Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2015 / 03 S. 25

Abenteuerliche Heilsbotschaften

Wie vital sind Vitalpilze?

Seite-25
© Norman Chan/ fotolia.com

Glaubt man diversen Internetseiten, müssen sie wahre Wundermittel sein: Vitalpilze werden als Therapeutikum bei zahllosen Krankheiten beworben. Aber ist die Wirksamkeit der Produkte überhaupt wissenschaftlich belegt?

Für jede Krankheit scheint ein Pilz gewachsen zu sein, so legt es zumindest eine alphabetische Auflistung1 auf der Internetseite der Gesellschaft für Vitalpilzkunde nahe.2 Von A wie Akne bis W wie Winterdepression: Viele Leiden lassen sich demnach mit dem „richtigen“ Pilz behandeln.

Was als Vitalpilze angepriesen wird, sind Pilze, die – etwa aus geschmacklichen Gründen – üblicherweise nicht als Speisepilz verzehrt werden. Zum Teil sind sie aus der traditionellen chinesischen Medizin bekannt. Verkauft werden die Pilze getrocknet und zerkleinert, als Pulver in Kapseln gefüllt oder als Extrakte. Als Arzneimittel sind solche Vitalpilz-Produkte nicht zugelassen, Anwender können aber leicht den falschen Eindruck gewinnen, dass es sich um medizinische Therapeutika handelt, mit denen sich erfolgreich Krankheiten behandeln lassen. Vor einer solchen Täuschung der Verbraucher warnt die Gemeinsame Expertenkommission des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).3

Die Kritik dieser Kommission: Offiziell sind die Pilze als Nahrungsergänzungsmittel im Verkehr, also als Lebensmittel. Und für solche Produkte ist eine krankheitsbezogene Werbung verboten. Während die Vitalpilze oder Zubereitungen daraus meist ohne unerlaubte Anwendungshinweise verkauft werden, finden sich für die Pilze im Internet zahlreiche Behauptungen zu einer medizinischen Wirkung. Auf der Suche nach Informationen landen Käufer ganz automatisch auf den entsprechenden Seiten. „Die Kommission sieht die Gefahr, dass Verbraucher die Vitalpilzprodukte aufgrund der krankheitsbezogenen Bewerbung im Internet als Arzneimittel ansehen können“, heißt es dazu in der Stellungnahme der Experten.

Würde es sich tatsächlich um ein Arzneimittel handeln, müssten Wirksamkeit und Unbedenklichkeit in einem Zulassungsverfahren nachgewiesen werden, so sieht es das Arzneimittelgesetz vor. Dies ist nicht erfolgt. So sind Verbraucherinnen und Verbraucher also versucht, sich mit Produkten zu therapieren, bei denen weder bewiesen ist, dass sie wirken, noch dass sie gut verträglich sind.

toxisch
giftig

Die Expertenkommission hatte bei drei der beliebtesten Vitalpilze geprüft, wie deren Wirkung im Internet dargestellt wird: dem chinesischen Raupenpilz, der Schmetterlingstramete und dem Lackporling.

Der chinesische Raupenpilz (Cordyceps sinensis, siehe Bild) wächst im tibetischen Hochland, stammt heute aber oft aus Kulturen. Als Parasit befällt er Raupen und wächst irgendwann aus deren Körper hinaus. Die infizierten und getrockneten Raupen sind wesentlicher Bestandteil der im Handel erhältlichen Ware.3 Im Internet wird der Pilz bei einer ganzen Reihe von Krankheiten empfohlen: Die Bandbreite reicht von Asthma über Rheuma, Tinnitus oder Potenzproblemen bis zu Aids und Krebs. Darüber hinaus soll er das allgemeine Wohlbefinden steuern: „Eine positive Wirkung auf den allgemeinen Gemütszustand“ wird dem Pilz beispielsweise auf der Seite www.cordyceps-sinensis.de beschei­nigt, auch Leistungsfähigkeit und Denkvermögen würden durch die Einnahme gesteigert, heißt es dort.4

Ebenfalls beliebt ist die Schmetterlingstramete (Coriolus versicolor). Der Baumpilz wird in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet. Er kommt aber auch in mitteleuropäischen Wäldern vor und ist in Bestimmungsbüchern als „nicht genießbar“ gelistet. Auch bei dieser Pilzart ist im Internet von einer Wirkung gegen bestimmte Krebsarten die Rede, ebenso von einer antiviralen Wirkung bei HIV oder Hepatitis, einer Wirksamkeit bei Diabetes und vielem mehr.

