Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2018 / 05 S. 27

Gepanschtes:

Auch Ärzte zu ­wenig informiert

© Schlierner/ fotolia
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Die medizinische Fachliteratur berichtet nur selten über Nahrungsergänzungsmittel, die mit stark wirkenden chemischen Stoffen gepanscht sind, und auch nicht über die Folgen. Dabei gibt es tausende solch gepanschter Produkte mit Risiken. Wenn eine Arzneitherapie unerwartete oder ungewöhnliche Folgen hat, fragen Ärzte und Ärztinnen allzu oft nicht einmal nach, ob neben den verordneten Arzneimitteln auch Nahrungsergänzungsmittel oder andere „heilsame“ Produkte geschluckt werden. Und Patientinnen und Patienten halten es meist nicht für erforderlich, ihrem Arzt zu berichten, dass sie auch Nahrungsergänzungsmittel verwenden. Meist gehen sie wohl davon aus, dass es sich dabei um harmlose natürliche Produkte ohne Nebenwirkungen handelt.

Einen der seltenen Berichte über die Folgen der Einnahme eines gepanschten Nahrungsergänzungsmittels hat kürzlich die renommierte Ärztezeitschrift Lancet publiziert. Es geht um eine 58-jährige aus Südostasien stammende Frau, die seit 30 Jahren an der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) und zunehmend auch an Folgeerkrankungen leidet. Sie war relativ stabil auf antidiabetische und andere notwendige Arzneimittel eingestellt – bis sie auf einen Teil der verordneten Medikamente verzichtete und durch ein aus Indien stammendes Nahrungsergänzungsmittel ersetzte. Der Anbieter hatte Heilung versprochen. Die lebenslange Einnahme von blutzuckersenkenden Mitteln wäre nicht mehr erforderlich. Da auch einige ihrer Bekannten das gleiche Nahrungsergänzungsmittel verwendeten, fiel sie schließlich auf die verlockenden Versprechungen herein. In der Folgezeit litt sie zunehmend an Unterzuckerungen. Ihre Nierenfunktion verschlechterte sich. Nach eineinhalb Jahren setzte sie das angeblich rein pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel wieder ab.

Die behandelnden Ärzte schöpften Verdacht und ließen das Kräutermittel untersuchen. Im Prüflabor wurden darin die blut­zuckersenkenden Arzneistoffe Gli­benclamid und Metformin ent­deckt – mit deutlich abwei­chenden Dosierungen von Tablette zu Tablette. Eine kalkulierbare Behandlung des Diabetes mellitus ist mit einem solchen gepanschten Produkt nicht möglich. Die versprochene Heilung der Krankheit durch ein Nahrungsergänzungsmittel ist ohnehin eine nicht erfüllbare und kriminelle Versprechung. Sie soll den Verkauf des Produktes fördern und nutzt die Gutgläubigkeit chronisch kranker Menschen aus.

Panschereien „sind wahrscheinlich verbreiteter als allgemein angenommen“,1 kommentieren die berichtenden Ärzte. Leider nennen sie in ihrem Artikel nicht den Namen des überprüften Nahrungsergänzungsmittels. Die Folge: Ihr Bericht kann in dieser international verbreiteten Fachzeitschrift zwar Ärzte auf das Problem gepanschter Produkte und deren Folgen aufmerksam machen. Verwender des angeblich Diabetes heilenden Produktes können jedoch nicht konkret vor diesem gewarnt werden. GPSP legt daher seit mehr als einem Jahrzehnt Wert darauf, möglichst viele gepanschte Nahrungsergänzungsmittel beim Namen zu nennen.

In den zwei Monaten seit der letzten Ausgabe von GPSP haben wir 20 weitere illegale Produkte aufgespürt. Im Internet (www.gutepillen-schlechtepillen.de/heft-archiv/gepanschtes/) finden Sie Näheres zu mehr als 2.000 illegalen Nahrungsergänzungsmitteln. Damit haben Sie Zugriff auf die weltweit umfangreichste öffentlich zugängliche Datenbank zu gepanschten Produkten. Doch auch diese bildet leider nur die Spitze des Eisbergs ab, weil eine systematische Überprüfung von Nahrungsergänzungsmitteln fehlt.


1    Steyn M. u.a. (2018) Lancet; 391, S. 2411

Neu gefunden

Mit Abführmittel Phenolphthalein gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

Adipotrim: Phenolphthalein
Body Shape: Phenolphthalein
Ho Kkaido Kapseln: Phenolphthalein

Phenolphthalein: Die abführende Chemikalie Phenolphthalein wurde vor Jahren z.B. als Darmol® Abführschokolade verkauft. Das Abführmittel kann einen vorübergehenden Gewichtsverlust vorgaukeln, weil der Darm entleert wird. Es macht aber nicht schlank, sondern vielleicht sogar krank: Arzneimittel mit Phenolphthalein sind nämlich bereits vor vielen Jahren wegen ihres krebsauslösenden Potenzials vom Markt verschwunden. Wer langfristig ein Phenolphthalein-haltiges Mittel einnimmt, riskiert Magen-Darm-Störungen, Herzrhythmusstörungen, Krebs und andere unerwünschte Folgen.


