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Selen: Mit vielen Fragezeichen

Unser Körper braucht Selen. Aber wie so vieles Notwendige steckt auch Selen in der alltäglichen Nahrung. Und in der Regel genug. Dennoch wird dieses Spurenelement – auch Mikro­nährstoff oder Mineralstoff genannt – meist als Nahrungsergänzung in Pillen vermarktet. Als so genannte Radikalfänger bewirbt es die Lebensmittelindustrie auf der Schiene „Gesundheitsprodukt“ für Supermarkt, Drogerie, Apotheke und Internet. Aber auch Mediziner ­haben einige Hoffnung auf Selen gesetzt – etwa als Arzneimittel gegen Krebs, zum Schutz des Herz-Kreislauf-Systems und bei bestimmten Schilddrüsenerkrankungen. Was besagen die Studien dazu?

Sobald publik wird, irgendetwas Konsumierbares könnte zur Krebsprävention geeignet sein, sind manche Firmen rasch dabei und bringen Mittel auf den Markt, die zumindest eine Vorbeugung suggerieren. Doch Vorsicht ist geboten: Denn Produkte aus der Lebensmittelbranche bedürfen keiner Zulassung auf der Basis von medizinischen Studien.

Unsere üblichen Selenquellen sind Getreide, Fleisch, Fisch und Eier, wobei die Konzentration im Nahrungsmittel vom Bodengehalt und dem jeweiligen Futtermittel von Tieren abhängt und stark schwankt. Pflanzen bauen je nach Beschaffenheit des Untergrunds Selen (statt Schwefel) ein. Dieses Spurenelement ist für uns Menschen unverzichtbar: Selen ist Bestandteil der Aminosäuren Selenocystein und Selenomethionin.

Selen kommt in mindestens 25 Proteinen vor, die eine Funktion in unserem Körper haben. Die Aminosäure Selenocystein wird beispielsweise vom Enzym Glutathionperoxidase gebraucht, das in Körperzellen an der ­„Entschärfung“ von Sauerstoffradikalen beteiligt ist. Außerdem wandelt es das Schilddrüsen­hormon Thyroxin (T4) in das wesentlich wirksamere Trijodthyronin (T3) um.

Nah beieinander: Mangel und Vergiftung

Vor diesem Hintergrund stellen sich – auch angeregt durch werbende Aussagen der Lebensmittelindustrie – viele Menschen die Frage, ob genug Selen in unserer Nahrung enthalten ist, da sich deren Produktion immer weiter vom Naturzustand entfernt hat. Doch der Selenbedarf eines Menschen ist nicht klar eingegrenzt. So schwankt je nach Literaturquelle die empfohlene Tagesdosis zwischen den Extremen 30 und 300 Mikrogramm (0,03 und 0,3 Milligramm) – wobei bis zu 300 Mikrogramm noch als gut verträglich gelten.

In einigen Regionen Asiens, wie der Mongolei oder Tibet, besteht das Risiko einer Selenunterversorgung, weil die Böden dort selenarm sind. Dieser Mangel kann zur so genannten Keshan-Krankheit führen. Bei dieser Herzmuskelerkrankung begünstigt Selenmangel die Mutation eines Virus, das daraufhin wahrscheinlich den Herzmuskel angreift. Selenpräparate können unter diesen Umständen den Krankheitsverlauf offenbar positiv beeinflussen.1

In Nordamerika herrscht durch günstige Bodenverhältnisse in vielen Regionen ein niedriges Risiko für Selenmangel. Teilweise wird in den USA Selen dem Mehl zugesetzt. In Deutschland schwankt der Selengehalt des Bodens regional. Insgesamt liegen wir hierzulande im Mittelfeld.

Die Symptome eines Mangels sind nicht sehr spezifisch: Müdigkeit, Leistungsschwäche, Haar­ausfall und Unfruchtbarkeit (mangel­hafte Spermienqualität). Aber: In Europa gibt es bisher keine Krankheit, die auf einen Selenmangel zurückzuführen ist.

Nur bestimmte Risikogruppen wie künstlich ernährte Personen, alkoholkranke und magersüchtige Menschen laufen Gefahr, zu wenig des essentiellen Spurenelementes aufzunehmen. Dies muss ein Arzt oder eine Ärztin feststellen, damit Betroffene ausreichend – und nicht übermäßig – mit Supplementen versorgt werden.

