Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2009 / 06 S. 06

Regividerm® Creme

Wie ein Wundermittel gemacht wird

Nie zuvor ließ sich so gut nachverfolgen, wie innerhalb weniger Tage ein zweifelhaftes neues Mittel flächendeckend bekannt gemacht wurde. Das ARD-Fernsehen lancierte die Vitamin-haltige Creme Regividerm® gegen Schuppenflechte und Neurodermitis.

Regividerm CremeUnter dem Motto „Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern“1 lief in der ARD zur besten Sendezeit „Die Story: Heilung unerwünscht“,1 über „ein Medikament, dass Millionen Menschen, die unter Neurodermitis und Psoriasis leiden, helfen kann“.2 Zwei Tage später verbreitete „Hart aber fair“ ein unmotiviertes Werbeblock-ähnliches Interview zu Regividerm® mit dem Autor des Films.3

Er distanzierte sich davon, dass die Creme Heilung bewirken könne. Sie verschaffe aber deutliche Linderung. Titel und Tenor der „Story“ wecken allerdings eindeutig die Erwartung auf Heilung, forciert durch viele Berichte in Zeitungen. Wiederholungen der ARD-Sendung und ein gleichnamiges Buch des Filmautors, das im November 2009 erscheinen soll, sorgen für zunehmende Bekanntheit des Produktes.

Die Creme enthält Vitamin B12 und fast zur Hälfte Avocadoöl. Sie soll „exzellent“ wirken und „keinerlei Nebenwirkungen“ haben.4 Angeblich sei sie so gut, dass die großen Pharmakonzerne die Creme nicht in ihr Programm aufnehmen wollten, damit sie weiterhin ihre teuren und schlecht verträglichen Produkte gegen Schuppenflechte und Neurodermitis verkaufen können. Das ist eine Verschwörungstheorie, die bei den Zuschauern gut angekommen ist. 

Dürftige Faktenlage

Während sich die ARD nicht von dem offensichtlichen Werbe-Coup distanzierte, wurden vor allem in Blogs und auf anderen Internetseiten, die zum Teil hanebüchenen Widersprüche in dem Fernsehbeitrag diskutiert.5 Die Studien, die angeblich eine vorzügliche Wirksamkeit der Creme belegen sollen, erweisen sich als äußerst dürftig: zu klein, zu kurz und zu schlecht.6 Dennoch wurde bereits in einer Studie deutlich, dass die Vitamin-B12-Creme längst nicht so gut verträglich ist wie behauptet. Brennen, Juckreiz und Rötung bei jedem zweiten Patienten sowie Kribbelgefühl und Überwärmung fallen auf. 2 von 48 Patienten haben die Behandlung wegen unerwünschter Wirkungen abgebrochen.6

Während im Film noch beklagt wird, dass die Creme wohl kaum jemals in den Handel komme, wird nach der Sendung klar, dass sie bereits in wenigen Wochen erhältlich sein dürfte und schon Wochen vor der Sendung eine Vertriebsnummer beantragt wurde.5 Regividerm® soll als Medizinprodukt vertrieben werden. Für solche Produkte sind keine wissenschaftlichen Wirksamkeitsbelege erforderlich. Arzneimittel werden dagegen nur zugelassen, wenn ordentlich gemachte Studien belegen, dass das Mittel auch wirkt und sicher ist.

Kontrolle umgangen?

Aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes halten wir es für dringend erforderlich, dass Regividerm® wie ein Arzneimittel geprüft und zugelassen wird, bevor es verkauft werden darf. Es ist zwar möglich, dass Regividerm® Beschwerden von Hautkrankheiten beeinflussen kann. Aber auch normale, preisgünstige Pflegecremes können die Haut geschmeidiger machen und dadurch Beschwerden vorübergehend lindern. Dies hat jedoch nichts mit Heilung zu tun.

Bei Kranken mit Neurodermitis oder Schuppenflechte erweckt die kritiklose PR-Show in der ARD falsche Hoffnungen und motiviert Menschen zum Kauf einer Creme, deren potenzieller Nutzen maßlos übertrieben in Szene gesetzt worden ist und deren Risiken unbekannt sind.


Quellen
1    ARD: Die Story – Heilung unerwünscht, gesendet am 19. Okt. 2009
2    Sendeminute 43:15
3    ARD: Hart aber fair, gesendet am 21. Okt. 2009
4    DasErste.de: Rückschau: Heilung unerwünscht (WDR), 19. Okt. 2009; www.daserste.de/doku/beitrag_dyn~uid,0e3vjlffhxxdf3s3~cm.asp
5    Z.B.: Stationäre Aufnahme. Regividerm: Chronik eines Medienskandals http://gesundheit.blogger.de/stories/1511299 (Zugriff 3.11.2009)
6    arznei-telegramm 2009; 40:99
      Foto: Sandra Besic /fotolia.com


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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