in den schwarzen Kügelchen stark schwankende Mengen des verschreibungspflichtigen Erektionsförderers Sildenafil sowie dessen Abkömmlinge.1 Ein Zufallsbefund. Eine systematische Überprüfung der aus dem Ausland gelieferten Nahrungsergänzungsmittel ist wegen der ungeheuren Vielzahl der Produkte nicht möglich. Aber selbst regelmäßige Stichproben unterbleiben. Während beispielsweise Behörden in Kanada oder in den USA fortlaufend Untersuchungsergebnisse der weltweit über den Versandhandel gelieferten Produkte veröffentlichen, passiert bei uns so gut wie nichts. Die Behörden sind überfordert.

Einfach Gift angemeldet
Wie überfordert sie hierzulande sind, hat kürzlich ein Reporterteam von Report Mainz (ARD) entlarvt.2 In Deutschland hergestellte Nahrungsergänzungsmittel müssen beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) lediglich registriert werden.3 Dafür ist nicht etwa das Produkt selbst, sondern – ganz simpel – nur sein Etikett einzureichen. Für die Überwachung des Produkts sind dann die Landesbehörden zuständig. Die Reporter hatten bewusst ein gefährliches Nahrungsergänzungsmittel für den Verkauf angemeldet und sandten hierfür Etiketten für Fantasieprodukte mit Namen wie Imuno Royal oder Imuno Royal Forte ein. Auf diesen war als Zutat eine der giftigsten Pflanzen gelistet: Stechapfelextrakt (Datura). Das BVL gab – wie vorgeschrieben – die Information an jene Bundesländer weiter, in denen die Nahrungsergänzungsmittel produziert werden sollten. Zu erwarten gewesen wäre, dass die zuständigen Behörden vor Ort den Vertrieb solcher offensichtlich giftigen Produkte rasch unterbunden hätten. Aber es passierte nichts. Es fehle an Zeit und Personal beklagt im Fernsehinterview ein anonym bleibender Lebensmittelkontrolleur. Notwendig wäre ein Zulassungsverfahren für Nahrungsergänzungsmittel.

Die größte Gefährdung geht allerdings nach wie vor von Nahrungsergänzungsmitteln aus, die aufgrund großmäuliger – eigentlich erkennbar unrealistischer – Versprechungen über unseriöse Versandhändler aus dem Ausland nach Deutschland kommen. In den zwei Monaten seit der letzten Ausgabe von GPSP haben wir insgesamt 42 illegale Produkte aufgespürt, die diesen Weg nehmen können. Die neu gefundenen Produkte sowie alle zuvor entdeckten finden Sie in der Online-Version dieses Artikels. Im Internet (www.gutepillen-schlechtepillen.de/heft-archiv/gepanschtes) veröffentlichen wir somit Näheres zu inzwischen mehr als 2.100 illegalen Nahrungsergänzungsmitteln. Damit haben Sie Zugriff auf die weltweit umfangreichste öffentlich zugängliche Datenbank zu gepanschten Produkten. Doch auch diese bildet leider nur der Spitze des Eisbergs ab, weil eine systematische Überprüfung der Qualität von Nahrungsergänzungsmitteln fehlt.


1    Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz (2019) Pressemitteilung vom 8. Juli www.a-turl.de/?k=ingw
2    Butter C und Reichert P (2019) SWR Pressemitteilung vom 9. Sept. www.a-turl.de/?k=euen
3    BVL (2019) Nahrungsergänzungsmittel www.a-turl.de/?k=uhlh

Neu gefunden

Mit chemischen Potenzmitteln gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

Alien 2 Power Platinum 1100: Tadalafil
Alien Power Platinum 1100: Tadalafil
Alpha Men Extreme 3000: Sildenafil
Anaconda Strong Formula: Sildenafil
Australia: Sildenafil
Black Stallion 5000: Sildenafil + Tadalafil
Boss Number Six: Sildenafil + Tadalafil
Bull Thunder 1600 mG: Yohimbeextrakt
Fire Ant XL: Sildenafil
FX 5000: Yohimbeextrakt
Green Lumber: Tadalafil
Increasing Delay: Sildenafil
Jaguar 25000: Tadalafil
Jaguar 30000: Sildenafil + Tadalafil
Kangaroo Ultra 3000: Flibanserin
La Pepa Negra: Sildenafil
LOBO: Sildenafil
Lollipop: Sildenafil + Tadalafil + Yohimbeextrakt
Lucky Lady: Tadalafil
Lung Leader: Sildenafil
MACA: Sildenafil
Mero Macho Artificial Passion Fruit Flavored Vitamin C Liquid
Supplement: Tadalafil
Platinum 11000: Tadalafil
Poseidon Platinum: Sildenafil + Tadalafil
Power Khan: Sildenafil
Rhino 12 Titanium 200 K: Sildenafil
Rhino 25 Platinum 25000: Sildenafil, in anderer Charge Yohimberinde
Rhino 7 Platinum 150 K: Sildenafil
Rhino 7 Platinum 5000: Sildenafil + Yohimberinde
Rhino 8 Platinum 8000: Sildenafil
Rhino 88 Platinum 8000: Sildenafil
Rhino 99 Platinum 8000: Sildenafil
Rhino King 1500: Tadalafil
Slam: Sildenafil + Tadalafil
Stift Rox: Sildenafil + Tadalafil
Vita-X Revitalizing Extra Strength Kapseln: Sildenafil
XOXO Hard Rock: Sildenafil

