Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2006 / 02 S. 10

Der große Unterschied zwischen Nahrungs­ergänzungsmitteln und Arzneimitteln

Kontrolle:

Im Gegensatz zu Arzneimitteln bedürfen Nahrungsergänzungsmittel keiner Zulassung, um auf den Markt zu kommen. Wissenschaftliche Studien, die den Nutzen eines Mittels belegen und seine Sicherheit nachweisen, müssen der zuständigen Behörde nicht vorgelegt werden. Dies ist bei uns neuerdings das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Dort muss der Anbieter sein Produkt „anzeigen“. Das heißt konkret nur soviel: Er muss ein Muster des Etiketts, das für das Erzeugnis verwendet werden soll, einschicken und die Lebensmittelüberwachungsbehörden der Bundesländer werden in Kenntnis gesetzt. Punkt.

Werbung:
Bei Nahrungsergänzungsmitteln ist nur die gesundheitsbezogene Werbung erlaubt, etwa die Formel „Stärkung der Abwehrkräfte“ oder der Satz „unterstützt und aktiviert nützliche Darmbakterien“ – alles Aussagen ohne wirklichen Wert. Für Arzneimittel darf hingegen krankheitsbezogen für die zugelassenen Anwendungsgebiete geworben werden, also mit Bezug auf eine Erkrankung und ihre Symptome, etwa „zur Behandlung von Heuschnupfen“.


Einige „sonstige Stoffe“ in Nahrungsergänzungsmitteln

Kräuter- und Pflanzenextrakte
Apfelessig,Tomatenextrakt, Rotweinextrakt, Traubenkernextrakt, Knoblauchpulver, Zimextrakt

Sekundäre Pflanzenstoffe
Carotinoide, Flavonoide, Phytoöstrogene, Phytinsäure

Produkte tierischen Ursprungs
Chitosan, Colostrum, Grünlippmuschel,
Haifischknorpelextrakt

Makromolekulare Naturstoffe
Kieselerde, Mumijo (eine Mineralerde)

Definierte organische Verbindungen
Coenzym Q 10, Glucosaminsulfat

Enzyme und Mikroorganismen

Bromelain, Papain, probiotische Kulturen


Zum Beispiel Cardio® forte

Zu den Tricks, mit denen der Verbraucher übers Ohr gehauen wird, gehört nicht nur das große Apotheken-Emblem in der Werbung, sondern auch eine Ziffer, die nach offizieller Registrierung aussieht. In Wirklichkeit handelt es sich bei der Pharmazentralnummer (PZN) nur um eine Kennzeichnung für den Apotheken-Handel, praktisch eine Bestellnummer für diesen Artikel. Sie wird beispielsweise auch für Wattebällchen vergeben. Um eine PZN zu erhalten, muss der Anbieter gerade mal 55 Euro bezahlen.

Vor allem ältere Menschen werden oft zu Informationsveranstaltungen gelockt, wo derartige Präparate verkauft werden. Angeblich als Sonderangebot und beispielsweise für einen Betrag unter 1000 Euro, also offenbar billiger als in der Apotheke. Von dem Verkaufspreis dort könne sich jeder überzeu­gen, der seinen Apotheker

nach dem Mittel fragt – zum Beispiel auf der Veranstaltung per Telefonanruf. Das funktioniert tatsächlich, denn jeder Artikel mit PZN ist in den Apothekencomputern gelistet. Dass solche Mittel jedoch in der Apotheke geordert werden, ist unwahrscheinlich. Der exorbitante „empfohlene Verkaufspreis“ ermöglicht vor allem eins: das Mittel auf Kaffeefahrten für ein paar hundert Euro weniger und damit als angeblich günstiges „Schnäppchen“ anbieten zu können.



Aktuelle Warnungen vor Nahrungsergänzungsmitteln

Die kanadische Gesundheitsbehörde warnt vor Schlankheitsmitteln, die im Internet angeboten werden: Emagrece Sim®, auch als brasilianische Diätpille bekannt, und Herbathin® können Wirkstoffe enthalten, die nicht auf den Packungen deklariert sind. Dabei handelt es sich um Stoffe, die verschreibungspflichtig sind und die Müdigkeit oder Erregung, Angst, Depression oder sogar Selbstmordgedanken auslösen und die Reaktionsfähigkeit im Verkehr beeinträchtigen können.

Praktisch zeitgleich beschlagnahmte die US-amerikanische Nahrungs- und Arzneimittelbehörde FDA drei Nahrungsergänzungsmittel, die Ephedrin enthalten und als Schlankmacher beworben wurden. Die FDA warnte erneut, dass solche stimulierend wirkenden Mittel den Blutdruck erhöhen und sogar zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führen können.

Wir raten vom Kauf von Nahrungsergänzungsmitteln, vor allem aus nicht näher bekannten Internetquellen ab. Auch Gesundheitsämter, wie das der Stadt Köln, empfehlen angesichts der erneuten Warnungen vor riskanten Nahrungsergänzungsmitteln, sich bei Diäten und anderen Versuchen, das Gewicht zu reduzieren, „nicht auf die Angebote im Internet zu verlassen. Besser sind die Vorschläge von qualifizierten Ernährungsberatern, Apothekern oder Ärzten“.


Quellen
a     Health Canada Warning vom 22. Febr. 2006; www.hc-sc.gc.ca/ahc-asc/media/advisories-avis/2006/2006_10_e.html
b     FDA News vom 24. Febr. 2006; www.fda.gov/bbs/topics/NEWS/2006/NEW01325.html
c     Stadt Köln: Gefährliche Schlankheitsmittel im Internet; www.stadt-koeln.de/presse/mitteilungen/artikel/2006/01/05233/index.html?reload=true


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