Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2007 / 05 S. 12

Zu gefährlich

Abnehmpille Acomplia® muss weg

Als „Wunderpille“, die „Dicke gesünder und auch etwas dünner“ macht, begrüßte der Spiegel den Appetithemmer Rimonabant (Acomplia®). Doch an dieser Behauptung ist nicht viel dran. Jetzt wird langsam deutlich, wie hoch die Risiken dieser Substanz sind: Angst und Depressionen treten häufig auf. GPSP fordert ein Verbot.

Mülleimer, Abnehmpille AcompliaUnsere Zweifel und Bedenken gegen Rimonabant (Acomplia®) äußerten wir bereits vor einem Jahr: „Wegen der im Schnitt nur dürftigen Verringerung des Körpergewichtes, die zudem nur bei kontinuierlicher Einnahme anhält, sowie den ungeklärten Risiken und den hohen Kosten raten wir von der Einnahme ab.“ (GPSP 5/2006, Seite 8) Im wichtigsten Arzneimittelmarkt der Welt, in den USA, wurde Rimonabant gar nicht erst zugelassen. Erst kürzlich hat das Expertengremium, das die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA berät, mit 14 gegen 0 Stimmen gegen Rimonabant gestimmt. Der Grund für die Negativbewertung sind die besonderen Risiken des Appetithemmers.1

Rimonabant blockiert ein Rezeptorsystem im Gehirn, das bei Übergewicht angeblich „überaktiv“ ist. Diese Blockade kann mit einer Reihe sogar lebensbedrohlicher unerwünschter Wirkungen einhergehen: Nach einer von der FDA veranlassten Auswertung der Daten von 13 Studien mit knapp 15.000 Patienten besteht ein besonderes Risiko, dass die Einnahme Selbstmordgedanken fördert. Wer Rimonabant schluckt, denkt doppelt so häufig an Selbstmord wie Menschen, die ein Scheinmedikament einnehmen. In den Studien wurden zwei Selbsttötungen unter Rimonabant erfasst, jedoch keiner in der Kontrollgruppe, die ein Plazebo schluckten. Auch Angst und Depressionen sowie Schwindel oder Gedächtnisstörungen sind unter Rimonabant auffällig häufig. Verletzungen und Unfälle passieren 7 von 100 Personen, die Rimonabant einnehmen, unter Plazebo sind es nur 4 von 100. Auch besteht der Verdacht, dass das Risiko von Krampfanfällen steigt.

Dass Rimonabant die Psyche und das Nervensystem beeinträchtigen kann, war bereits bei Markteinführung vor einem Jahr in Europa klar. Nach den Daten der amerikanischen Arzneimittelbehörde geschieht das sehr häufig. Bei der üblichen Tagesdosis von 20 mg treffen diese Nebenwirkungen jeden Vierten, unter Plazebo nur jeden Siebten. Die europäische Arzneimittelbehörde EMEA zog im Juli 2007 halbherzige Konsequenzen und schränkte die Anwendung von Rimonabant ein: Wer an schwerer Depression leidet oder Antidepressiva einnimmt, darf Rimonabant nicht mehr verwenden. Aber auch wer schon einmal unter Depressionen gelitten oder an Selbstmord gedacht hat, soll auf das Mittel verzichten.

Diese einschränkenden Maßnahmen reichen nicht aus. Wir können nicht nachvollziehen, warum in Europa ein Appetithemmer verkauft werden darf, für den

  • nicht nachgewiesen ist, dass er Krankheitsrisiken vermindert, die auf Übergewicht beruhen,
  • dessen Marktzulassung in den USA einstimmig abgelehnt worden ist und
  • der schwere Risiken wie Depression und Selbstmordgefährdung besitzt.

Wir raten erneut von der Einnahme von Rimonabant ab. Das bedenkliche Mittel sollte vom Markt genommen werden. Appetithemmende Medikamente sind ohnehin ein Irrweg: Die angebotenen Präparate wirken allenfalls kurzfristig, d.h. so lange sie geschluckt werden. Wer langfristig abnehmen will, braucht Eigeninitiative, um Lebens- und Essgewohnheiten zu ändern.


Quelle
1 arznei-telegramm 2007; 38: 72


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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