In höheren Konzentrationen ist Selen stark toxisch. Eine akute Selenvergiftung (Selenose) kann bereits bei mehr als 3000 Mikrogramm (3 Milligramm) am Tag entstehen und äußert sich –wie ein Mangel – in Haarausfall und brüchigen Nägeln. Typisch sind auch Magen-Darm-Beschwerden, Herzschwäche und knoblauchartiger Atemgeruch. Bedenkenswert ist: Die Spanne zwischen Unterversorgung und einer schädlichen Menge scheint nur sehr gering zu sein.

Medizinscher Nutzen?

Viele Menschen kaufen Nahrungsergänzungsmittel oder diä­tetische Lebensmittel. Sie gehen davon aus, dass diese nur nützen und niemals schaden. Ob Multi­vitamintablette oder Mineralstoffpräparat, die Werbung verspricht, diverse Mangelerscheinungen durch solche Supplemente verhindern oder beheben zu können. Beispiel Selen: Mal soll das Mineral einfach nur gut sein für Abwehrkräfte und Stoffwechsel, mal speziell bei Rheuma (z.B. proSan® Rheumakapseln) oder sogar bei nachlassen­dem Hörvermögen im Alter (z.B. Hörfit-Kapseln vom Kräuterhaus Sanct Bernhard) mithelfen.

Die Hoffnung

Da Selen leicht mit Sauerstoffradikalen reagiert, wird eine Rolle als „Radikalfänger“ zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress vermutet. Neben dieser durchaus umstrittenen Wirkhypothese soll Selen unter anderem die Antikörperbildung stimulieren, zur Ausreifung der B- und T-Lymphozyten des Immunsystems beitragen und sich günstig auf die Reparatur beschädigter DNA sowie auf die DNA-Synthese auswirken. Letzteres macht Selen im Hinblick auf eine Krebsvorbeugung oder Krebstherapie für die Wissenschaft interessant.

Die Fakten

Aufgrund seiner biologischen Wirkungen wird in der Werbung vielfach empfohlen, zusätzlich Selen zu schlucken (Supplementierung). Gut belegt sind Vorteile für das Immunsystem, Hirnfunktionen oder die männliche Fertilität derzeit nicht.

Viele Studien gingen der Frage nach, ob Selen Erkrankungen wie Krebs verhindern kann. Allerdings waren die Studien oft schlecht gemacht oder die Zahl der Teilnehmer zu gering. Eine 2001 in den USA begonnene große Studie SELECT (Selen and Vitamin E Cancer Prevention Trial) sollte bis 2013 Klarheit schaffen: Lassen sich mit Selen und/oder Vitamin E die Entstehung von Prostatakrebs und andere Karzinomen verhindern? Doch bereits 2008 musste die Untersuchung mit insgesamt mehr als 35.000 Männern abgebrochen werden, da ein Vorteil der Supplementierung gegenüber Placebos nicht nachweisbar war.2 Wer Vitamin E eingenommen hatte, dessen Risiko für ein Prostatakarzinom war sogar höher.

Auch eine Auswertung der Cochrane Collaboration von zwölf Studien im Jahr 2013 konnte keinen Nutzen einer Selensupplementierung feststellen: Statt vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs zu schützen, ergab sich ein leicht erhöhtes Diabetesrisiko.3

Belege für eine Wirksamkeit von Selen bei einer bereits bestehenden Krebserkrankung, stehen aus. Da Selen für die normale Funktion der Schilddrüse wichtig ist, wurde auch untersucht, ob eine zusätzliche Dosis im Fall einer speziellen Schilddrüsenerkrankung nützt, bei der Antikörper eigenes Schilddrüsengewebe attackieren (Hashimoto-Thyreoiditis). Hierzu existieren einige positive, jedoch kleinere Studien, die der weiteren Bestätigung bedürfen.4,5

Selen ist kein harmloses Mittel. Eine Wirksamkeit in der Krebstherapie ist nicht belegt, und was die Krebsprävention etwa von Prostatakarzinomen angeht, bestärken aktuelle Daten eher die Zweifel, zumal eine Begünstigung verschiedener Karzinome und von Diabetes mellitus möglich erscheint. Richtig dosierte Supplemente sind nur für spezielle Risikogruppen mit nachgewiesenem Selenmangel nötig. Hashimoto Patientinnen sind ein Sonderfall. Ansonsten sollte man – gerade als gesundheitsbewusster Zeitgenosse – Selenprodukten gegenüber zurückhaltend sein. Und sein Geld anders ausgeben.

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– Gute Pillen – Schlechte Pillen 02/2014 / S.07