Pressemitteilung 24. März 2011
Nahrungsergänzungsmittel:
Anbieter versprechen viel zu viel
Viele Menschen vertrauen auf Pillen und Säfte, die als „Nahrungsergänzungsmittel“ oder „functional food“ angeblich gesund erhalten. Die Werbung verspricht, dass sie für dies oder gegen jenes nützen. Doch die Belege dafür sind meist dünn, die Risiken unklar und die Botschaften oft reine Phantasie.
Die unabhängige Zeitschrift Gute Pillen – Schlechte Pillen hat den zweifelhaften Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln immer wieder betont 2/2006, S. 9 und aktuell in einem Interview mit Birgit Niemann vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nachgehakt. Der Grund: Für Vitamin C, Selen, Fischöl und Co. sind zukünftig in der EU nur noch Werbeversprechungen erlaubt, die durch zuverlässige Studien belegt sind. Das Gesetz dazu ist die Verordnung (EG) Nr. 1924/2006. Doch damit sind längst nicht alle Probleme gelöst.
Gute Pillen – Schlechte Pillen fragte die Biochemikerin und Molekularbiologin Birgit Niemann unter anderem, warum die Gesundheitsversprechungen der Anbieter bisher so wenig kontrolliert sind. Und erhielt die verblüffend einfache Antwort: „Grundsätzlich sind Nahrungsergänzungsmittel Konzentrate von Nährstoffen oder anderen Stoffen, die in Lebensmitteln vorkommen. Rechtlich gehören sie zu den Lebensmitteln und nicht zu den Arzneimitteln.“ Die Verantwortung für die Sicherheit der Produkte ist daher Sache der Anbieter, die – nur stichprobenhafte – Kontrolle liegt bei der Lebensmittelüberwachung der Länder.
Dennoch sind die Produkte etwas Anderes als Lebensmittel. Denn so Niemann: „Prinzipiell kann jedes Konzentrat leichter zu einer Überdosierung führen als die üblichen Lebensmittel.“ Kritisch sieht sie nicht nur eine Überdosierung, beispielsweise bei Omega-3-Fettsäuren. Kritisch sieht sie auch, dass man sich von den Nahrungsergänzungsmitteln etwas Positives verspricht und nicht mit negativen Auswirkungen rechnet: Selen und Vitamin E sollen zum Beispiel bei Prostatakrebs nützlich sein. „Dieser gewünschte Effekt ließ sich nicht belegen, jedoch scheint das Risiko für Diabetes zu steigen.“ (dazu auch GPSP 1/2009, S. 3-4) Auch Betakarotin ist ein Beispiel für Fehleinschätzungen: „Es sollte als Antioxidans bei Rauchern lebensverlängernd wirken und als Rauchervitamin vermarktet werden.“ Und dann traten in einer großen Studie bei Rauchern, die Betakarotin eingenommen hatten, „18% mehr Lungenkrebsfälle neu auf als in der Plazebogruppe.“ (dazu auch GPSP 1/2006, S. 4)
Nahrungsergänzungsmittel werden – anders als Arzneimittel – nicht eigens zugelassen, sondern in der Regel nur vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) registriert. Obwohl Nutzen und Risiken schlecht untersucht sind, werben die Anbieter mit übertriebenen Werbeslogans (health claims). Diese werden derzeit von der Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) unter die Lupe genommen. Das Ziel ist eine verlässliche Positivliste für die EU. Ohne Frage steht die EFSA unter dem Druck der Lobbyisten aus Nahrungsmittel- und Arzneimittelindustrie, aber einen gewissen Reinigungsprozess scheint es zu geben: Von den über 40.000 Werbeslogans, die die Anbieter eingereicht hatten, wurden vorab die allermeisten abgelehnt. Nur 4.750 wurden an die EFSA zur Begutachtung durchgereicht. Davon sind bisher rund 2.000 bewertet – und 80% der Slogans wurden abgelehnt. „Omega-3-Fettsäuren können zum Beispiel nicht mehr als UV-Schutz und mit Hautgesundheit beworben werden,“ berichtet Birgit Niemann. Dafür fanden EFSA-Gutachter keinerlei stichhaltige Belege.
Da viele Slogans noch nicht bewertet sind und zu befürchten ist, dass die zugelassenen inflationär verwendet werden, wird Gute Pillen – Schlechte Pillen weiter vor falschen Versprechungen der Nahrungsergänzungsmittel-Industrie warnen.
Weitergehende Informationen finden Sie hier:
Nachgefragt: Viel versprochen – wenig Nutzen. Nahrungsergänzungsmittel: Werbeslogans auf dem Prüfstand. GPSP 1/2011, S. 12-13 http://gutepillen-schlechtepillen.de/pages/archiv/jahrgang-2011/nr.-1-jan.feb.-2011/nachgefragt-viel-versprochen-ndash-wenig-nutzen.php
Der große Unterschied zwischen Nahrungsergänzungsmitteln und Arzneimitteln. GPSP 2/2006, S. 9 http://gutepillen-schlechtepillen.de/pages/archiv/jahrgang-2006/nr.-2-apr.-2006/verbraucherschutz-nahrungsergaenzungsmittel.php
Mythos Antioxidanzien. GPSP 1/2009, S. 3-4 http://gutepillen-schlechtepillen.de/pages/archiv/jahrgang-2009/nr.-1-jan.feb.-2009/mythos-antioxidanzien-vitamine.php
Kein Betakaroten für Raucher. GPSP 1/2006, S. 6 http://gutepillen-schlechtepillen.de/pages/archiv/jahrgang-2006/nr.-1-feb.-2006/kein-betakarotin-fuer-raucher.php
EFSA-Dokument zu Omega-3-Fettsäure: EFSA-Journal 2010, 8 (10); S. 1796
Redaktion Gute Pillen - Schlechte Pillen
August-Bebel-Str. 62
33602 Bielefeld
redaktion@gp-sp.de
www.gutepillen-schlechtepillen.de