Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2006 / 01 S. 02

Hefepilze im Darm

Harmlos oder heimliche Gefahr?

Wenn von „Pilzen im Darm“ die Rede ist, handelt es sich in der Regel um den Hefepilz Candida albicans (auch Soorpilz genannt). Hefepilze verursachen angeblich die verschiedensten Beschwerden. Doch die meisten Menschen haben Hefepilze im Darm und sind völlig gesund.


Hefepilze sollen nicht nur typische Magen-Darm-Probleme wie Verstopfung oder Blähungen verursachen, sondern auch Akne, Migräne, anhaltende Müdigkeit, Depression, geringere sexuelle Lust, Herzbeschwerden und vieles mehr. Für dieses Sammelsurium an Beschwerden wurde ein eindrucksvoller Name geschaffen: „Hefepilz-Überempfindlichkeits-Syndrom“ oder auch „Candida-Hypersensitivitäts-Syndrom”.

Allerdings fehlen Beweise dafür, dass eine Besiedelung des Darminhaltes mit Hefepilzen diese Erkrankungen tatsächlich verursacht. Zu diesem Schluss kommen Experten vom Robert Koch-Institut, nachdem sie fast 200 wissenschaftliche Veröffentlichungen ausgewertet haben.a


Normale Darmbewohner

Hefepilze im Stuhl sind völlig normal. Bei bis zu acht von zehn gesunden Personen lassen sie sich im Darminhalt nachweisen. Hefepilze und andere Keime gelangen bereits bei der Geburt oder im Säuglingsalter in den Magen-Darm-Trakt. Bei den meisten Menschen besteht daher kein Grund zur Besorgnis. Eine Behandlung ist nicht erforderlich. Nur in Extremsituationen werden die sonst harmlosen Hefepilze manchmal gefährlich, d.h. verursachen eine Entzündung der Darmschleimhaut. Das geschieht zum Beispiel, wenn die körpereigene Abwehr durch die Therapie einer Krebserkrankung geschwächt ist, oder wenn nach einer Organverpflanzung das Immunsystem mit Arzneimitteln teilweise außer Funktion gesetzt werden muss. Dann können Hefepilze sogar vom Darm ins Blut übergehen. Diese Patienten sind schwer krank.

Unter bestimmten Bedingungen können Hefeinfektionen auch bei „Gesunden” auftreten. Sie betreffen dann Haut oder Schleimhäute und äußern sich etwa als Windelsoor des Säuglings oder als Scheidensoor.Auch wenn eine andere Erkrankung mit Antibiotika behandelt wurde, kann das ökologische Gleichgewicht im Darm gestört sein und die Besiedelung des Darmes mit Hefen vorübergehend zunehmen. Andere Faktoren wie Ernährungsgewohnheiten, Lebensmittelzusatzstoffe, Umweltschadstoffe, die Einnahme empfängnisverhütender Mittel haben keinen nachweisbaren Einfluss auf das Vorkommen von Hefen im Darm.


Mit Pilzen leben

Eine Behandlung Gesunder, bei denen Hefepilze im Darm festgestellt werden, er­übrigt sich aus den bereits genannten Gründen. Den Darm komplett und anhaltend von Hefen zu befreien, ist zudem unmöglich. Selbst wenn man ein Anti-Pilzmittel eingenommen hat und sich die Hefen zunächst nicht mehr nachweisen lassen, „tummeln“ sie sich bereits vier bis fünf Tage nach Absetzen der Therapie schon wieder im Stuhl.

Bisweilen werden so genannte Anti-Pilz-Diäten empfohlen. Fast immer soll man dabei auf Zucker verzichten, offenbar wegen der Vorstellung, so ließe sich der Pilz „aushungern”. Solche Diäten sind schon deshalb fragwürdig, weil die üblichen Zucker bereits im Dünndarm vollständig vom Körper aufgenommen werden und daher im Dickdarm gar nicht mehr als Nahrung für die Hefepilze zur Verfügung stehen. Dementsprechend hatte eine zuckerreiche Kost bei Freiwilligen keinen negativen Effekt auf die Besiedelung des Darms mit Hefepilzen. Auch Hungerkuren sind ungeeignet und möglicherweise sogar schädlich. Aufgrund von Nährstoffmangel im Darm könnten Pilze dann in tiefere Gewebeschichten eindringen.b Besonders abzuraten ist auch von „reinigenden Darmspülungen“, bei denen Sauerstoff zugeführt wird. Durch dieses Verfahren wird das Gegenteil des gewünschten Effekts erreicht: Es werden Bedingungen geschaffen, unter denen Hefepilze sich besonders gut vermehren.a

Vielfach wird zu einer „Darmsanierung“ mit Anti-Pilzmitteln geraten, wenn Frauen wiederholt an Pilzbefall der Scheide (Scheidensoor) erkranken. Der Nutzen dieses Behandlungsansatzes ist aber zweifelhaft. Denn es lässt sich noch nicht einmal eindeutig belegen, dass Hefepilze aus dem Darm die Entstehung oder häufige Wiederkehr solcher Soor-Erkrankungen fördern.a
Auch wenn manche Frage zu Pilzen im Darm noch offen ist, lässt sich mit einiger Sicherheit folgern, dass spezielle Anti-Pilz-Therapien in der Regel nicht erforderlich sind.


Wann doch behandeln?

Sofern sich Hefepilze im Darm­inhalt nachweisen lassen, darf diese Besiedelung des Darms mit Pilzen nicht als Infektion missverstanden werden. Anders ist dies bei Candida-Infektionen, die andere Organe als den Darm betreffen. Sie müssen oft behandelt werden. Dies gilt beispielsweise für Mundsoor oder den Befall der Speiseröhre mit Hefe­pilz. Hier werden Nystatin-Präparate oder andere Anti-Pilzmittel angewendet. Gegen eine ­Candida-Infektion des Babypopos (Windelsoor) helfen trockene Windeln, frische Luft am Po und bei Bedarf Nystatin-haltige Pasten. Bei Scheidensoor sind Scheidenzäpfchen mit Nystatin oder einem anderen Anti-Pilzmittel hilfreich.

Quellen
a    Empfehlungen des Robert Koch-Instituts: Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2004; 47: 587-600
b    ZAHN, A., STREMMEL, W.: internist. praxis 2005; 45: 31-8



Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

GEPANSCHTES

Gepanschtes-Button-B272px

Heft-Archiv


Titelbild dieser Ausgabe


AKTION

AKTION 1000 neue Abonnenten

Spenden

Unsere Informationen gefallen Ihnen?
SpendenWenn Sie Gute Pillen – Schlechte Pillen mit einer Spende unterstützen, hilft uns das, unabhängig und werbefrei zu sein. GPSP ist gemeinnützig. Spenden sind steuerlich absetzbar: Spendenportal.de