Sildenafil ist der Wirkstoff des Arzneimittels Viagra® (auch in zahlreichen Generika erhältlich), Tadalafil wurde zuerst als Cialis® angeboten, inzwischen gibt es ebenfalls viele Generika. Die Panscherei von Nahrungsergänzungsmitteln mit nicht deklarierten – also verheimlichten – verschreibungspflichtigen Wirkstoffen gegen Erektionsstörungen ist besonders heimtückisch und kriminell. Sie können Verbraucher erheblich gefährden. Denn manche Menschen dürfen gerade solche chemischen Erektionsförderer nicht einnehmen. Dazu gehören Herzkranke, die gleichzeitig Nitropräparate wie Isosorbiddinitrat (ISDN) oder ähnliche Arzneimittel gegen Angina pectoris benötigen (GPSP 2/2013, S. 4 – http://www.gutepillen-schlechtepillen.de/angina-pectoris/). In Kombination mit einem chemischen Erektionsförderer wie Sildenafil kann der Blutdruck lebensbedrohlich abfallen. Vor allem wer aus medizinischen Gründen chemische Erektionsförderer meiden muss, erhofft sich jedoch möglicherweise Hilfe von den als harmlos beworbenen Nahrungsergänzungsmitteln und ist unwissentlich gefährdet, wenn er an ein gepanschtes Produkt gerät.

Yohimberinde stammt vom Yohimbe-Baum („Potenzholz“). Enthalten ist Yohimbin, ein natürlich vorkommender verschreibungspflichtiger Wirkstoff, der vor allem in vergangenen Jahrzehnten als libidosteigerndes Mittel („Aphrodisiakum“) verwendet worden ist, ohne dass der tatsächliche Nutzen zuverlässig belegt ist. Gut dokumentiert sind hingegen häufige, zum Teil beträchtliche unerwünschte Wirkungen, darunter Blutdruckabfall – weswegen es vor dem Ersten Weltkrieg ein gängiges Bluthochdruckmittel war –, Angst, Reizbarkeit, Schwindel, Tremor, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Übelkeit u.a.

Flibanserin ist ein verschreibungspflichtiger Wirkstoff, der in den USA zur Behandlung von vermindertem sexuellen Verlangen bei Frauen zugelassen worden ist. Tagsüber eingenommen kann das Reaktionsvermögen beeinträchtigt werden, was möglicherweise Unfälle nach sich zieht. Sehr häufig ist mit unerwünschten Wirkungen wie Müdigkeit, Schwindel und Übelkeit zu rechnen. Schwere unerwünschte Effekte sind Blutdruckabfall, Angst, Ohnmacht u.a.



Mit chemischem Appetithemmer gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

JaDera: Sibutramin
Lanugar: Sibutramin + Desmethylsibutramin
Love in S: Sibutramin + Desmethylsibutramin
Sheaya Lender: Sibutramin + Fluoxetin

Sibutramin war 1999 bis 2010 als verschreibungspflichtiges Arzneimittel (Reductil®) im Handel. Dann musste es – längst überfällig – weltweit wegen seines Herz-Kreislauf schädigenden Potenzials aus dem Handel gezogen werden (GPSP 2/2010, S. 8 – http://gutepillen-schlechtepillen.de/kurz-und-knapp-endlich-sibutramin-reductil-vom-markt/). Sibutramim kann den Blutdruck und die Herzschlagrate erhöhen und gefährdet vor allem Menschen mit koronarer Herzkrankheit (Angina pectoris), Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfall in der Vorgeschichte. Es drohen Herzinfarkt, Herzstillstand, Schlaganfall u.a. Auch wenn gleichzeitig bestimmte andere Medikamente eingenommen werden, sind lebensbedrohliche Folgen möglich. Desmethylsibutramin ist eine nahe Variante von Sibutramin, die nie als Arzneimittel im Handel war.

Bei Fluoxetin, einem Wirkstoff gegen Depressionen, machen sich die kriminellen Panscher offensichtlich zahlreiche unerwünschte Wirkungen dieses Wirkstoffes aus der Reihe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) zunutze, um eine Gewichtsreduzierung zu bewirken: hauptsächlich Appetitlosigkeit, Übelkeit, Durchfall und Veränderungen des Geschmacksempfindens. Eine anhaltende Verringerung des Körpergewichts oder gar eine schlanke Linie ist durch solche Effekte allerdings nicht möglich. Hinzu kommen unerwünschte Wirkungen wie Schlafstörungen, Desorientiertheit, Störung der Sexualfunktion und viele weitere.




Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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