Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2013 / 04 S. 13

Nachtkerzenöl

Gegen Hauterkrankungen?

© Thomas Kunz

Der Leidensdruck bei chronischen Ekzemen ist groß. Der quälende Juckreiz stresst. Salben und Cremes mit Glukokortikoiden helfen zwar, schädigen mit der Zeit jedoch die Haut, die durch das „Kortison“ häufig dünner und verletzlicher wird. Kein Wunder, dass viele Menschen pflanzliche Präparate ausprobieren, etwa Nachtkerzensamenöl, auch Nachtkerzenöl genannt.

Das Öl des Samens der Nachtkerze (gelbe Rapunzel) wird seit den 1980er Jahren bei Hauterkrankungen wie Neurodermitis (atopisches Ekzem) und anderen Ekzemen empfohlen. Die Einnahme des Öls zu propagieren, beruhte auf theoretischen Überlegungen: Man ging davon aus, dass Menschen mit Neurodermitis einen Mangel an Gamma-Linolensäure haben. Daher erschien die Empfehlung plausibel, Nachtkerzenöl zu schlucken. Es ist reich an dieser Fettsäure. Mit der gleichen Begründung wird auch Borretschöl verwendet. Ein positiver Einfluss dieser Öle ist allerdings unwahrscheinlich. Schon in den 1990er Jahren ergab eine vom britischen Gesundheitsministerium veranlasste Auswertung von 20 Studien keine Belege für eine Wirksamkeit.1 2002 hat Großbritannien folgerichtig die Zulassung von Nachtkerzenöl als Arzneimittel zum Einnehmen widerrufen. Damit verschwand dort erstmals ein Medikament vom Markt, weil Wirksamkeitsbelege fehlten, die heutigen Anforderungen genügen.2 In Deutschland ist man laxer, denn bis heute sind Kapseln mit Nachtkerzenöl (Epogam®, Neobonsen®) zur Linderung von Neurodermitis – insbesondere des Juckreizes – als Arzneimittel zugelassen. 

Nicht nur als Medikament 

Als Nahrungsergänzungsmittel dürfen Nachtkerzenöl-Präparate ohnehin – auch in Großbritannien – verkauft werden. Aber eindeutige Anwendungsgebiete anzugeben, ist den Anbietern verboten. Solche Aussagen (Health Claims) müssten belegt und von der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA abgesegnet sein (GPSP 1/2011, S. 12). 

Aber: Auch die neueste zusammenfassende Auswertung von inzwischen 27 Studien aus zwölf Ländern, in denen Nachtkerzenöl bzw. Borretschöl mit einem Scheinmedikament verglichen wurde, lässt nicht erkennen, dass das Öl einem Plazebo überlegen ist – weder nach Einschätzung der Patienten und Patientinnen noch in der Beurteilung der behandelnden Ärzte.3 

Teure Hautpflege 

Einen positiven Effekt könnte Nachtkerzenöl allerdings haben: Die Haut scheint bei größeren Dosierungen mit der Zeit etwas weicher zu werden. Dafür ist das Mittel jedoch mit Kosten bis zu 3 € pro Tag 4 zu teuer – zumal sich ein gleicher Effekt mit wirkstofffreien Hautcremes und Salben erzielen lässt. Angenehme Effekte von Nachtkerzenöl-haltiger Creme dürften ebenfalls eher auf die Creme selbst und nicht auf spezifische Wirkstoffe des Öls zurückzuführen zu sein. 

Eingenommenes Nachtkerzenöl kann manchmal allergische Hautreaktionen auslösen, aber auch Magenschmerzen, Übelkeit und andere Magen-Darm-Störungen. Für diverse andere Anwendungsbereiche von Nachtkerzenöl als Nahrungsergänzungsmittel gibt es ebenfalls keine Nutzenbelege. Beschwerden wie prämenstruelles Syndrom, Verdauungsstörungen, Asthma oder Allergien gehören dazu. Wir raten deshalb davon ab, solche Produkte einzunehmen.


Quelle
1 Evans, I. u.a. (2013) Wo ist der Beweis? Plädoyer für eine evidenzbasierte Medizin. Bern: Verlag Hans Huber, S. 51
2 arznei-telegramm (2002) 33, S. 107
3 Bamford, J.T.M. u.a. (2013) Oral evening primrose oil and borage oil for eczema. The Cochrane Collaboration 2013, Issue 4
4 Wenn jeweils 6 g am Tag als Arzneimittel eingenommen werden.



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