Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2012 / 06 S. 08

Bestseller Nr. 5 – ACC® Hexal

ACC® Hexal steht auf Rang 5 der meist verkau$en Medikamente in Deutschland. Es ging 2011 in den Apotheken 12 Millionen Mal über den Ladentisch. Acetylcystein, der Wirkstoff des Mittels, soll bei Erkältung mit Bronchitis das Abhusten erleichtern. Was können Sie von dem Wirkstoff erwarten?

Acetylcystein wird als Schleimlöser seit 1994 ohne Rezept verkauft. Solche auch Sekretolytika genannten Arzneistoffe sollen zähen Schleim verflüssigen, der sich in den Bronchien – also den Verästelungen der Luftwege der Lunge – festgesetzt hat. Acetylcystein zerlegt die großen Schleimfasern in kleinere Bruchstücke, sodass sie sich besser abhusten lassen. Dies ist zumindest die Theorie. In der Praxis könnte Acetylcystein noch am ehesten wirksam werden, wenn es inhaliert wird und dadurch direkt in Kontakt mit dem Schleim kommen kann.

Bei der meist rasch vorübergehenden akuten Bronchitis durch eine Erkältung kommen solche Inhalationen allerdings nicht infrage. Denn erstens braucht man spezielle Vernebler, zweitens ist der Nutzen der Inhalation bei Erkältungsbronchitis nicht belegt, und drittens empfehlen Lungenärzte Inhalationen von Acetylcystein nicht, weil diese bei Asthmakranken Asthmaanfälle auslösen.1

Acetylcystein wird heutzutage meist als Brausetabletten oder Saft eingenommen. Im Unterschied zur Inhalation gelangt aber – wenn überhaupt – nur wenig Wirkstoff in die Bronchien. So wundert es nicht, dass sich ein Nutzen des eingenommenen Acetylcysteins in seriösen wissenschaftlichen Studien nicht zuverlässig nachweisen lässt. Dennoch werden schleimlösende Mittel bei Erkältungshusten in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern mächtig beworben und daher häufig verwendet.

In Ländern wie Großbritannien und Australien hingegen sind schleimlösende Mittel kein Renner, da sie dort allgemein als wirkungslos gelten.2 Studien, in denen Schwerkranke, die beatmet werden mussten, Acetylcystein intravenös erhielten, bestätigen die Zweifel an der Wirksamkeit des Mittels. Sogar sehr hohe tägliche Dosierungen von 3 g bis 13 g blieben ohne relevante Effekte auf die Konsistenz des Bronchialschleims und die Lungenfunktion.1 Wer sich dennoch Acetylcystein-Präparate kaufen will, sollte bedenken, dass unerwünschte Wirkungen möglich sind, darunter Übelkeit und Brechreiz, allergische Reaktionen einschließlich Hautausschlag, sowie Kopfschmerzen.

Da wir Acetylcystein-haltige Präparate nicht empfehlen können, verzichten wir auf den gewohnten Preisvergleich. Hier nur ein Beispiel: 20 Brausetabletten ACC® akut Hexal 600 mg kosten 8,82 €. Es gehört damit zu den teureren Präparaten. Eine alternative Behandlung, die fast nichts kostet, haben wir in GPSP 7/2007, S. 3 beschrieben: Viel trinken – sofern keine andere Krankheit dagegen spricht, z. B. Herzschwäche. Die Flüssigkeitszufuhr soll dazu beitragen, dass der Schleim weniger zäh ist und sich besser abhusten lässt. Auch das Inhalieren von Wasserdampf kann helfen.


Quellen
1 Lemmer B (2012) in Schwabe U, Paffrath D (Hrsg.) Arzneiverordnungs-Report 2012, Berlin: Springer, S. 474
2 Poole P, Black PN (2010) Mucolytic agents for chronic bronchitis or chronic obstructive pulmonary disease, Coch rane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 2  [Zugriff Okt. 2012]


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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