Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2012 / 01 S. 12
© Feuerwehr Berlin

Dr. Stefan Poloczek ist seit 2011 Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Berliner Feuerwehr. Der Anästhesist hatte bereits mehrere Jahre als Notarzt gearbeitet und dann ein Studium in Gesundheitswissenschaften (Public Health) angeschlossen, bevor er als Referatsleiter für Infektionsschutz, Umwelthygiene und Notfallvorsorge für den Katastrophenschutz in Berlin verantwortlich war. Heute ist er für die Qualität der Rettungseinsätze der Berliner Feuerwehr zuständig. Daneben sorgt er als Referent und in der Zeitschrift "Notfall+Rettungsmedizin" (Rubrik: Konzepte – Qualitätsmanagement) für die ständige Verbesserung der Notfallversorgung.


Nachgefragt:

Leben in Gefahr – Wähle 112!

Wann Sie den Notarzt rufen sollten

Es ist schon lange nicht mehr so, dass die Feuerwehr vor allem mit dem Löschen von Bränden beschäftigt ist. In Berlin fährt sie zum Beispiel 80 Prozent ihrer Einsätze in Sachen Gesundheit, also bei lebensbedrohlichen Notfällen. 100 Rettungswagen, 18 spezielle Notarztwagen und zwei Hubschrauber mit Notarzt sind in der Hauptstadt unterwegs. Was können die? Und was machen die, um Leben zu retten? Das fragten wir den Arzt Stefan Poloczek von der Berliner Feuerwehr.

GPSP: Wer sollte die 1121 wählen?

Dr. Poloczek: Jeder, der sich plötzlich in einem lebensbedrohlichen Zustand befindet, oder bei einem Menschen ist, der rasch einen Notarzt braucht.

GPSP: Und wann sollte man den ärztlichen Bereitschaftdienst anwählen?

Dr. Poloczek: Der Ärztliche Bereitschaftsdienst2 soll sicher stellen, dass auch am Wochenende oder nachts ein Arzt kommt, wenn also Ihr Hausarzt nicht erreichbar ist. Diesen Dienst organisieren die niedergelassenen Ärzte. Bei starken Bauchschmerzen oder hohem Fieber ist der Bereitschaftsarzt die richtige Adresse.

GPSP: Und in welchen Situationen wird der Rettungsdienst der Feuerwehr gerufen?

Dr. Poloczek: Bei schweren Verletzungen, bei plötzlicher Bewusstlosigkeit, Atemnot, Anzeichen von Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die 112 ist immer dann richtig, wenn jede Minute zählt. Wir sagen: in zeitkritischen Situationen. Da braucht der Patient oder die Patientin unverzüglich Hilfe. Und die Feuerwehr ist fast immer binnen 10 Minuten nach dem Anruf vor Ort.

GPSP: Was passiert, wenn ich zum Beispiel wegen starker Brustschmerzen eines Angehörigen anrufe?

Dr. Poloczek: Wir haben in Berlin 60 Telefonleitungen stehen, Sylvester sogar noch mehr, so dass Sie eigentlich immer sofort jemanden am Telefon haben. Der oder die wird Sie dann mit einem ganz bestimmten Schema nach wichtigen Informationen fragen, zum Beispiel als erstes: Wo genau ist der Notfallort, Name, Stockwerk. Wie sind Sie telefonisch erreichbar?

GPSP: Vergeht da nicht wertvolle Zeit?

Dr. Poloczek: Nein, denn sobald wir den Notfallort kennen, wird schon nach einem Einsatzwagen in Ihrer Nähe gesucht. Und während diese Suchanfrage läuft, wird die Situation genau abgefragt. Dabei wird entschieden, ob auch ein Notarzt gebraucht wird. Der Rettungswagen3 macht sich bereits auf den Weg zur Einsatzstelle, also zu Ihnen.

GPSP: Welche Kompetenz hat das Team eines solchen Wagens?

Dr. Poloczek: Da kommen zwei Notfall-erfahrene Feuerwehrleute, von denen der oder die eine durch eine zweijährige Ausbildung Rettungsassistent geworden ist. Und die zweite Person im Wagen ist entweder ebenfalls Rettungsassistent oder Rettungssanitäter. Diese Sanitäter haben sich für medizinische Notfälle fortbilden lassen.

GPSP: Was passiert, wenn die beiden Feuerwehrleute eintreffen?

Dr. Poloczek: Vorher passiert schon Einiges! Die Telefonleitstelle bittet den Anrufer am Telefon zu bleiben, sagt dass die Rettungskräfte alarmiert sind und erklärt genau die nächsten Schritte.

GPSP: Der Anruf ist also noch nicht beendet?

Dr. Poloczek: Nein, keiner wird alleine gelassen. Bis die Einsatzkräfte da sind, wird nachgefragt, ob der Patient oder die Patientin noch atmet und sprechen kann, ob die Hautfarbe auffällig blass ist und ob etwa bei Brustschmerzen die Person kaltschweißig ist Und der Anrufer wird auch unterstützt bei Erste Hilfe-Maßnahmen.

GPSP: Wie muss man sich das vorstellen, zum Beispiel, wenn das Herz nicht mehr schlägt?

Dr. Poloczek: Wir unterstützen alle Anrufer. Vor allem erklären wir die einfache Herzdruckmassage, bei der 100 bis 120 mal pro Minute kräftig in der Mitte auf den Brustkorb gedrückt werden muss. Wer das macht, soll laut mitzählen, und wir können dann am Telefon sagen, ob das Tempo stimmt. Bei Herzstillstand ist das die wichtigste Maßnahme, und auch Ungeübte können dadurch Leben retten. Das sehen wir jeden Monat.