Der Lackporling (Ganoderma lucidum), der dritte Pilz, dessen Bewerbung die Kommission ausgewertet hat, ist ebenfalls ein Baumpilz. Wie die Schmetterlingstramete ist er in Deutschland kein Speisepilz. Auch dem Lackporling wird auf etlichen Internetseiten eine ganze Palette von Heilwirkungen zugeschrieben, z.B. bei Magengeschwüren, zur begleitenden Therapie bei Krebs oder bei der koronaren Herzkrankheit.

Die postulierten Heilkräfte der Pilze sind jedoch für keine der genannten Krankheiten wissenschaftlich belegt. Es gebe zwar Hinweise auf unterschiedliche Wirkungen der Pilze, etwa aus Versuchen mit Labortieren oder Zellkulturen, „aussagekräftige und belastbare klinische Studien am Menschen fehlen jedoch“, heißt es in der Stellungnahme der Expertenkommission.

Wirksamkeit nicht belegt

Die Substanz Cordycepin, die im chinesischen Raupenpilz steckt, kann den Zellstoffwechsel hemmen. Der Pilz wird deshalb als „natürliches“ Antitumormittel beworben, doch es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für erfolgreiche Therapien bei Menschen.

Die Schmetterlingstramete enthält Stoffe, die Enzyme des Zuckerstoffwechsels hemmen können, woraus eine Wirkung gegen Diabetes abgeleitet wird. Das im Pilz enthaltene Polysacharid K (PSK) wird in isolierter Form als ergänzende Behandlung in der Krebstherapie getestet. Zwar hält die US-Krebsgesellschaft einen Nutzen der isolierten Substanz für möglich, sie weist aber darauf hin, dass für die im Handel erhältliche Pilzform kein Nutzen belegt ist und warnt dringend davor, konventionelle Behandlungen durch Vitalpilze zu ersetzen.5

Nicht nur die amerikanische Fachgesellschaft, auch die deutschen Experten prangern die mangelnde Qualitätskontrolle gängiger Vitalpilz-Produkte an. Die Kommission von BVL/BfArM weist zum Beispiel darauf hin, dass die im Vertrieb geläufigen Namen der drei untersuchten Pilzarten nicht dem aktuellen wissenschaftlichen Stand entsprechen. „Demzufolge stellt sich bei den angebotenen Produkten immer die Frage, um welchen Pilz es sich jeweils tatsächlich handelt“, heißt es in der Stellungnahme.

Die korrekte Bezeichnung sei aber schon deshalb wichtig, weil Pilze auch toxische Substanzen enthalten können. Bei der unsachgemäßen Lagerung werden sie manchmal von anderen Pilzen befallen, also „superinfiziert“ – etwa von Aspergillus-Arten, die das gefährliche Gift Aflatoxin produzieren.

Anwender von Vitalpilz-Produk­ten sollten daran denken, dass  es sich nicht um Arzneimittel handelt und weder Wirksamkeit noch Unbedenklichkeit garantiert sind. Erkrankte, die auf Vitalpilz-Produkte statt auf eine konventionelle Therapie setzen, riskieren daher, gesundheitlichen Schaden zu nehmen.


Quellen
1    www.vitalpilze.de (Abruf 1.4.2015)
2    Die von der Gesellschaft für Vitalpilzkunde genannten Vorstände und Mitarbeiter sind sämtlich Heilpraktiker und betreiben eigene Praxen, in denen diese Produkte angewandt werden.
3    BVL und BfArM (2014) Einstufung bestimmter Vitalpilzprodukte.Stellungnahme (Nr. 1/2014)
4    www.cordyceps-sinensis.de, (Abruf 1.4.2015)
5    www.cancer.org/treatment/treatmentsandsideeffects/complementaryandalternativemedicine/dietandnutrition/coriolus-versicolor, (Abruf 1.4.2015)

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

GEPANSCHTES

Gepanschtes-Button-B272px

Heft-Archiv


Titelbild dieser Ausgabe


AKTION

AKTION 1000 neue Abonnenten

Spenden

Unsere Informationen gefallen Ihnen?
SpendenWenn Sie Gute Pillen – Schlechte Pillen mit einer Spende unterstützen, hilft uns das, unabhängig und werbefrei zu sein. GPSP ist gemeinnützig. Spenden sind steuerlich absetzbar: Spendenportal.de