Mit chemischen Appetithemmern und zum Teil zusätzlich mit Abführmittel u.a. gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

AB Slim: Sibutramin + Phenolphthalein + Sildenafil
Adriana Balance S: Sibutramin
Asuna: Sibutramin + N-Desmethylsibutramin, Benzylsibutramin + Phenolphthalein + Diclofenac
Fat Loss Slimming Beauty Kapseln: Sibutramin + Phenolphthalein
Lyn DTox F33: Sibutramin + N-Desmethylsibutramin
Row of Antibody Pil: Sibutramin + Phenolphthalein
Slim Xtreme Kapseln: Sibutramin

Sibutramin: Sibutramin war 1999 bis 2010 als verschreibungspflichtiges Arzneimittel (Reductil®) im Handel. Dann musste es – längst überfällig – weltweit wegen seines Herz-Kreislauf-schädigenden Potenzials aus dem Handel gezogen werden (GPSP 2/2010, Seite 8 – http://gutepillen-schlechtepillen.de/kurz-und-knapp-endlich-sibutramin-reductil-vom-markt/). Sibutramim kann den Blutdruck und die Herzschlagrate erhöhen und gefährdet vor allem Menschen mit koronarer Herzkrankheit (Angina pectoris), Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfall in der Vorgeschichte. Es drohen Herzinfarkt, Herzstillstand, Schlaganfall u.a. Wenn gleichzeitig bestimmte andere Medikamente eingenommen werden, sind ebenfalls lebensbedrohliche Folgen möglich. Sibutramin-Varianten wie Desmethylsibutramin oder Benzylsibutramin wurden niemals am Menschen untersucht. Ihre Risiken sind unbekannt, können jedoch in etwa denen von Sibutramin entsprechen.

Phenolphthalein: Näheres zu diesem Abführmittel siehe weiter oben unter „Mit chemischem Appetithemmer und zum Teil mit Abführmittel gepanscht“.

Diclofenac: Näheres zu diesem Rheuma-/Schmerzmittel weiter unten unter „Mit chemischem Rheuma- bzw. Schmerzmittel gepanscht“.

Sildenafil: Näheres zu diesem chemischen Erektionsförderer siehe weiter unten unter „Mit chemischen Potenzmitteln gepanscht“.



Mit chemischen Potenzmitteln gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

Black Stallion: Sildenafil
Chong Cao Qiang Shen Wang: Sildenafil
C.U. Plus: Sildenafil + Tadalafill
Dale Mas: Sildenafil + Tadalafill
Ginseng – sexual performance enhaucement: Sildenafil
Gold Viagra: Sildenafil
Grakcu Kapseln: Sildenafil + Tadalafill
Maxidus Kapseln: Sildenafil
Maximum Powerful: Sildenafil

Sildenafil ist der Wirkstoff des Arzneimittels Viagra® (auch in zahlreichen Generika erhältlich) und Tadalafil der Wirkstoff von Cialis®. Die Panscherei von Nahrungsergänzungsmitteln mit solchen nicht deklarierten – also verheimlichten – verschreibungspflichtigen bzw. unerprobten Arzneiwirkstoffen gegen Erektionsstörungen ist besonders heimtückisch und kriminell. Sie können Verbraucher erheblich gefährden, denn manche Menschen dürfen gerade solche chemischen Erektionsförderer nicht einnehmen. Dazu gehören Herzkranke, die gleichzeitig Nitropräparate wie Isosorbiddinitrat (ISDN) oder ähnliche Arzneimittel gegen Angina pectoris benötigen (GPSP 2/2013, S. 4 – http://www.gutepillen-schlechtepillen.de/angina-pectoris/). In Kombination mit einem chemischen Erektionsförderer wie Sildenafil oder Tadalafil und deren Abkömmlingen kann der Blutdruck lebensbedrohlich abfallen. Vor allem wer aus medizinischen Gründen chemische Erektionsförderer meiden muss, erhofft sich jedoch möglicherweise Hilfe von den als harmlos beworbenen Nahrungsergänzungsmitteln und ist unwissentlich gefährdet, wenn er an ein gepanschtes Produkt gerät.


Mit Rheuma- bzw. Schmerzmittel gepanscht

Produkt: auf der Packung nicht deklarierte Stoffe

Slim Evolution – 100% Natural Ingrediants: Diclofenac

Was ein entzündungshemmendes Schmerz- und Rheumamittel in einem zum Abnehmen angepriesenen angeblich 100% natürlichen Nahrungsergänzungsmittel zu suchen hat, bleibt wohl das Geheimnis der kriminellen Panscher. Diclofenac kann schwere Magen-Darm-Störungen auslösen einschließlich Blutungen, Geschwüre oder sogar Durchbruch in Magen oder Darm. Besonders gefährdet sind Menschen, die bereits Arzneimittel wie Diclofenac oder Ibuprofen aus der Gruppe der so genannten nichtsteroidalen Entzündungshemmer, einnehmen, es also zu Überdosierungen kommen kann. Wer Medikamente benötigt, die die Blutungswahrscheinlichkeit erhöhen, z.B. einen Blutverdünner wie Phenprocoumon (Marcumar®, Generika), ist durch ein Nahrungsergänzungsmittel, das mit Diclofenac gepanscht ist, verstärkt durch Blutungen gefährdet.



Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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