GPSP: Und was machen die eintreffenden Feuerwehrleute vom Rettungswagen?

Dr. Poloczek: Wenn es sich um einen Infarkt handelt, werden sie beruhigend einwirken, den Patienten richtig lagern, können Sauerstoff geben oder auch defibrillieren – also durch einen Stromstoß das Herz dazu anregen, wieder zu schlagen.

GPSP: Aber ein Notarzt ist jetzt noch nicht da. Wann kommt der?

Dr. Poloczek: Meist wenige Minuten nach dem Rettungswagen. Der Notarztwagen oder Rettungs-Hubschrauber startet von einer Klinik oder ist bei einer Feuerwache stationiert. Mediziner, die als Notärzte arbeiten, sind in der Regel Internisten, Kardiologen, Chirurgen oder Anästhesisten. Ihre Zusatzqualifikation „Notarzt“ erwerben Sie sich durch Fortbildungen auf Intensivstationen, auf kinderärztlichen Stationen und in der Geburtshilfe. Und sie legen bei der Ärztekammer eine Prüfung ab.

GPSP: Arbeitet der Notarzt ausschließlich als Notarzt?

Dr. Poloczek: Nein, er arbeitet in einer Klinik und ist nur an bestimmten Tagen für den Notarztdienst freigestellt. Er kommt darum auch nicht im weißen Kittel, sondern als Feuerwehrmann. Notärztinnen haben wir natürlich auch.

GPSP: Was also machen Notärzte bei Verdacht auf Herzinfarkt?

Dr. Poloczek: Er oder sie wird sich alles nochmals anhören, eventuell Erste-Hilfe-Maßnahmen wiederholen, außerdem kann ein EKG geschrieben werden, um die Diagnose zu sichern. Gegen Schmerzen können Notärzte Medikamente geben. Je nachdem wie dringend die Situation ist, kann man auch ein Gerinnsel in einem verstopften Herzkranzgefäß medikamentös auflösen.4 Der Arzt oder die Ärztin sorgen außerdem dafür, dass der Patient in eine Klinik mit Notfallversorgung kommt. In Berlin ist das immer eine mit Herzkatheter-Labor. Dort kann das Gefäß mit einem Ballon5 geweitet werden.

GPSP: Und wie kommt er oder sie dorthin?

Dr. Poloczek: Wir informieren die passende möglichst nahegelegene Klinik und dann wird der Rettungswagen, der ja bereits vor der Tür steht, den Patienten dorthin transportieren. Meist steht nicht nur eine Klinik zu Auswahl. Wir können allerdings nicht quer durch Berlin fahren.

GPSP: Wer zahlt die Kosten für den Einsatz der Feuerwehr?6

Dr. Poloczek: Das übernehmen die Krankenkassen, und nur ganz selten fordern sie eine Zuzahlung von 10 Euro. Nichts sollte jemanden davon abhalten, die 112 zu wählen. Auch nicht Unsicherheit, denn wenn Sie sich geirrt haben und die Situation nicht so dringlich ist, entstehen keine Kosten. Wir erkennen das manchmal schon bei unserer systematischen Abfrage am Telefon, aber auch ein überflüssigerweise vorfahrender Einsatzwagen kostet Anrufer oder Patienten nichts. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig anrufen, sage ich immer.

GPSP: Wann sollte man denn wirklich nicht die 112 wählen?

Dr. Poloczek: Natürlich nicht bei Lappalien. Und schwierig ist es für uns immer, wenn wir zu einem Patienten gerufen werden, der nicht ins Krankenhaus wollte und zu Hause gepflegt wird, weil er dort sterben will. Was soll der Notarzt da tun? Wir empfehlen, eine solche immer mögliche Situation mit dem Hausarzt vorher zu besprechen und eine Ablehnung von Reanimation aufzuschreiben.7 Sollte sich der Zustand des Patienten dann akut verschlechtern, weiß der Notarzt, was der Wille des Kranken war.

GPSP: Wir haben über Berlin gesprochen. Wie ist es in anderen Bundesländern?

Dr. Poloczek: Einen Notarztdienst gibt es in allen Bundesländern. Natürlich ist in ländlichen Gebieten die Feuerwehr nicht immer so schnell beim Patienten wie in einer Großstadt, aber schon wenn Sie anrufen, erhalten Sie ja sofort lebenswichtige Informationen.

GPSP: Herr Poloczek, vielen Dank für das Gespräch.


Quellen
1 Diese Notrufnummer gilt fast überall in Europa.
2 Telefonnummern je nach Bundesland oder Region unterschiedlich, z. B. Berlin 030/310031, NRW 0180/5044100, Bayern 01805/91212, Chemnitz 0371/19292
3 Falls keiner dieser kastenförmigen Rettungswagen schnell vor Ort sein kann, ist es möglicherweise zunächst ein großer Leiterwagen. Auch diese Feuerwehrleute haben eine rettungsdienstliche Ausbildung und können Erstmaßnahmen durchführen.
4 Man nennt das Lyse.
5 Ballondilatation
6 Es gibt auch andere Rettungswagen mit dem Notruf 112, etwa vom Roten Kreuz oder den Maltesern. Sie arbeiten unter dem Dach der Feuerwehr mit denselben medizinischen Standards.
7 Z. B. in einem Patiententestament.

Leben hängt nicht nur davon ab, wie gut ein Arzt oder eine Ärztin ist, sondern auch von einem gut organisierten Notfallsystem, betont Stefan Poloczek


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