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Gute Pillen - Schlechte Pillen: 2008/02, S. 15

Leserbriefe

Melatonin als Schlafmittel?

 

„In niederländischen Drogerien kann man Melatonin gegen Schlafstörungen kaufen. Ist das zu empfehlen?“    R.R.


GPSP: Melatonin ist ein menschliches Hormon und unterliegt in Deutschland dadurch der Rezeptpflicht. Seit April 2008 ist ein Melatonin-Medikament in deutschen Apotheken erhältlich. In vielen Ländern – wie den Niederlanden – wird es als „Nahrungsergänzungsmittel“ angeboten. In Deutschland blüht daher der Internethandel mit importierten Melatonin-„Nahrungsergänzungen“, deren Verkauf hierzulande jedoch nicht erlaubt ist.

Der Nutzen von Melatonin als Schlafmittel ist relativ gering. Nur drei von zehn Anwendern beschreiben eine deutliche Verbesserung ihrer Schlafprobleme. Das bedeutet, dass sieben von zehn Personen trotz Melatonin nicht deutlich besser (ein)schlafen. In einem dreiwöchigen Vergleich verkürzt Melatonin die Zeit bis zum Einschlafen um durchschnittlich etwa 10 Minuten – kein überzeugendes Ergebnis. Die behauptete Wirksamkeit gegen Jetlag bei Fernreisen konnte bisher nicht wissenschaftlich bestätigt werden.1

Möglicherweise hat Melatonin mehr Risiken als man angesichts des mageren Nutzens als Schlafhilfe in Kauf nehmen kann. Es kann zu Reizbarkeit und Nervosität, Albträumen, Migräne, Ruhelosigkeit, Verstopfung, Gewichtszunahme und mehr kommen. Melatonin ist also nicht, wie oft angenommen, eine harmloses „Nahrungsergänzung“. Wir empfehlen, mit Entspannungstechniken den Schlaf zu fördern oder mit ärztlichem Knowhow ein Präparat für einen kurzzeitigen medikamentösen Behandlungsversuch auszuwählen.

 

Migränemittel für ältere Menschen?

 

„Ich bin 76 Jahre alt und nehme seit mehr als 10 Jahren bei Migräne­anfällen Sumatriptan. Laut Beipackzettel hat man keine Erfahrungen bei der Anwendung bei älteren Menschen. Daher wird die Anwendung bei älteren Menschen nicht empfohlen. Das lese ich seit Anfang an bis heute. Haben Sie inzwischen Hinweise über Verträglichkeiten im Alter?“     G.L.


GPSP: Der Hinweis im Beipackzettel, dass die Anwendung bei älteren Menschen nicht empfohlen ist, findet man bei vielen Medikamenten. Das bedeutet letztlich nur, dass das Arzneimittel bei älteren Menschen in klinischen Studien nicht gesondert geprüft worden ist. Dies ist ein relativ häufiger Mangel, da solche Prüfungen meist an „standardisierten“ Patienten erfolgen, also beispielsweise an Männern mittleren Alters ohne besondere sonstige Erkrankungen.

Prinzipiell können ältere Menschen aber eher durch Arzneimittel geschädigt werden als jüngere, beispielsweise weil die Ausscheidungsfunktionen von Leber und Nieren altersabhängig abnehmen. So gilt auch bei Sumatriptan besondere Vorsicht bei eingeschränkter Nierenfunktion (damit sich der Wirkstoff bei mehrfacher Anwendung nicht im Körper anhäuft). In der Regel werden daher im höheren Alter vorzugsweise niedrige Dosierungen verwendet.

Grund zur Vorsicht bei Sumatriptan im höheren Alter besteht auch, weil bei Männern bereits ab 40 Jahren das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Da Wirkstoffe wie Sumatriptan Herzschmerzen (Angina pectoris), selten auch Herzinfarkte oder Herzrhythmusstörungen begünstigen können, sollten im Fall von Herzerkrankungen (akut oder in der Vorgeschichte) – und besonders bei Rauchern – Wirkstoffe aus der Sumatriptangruppe besser gemieden werden.


1     Buscem et al., BMJ 2006; 332: 385-93
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