Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2015 / 01 S. 12

Wenn die Blase drückt

Botox® auch bei überaktiver Blase?

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Manchen älteren Erwachsenen quält eine überaktive Blase. Diese Störung lässt sich oft schon mit einer Verhaltenstherapie in den Griff kriegen. Hilft das nicht, kann mit Medikamenten behandelt werden. Abhilfe ermöglichen außerdem Injektionen mit Botulinum-Toxin A (Botox®). Der Wirkstoff ist aus der Anti-Falten-Behandlung bekannt. GPSP beschreibt die Vor- und Nachteile der Maßnahmen.

Eine „überaktive Blase“ zwingt zu vielen Toilettengängen. Aus medizinischer Sicht müssen neben zwingendem Harndrang und der sogenannten Dranginkontinenz noch weitere Symptome vorhanden sein, damit man von einer überaktiven Blase spricht (siehe Kasten 1). Bis in die 1990er Jahre verwendeten Ärzte den Begriff „Reizblase“.

Bei Männern und Frauen kommt die überaktive Blase gleich häufig vor, allerdings sind die Symptome und der Zeitpunkt, wann sie sich das erste Mal bemerkbar machen, unterschiedlich: Frauen leiden häufiger unter einer Drang­inkontinenz, und die hyperaktive Blase tritt bei ihnen schon ab Mitte vierzig verstärkt auf. Bei Männern ist das erst ab Mitte sechzig der Fall.1

Überaktive Blase

Der Begriff beschreibt ein Beschwerdebild mit vier verschiedenen Symptomen:

  • Betroffene müssen sehr häufig auf die Toilette und urinieren dabei jeweils nicht viel (Pollakisurie).
  • Sie werden nachts von dem Gefühl geweckt, eine volle Blase zu haben (Nykturie).
  • Sie haben einen Harndrang, den sie nicht unterdrücken oder kontrollieren können (imperativer Harndrang).
  • Dieser Harndrang kann so stark sein, dass die Betroffenen Urin verlieren. (Dranginkontinenz).
Meldungen ans Gehirn – zu oft oder zu früh?

Die Ursache für die Beschwerden ist nicht hundertprozentig geklärt. Normalerweise melden Dehnungsrezeptoren in der Blasenwand dem Gehirn, wann die Blase gefüllt ist, und das verspüren wir als Harndrang. Forscher vermuten, dass die Meldung über die Blasenfüllung an das Gehirn fehlerhaft sein kann. Das heißt, dass der Impuls „volle Blase“ zu früh an das Gehirn gesendet wird, weil Störungen in der Blasenwand mit defekten Dehnungsrezeptoren und überaktivem Entleerungsmuskel (Detrusor) vorliegen.
Eine überaktive Blase kann man mit einer speziellen Verhaltenstherapie (Toilettentraining), deren Wirksamkeit belegt ist, oder mit einer Physiotherapie (Stärkung der Beckenbodenmuskulatur) behandeln. Wenn das nicht ausreichend hilft, verschreibt der Arzt meist Medikamente (z.B. Anticholinergika), die die Aktivität des Blasenentleerungsmuskels dämpfen.2 Dadurch können Betroffene ihre Blase besser kontrollieren.

Eine Studie aus dem Jahr 2006 belegt, dass diese Medikamente zwar gut wirken, aber dass sie öfters unerwünschte Wirkungen haben. Besonders häufig ist Mundtrockenheit.3 Anticholinergika können aber auch benommen machen, die Gedächtnisleistungen einschränken und zu Verschwommensehen führen.4

Anticholinergika contra Botox®

Eine andere Behandlungsmöglichkeit ist die Injektion des Nervengifts Botulinum-Toxin A. Es wird von innen in die Blasenwand gespritzt. Dort hemmt es die Übertragung von Nervenimpulsen auf den Entleerungsmuskel, und das Gehirn bekommt seltener die Meldung: Blase voll! Die Wirkung der Injektion hält etwa ein halbes bis ein Jahr an.

Welche Therapie besser wirkt, wurde 2012 bei Frauen in einer US-amerikanischen Studie überprüft. 249 Patientinnen mit Dranginkontinenz wurden sechs Monate lang mit Anticholinergika beziehungsweise Botulinum-Toxin A behandelt.5

Insgesamt waren beide Methoden zwar ähnlich effektiv, aber sie unterschieden sich in den unerwünschten Wirkungen: Bei der Behandlung mit Anticholinergika hatten die Patientinnen häufiger einen trockenen Mund. Die Teilnehmerinnen der Botulinum-Toxin A-Gruppe hatten häufiger Harnwegsinfekte und Blasenentleerungsstörungen, mit der Folge, dass sie sich öfter selbst einen Katheter legen mussten, um restlichen Harn aus der Blase zu entleeren (Selbstkatheterisierung). Jede dritte Frau der Botulinum-Toxin A-Gruppe bekam einen Harnwegsinfekt. Unter Anticholinergika war es nur jede achte (13%).1

Die Einschätzung von GPSP: Da Harnwegsinfekte und Selbstkatheterisierungen sicher risikoreicher und unangenehmer sind als Mundtrockenheit, sollten Ärzte Botulinum-Toxin A bei überaktiver Blase nur injizieren, wenn die Behandlung mit Anticholinergika nicht ausreichend wirkt oder starke unerwünschte Wirkungen verursacht.

Diagnoseschritte

Wie findet ein Arzt oder eine Ärztin heraus, ob man an einer überaktiven Blase leidet?

  • Es wird überprüft, ob eine andere Erkrankung vorliegt, die ähnliche Symptome hervorrufen kann, z.B. eine Blasenentzündung.
  • Gegebenenfalls erfolgt die Überweisung an eine urologische Praxis. Dort wird der Patient oder die Patientin gebeten, zwei bis fünf Tage ein Tagebuch darüber zu führen, wie viel und wie oft uriniert werden musste (Miktionstagebuch). Außerdem sollte bei Frauen die Senkung der Blase beim Pressen und in Ruhe überprüft werden. Mit Ultraschall kann gemessen werden, wie viel Harn nach dem Wasserlassen in der Blase verbleibt (Restharn).
  • Wenn das Miktionstagebuch und die weiteren urologischen Untersuchungen für eine überaktive Blase sprechen, können die Beschwerden – wie im Text beschrieben – behandelt werden.

Literaturtipp
Schickinger J und Boguth K (2014) Inkontinenz. Ratgeber der Stiftung Warentest. 176 S., 19,90 €


Quellen
1    DER ARZNEIMITTELBRIEF (2013) 40, S. 6
2    DER ARZNEIMITTELBRIEF (2003) 37, S. 44
3    Nabi G u.a. (2006) Anticholinergic drug versus placebo for overactive bladder syndrome in adults. Cochrane Database Syst. Rev. 2006 Oct 18 (4); CD003781
4    Arzneiverordnung in der Praxis (2008) 35, S. 57
5    Visco AG u.a. (2012) N Engl J Med; 367, S. 1803

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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