Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2010 / 02 S. 10a

Ohrkerzen: gefährlicher Humbug

Bereits vor zwei Jahren hat Gute Pillen – Schlechte Pillen (GPSP 5/2007, S. 11) vor Ohrkerzen gewarnt, weil sie zum Beispiel Gehörgang oder Trommelfell verletzen können. Eine neue Meldung der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA)1 untermauert dies und betont, dass eine Gefährdung selbst bei vorschriftsgemäßem Gebrauch besteht: Verbrennungen drohen im Gesicht, an der Ohrmuschel, im Gehörgang und im Mittelohr.

Kerzenwachs kann die Ohren verstopfen, tropfendes Wachs kann sie verletzen. Schließlich können die röhrenartigen Kerzen aus Wachs oder Paraffin und Gaze das Trommelfell durchstoßen. Zusätzlich ist die Brandgefahr erhöht, und eine wichtige ärztliche Behandlung wird womöglich hinausgeschoben, weil man auf die Wirkung von Ohrkerzen setzt. Unterdruck durch das Abbrennen der Kerze soll Verunreinigungen aus dem Ohr heraus befördern. Aber ein solcher Unterdruck ist laut FDA nicht messbar. Zudem ist wissenschaftlich nicht begründbar, was Ohrkerzen angeblich alles günstig beeinflussen: „Sinusitis, Migräne, Tinnitus, Ohrgeräusche, Ohrhygiene, Stress, Hyperaktivität, Stockschnupfen, Durchblutungsstörungen der Ohren, Schnupfen, Störungen im Nebenhöhlenbereich, Ohrensausen“.2 Gute Pillen – Schlechte Pillen hat Ohrkerzen schon früher als „obskur“ bezeichnet. Dass die ganze Prozedur auf Gewohnheiten der Hopi-Indianer zurückgehen soll, ist kein Qualitätskriterium. Vielmehr ist die damit verbundene Exotik zu betonen, ein Indiz für Quacksalberei (GPSP 6/2006, S.6). Falls Sie durch Ohrkerzen geschädigt wurden, sollten Sie dies Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin melden, damit auf diesem Wege das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) informiert wird.


Außer Kontrolle:
Medizinprodukte

Ohrkerzen, Chitosanprodukte, „Angelsounds“ und Prothesenhaftcreme, das sind nur vier Beispiele für die sehr unterschiedlichen Medizinprodukte am Markt. Um in den Handel zu kommen, bedürfen sie keiner systematischen Studien wie Arzneimittel, bei denen Wirksamkeit und Sicherheit die Basis für eine Zulassung sind – beispielsweise durch das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) oder die europäische Arzneimittelbehörde (EMA).

Medizinprodukte werden von Stellen wie dem TÜV „zertifiziert“ und erhalten dann ein CE-Logo. Bei Medizinprodukten muss der Hersteller – ohne Vorabkontrolle durch Behörden – selbst dafür sorgen, dass über seine Produkte korrekt informiert wird. Bei neu erkannten Risiken muss er selbstverantwortlich warnen. In Deutschland bewertet allerdings das BfArM, ob die Maßnahmen des Herstellers ausreichen. Ansonsten liegt die Überwachung von Medizinprodukten bei den Länderbehörden, die bei zigtausend Produkten allerdings auf verlorenem Posten stehen. Nicht einmal Behörden wie das BfArM überblicken, was alles zu haben ist: Denn ein vollständiges Register für Medizinprodukte gibt es nicht.


Quellen
1    www.fda.gov/downloads/ForConsumers/ConsumerUpdates/UCM200967.pdf
2    www.das-gesundheitsportal.com/sites/ohrkerzen.html. Bei Medizinprodukten wird häufig gegen das
      Heilmittelwerbegesetz verstoßen. Das ist z.B. der Fall, wenn Ohrkerzen gegen bestimmte Krankheiten
      empfohlen werden. Hier müssten die Länderüberwachungsbehörden aktiv werden, da Menschen durch
      Fehlinformation gefährdet werden.


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