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Gute Pillen - Schlechte Pillen: 2006/03, S. 2
Neueinführung Exubera®Gegenwind für inhalierbares InsulinSeit Mitte Mai müssen Zuckerkranke das notwendige Insulin nicht mehr unbedingt spritzen. Es gibt jetzt Exubera®, das erste inhalierbare Insulin. Mit Hilfe eines Inhalationsgerätes wird pulverförmiges Insulin über den Mund in die Lunge eingeatmet. Seine Wirkung entspricht kurz wirksamem Humaninsulin oder Kunstinsulinen (siehe GPSP Nr. 2, 2006, Seite 1-3). Zum Jubeln ist es jedoch zu früh, denn es gibt ernst zu nehmende Vorbehalte gegen die Neuerung.
Hier sieht der Hersteller Pfizer für sein inhalierbares Insulin einen bereits „lange erwarteten“ „bedeutenden Fortschritt“.1 Aus Sicht der Firma soll die Inhalation die Akzeptanz der Behandlung mit Insulin und die Zufriedenheit der Diabetiker verbessern. Das Inhalationsgerät sei „einfach zu bedienen“ und die Nebenwirkungen seien „in der Regel mild bis mäßig“.1 Pfizer hat nach eigenen Angaben viel Geld in die Entwicklung von Exubera® investiert. Das sagt aber noch nichts über den Nutzen für die Patienten. Ärzte, die keine finanziellen Verbindungen zum Pfizer-Konzern haben, beurteilen inhalierbares Insulin zurückhaltend.2 Mit den bislang veröffentlichten Studien lässt sich nicht belegen, dass die Zufriedenheit der Patienten, die Insulin inhalieren, tatsächlich generell besser ist als bei Patienten, die die in Deutschland verbreiteten Insulin-Pens verwenden. Die Inhalation wurde in den Studien nämlich hauptsächlich mit der umständlichen Anwendung von Spritzen und Ampullen verglichen.3
Ohne Piks geht es nichtAuch befreit das inhalierbare Insulin nicht vom Spritzen, wenn eine Grundversorgung mit lang wirksamem Insulin gebraucht wird (bei Typ-1 Diabetes). Auf jeden Fall muss in der Einstellungsphase mehrmals täglich in die Fingerspitze gepikst werden, um einen Blutstropfen für die Blutzuckerkontrolle zu gewinnen. Die Inhalation mit dem eher sperrigen Gerät ist nicht so einfach, wie es der Hersteller glauben machen will: Damit gleichmäßig viel Insulin im Körper ankommt, müssen sich Diabetiker eine „gleichbleibende Standard-Inhalationstechnik“ angewöhnen, also langsam und gleichmäßig inhalieren und danach den Atem fünf Sekunden lang anhalten.3 Da erscheint die kurze Injektion in die Bauchhaut fast leichter durchführbar zu sein.
Gravierende NebenwirkungenSelbst wenn man die Inhalation als grundsätzlich angenehmer empfindet als eine noch so schmerzfreie Injektionstechnik, müssen die speziellen Nebenwirkungen der Inhalation bedacht werden: Husten bei jedem vierten Anwender nach Inhalation, sowie Atemnot, Reizungen und Trockenheit im Hals bei jedem 10. bis 100. Anwender, aber auch Nasenbluten, Stimmveränderungen und andere Beschwerden.4,5 Die Inhalation führt sehr häufig (bei mehr als jedem 10. Anwender) zu Unterzuckerungen – etwa so häufig wie mit injizierbarem Humaninsulin betont Pfizer.1 Das stimmt nicht ganz: Denn in einigen Studien sind bei Inhalation häufiger schwere Unterzuckerungen aufgefallen als bei Injektion – und dies trotz vergleichbarer Senkung des Blutzuckers.3,4 Außerdem entstehen bei Inhalation häufiger Antikörper, die sich gegen Insuline richten.5 Ob dies negative Folgen hat – und wenn ja, welche – ist noch nicht abzusehen.
Langzeitrisiken ungeklärtDie Pfizer GmbH betont, dass inhalierbares Insulin „bei über 3.500 Patienten in 25 Ländern“1 untersucht worden ist. Bei vielen dieser Studien wird es vorrangig um die Wirksamkeit der Methode gegangen sein und nicht um die gezielte Überprüfung der Verträglichkeit oder gar der Verträglichkeit bei jahrelangem Gebrauch. Beim jetzigen Kenntnisstand ist nicht auszuschließen, dass die Lungen mit der Zeit Schaden nehmen. Hierauf deutet beispielsweise eine Abnahme der Lungenfunktion in klinischen Studien hin. Deshalb sind vor Beginn der Behandlung sowie in den ersten Anwendungsmonaten Lungenfunktionstests vorgeschrieben.5
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