Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2010 / 06 S. 12

Prof. Dr. Andreas Michalsen ist Chefarzt am Zentrum Naturheilkunde am Immanuel-Krankenhaus Berlin. Er hat viele Jahre in der Inneren Medizin und Kardiologie gearbeitet und betrachtet die Naturheilkunde als Ergänzung, nicht als Gegenpol, zur so genannten Schulmedizin und Hochleistungsmedizin. Er wünscht sich für Hausmittel, die er als Teil der „Traditionellen Europäischen Medizin“ versteht, bessere Studien und hat Untersuchungen zu Naturheilverfahren durchgeführt.




Nachgefragt:

Erkältungen im Anmarsch

Welche Hausmittel sind einen Versuch wert?

Am liebsten möchte jeder ohne Erkältung durch den Winter kommen. Aber kann man dafür tatsächlich etwas tun? Und wie lassen sich Schnupfen und Halsweh, Nebenhöhlenentzündungen und Husten lindern, wenn man ohne Medikamente auskommen will? Wir fragten einen Arzt für Naturheilkunde, welche Hausmittel er empfiehlt – und warum deren Wirksamkeit nicht ausreichend belegt ist.

GPSP: Die Auslöser von Erkältungen sind meistens Viren. Kann man diesen Infektionen vorbeugen?

Michalsen: Ganz wichtig ist Händewaschen und sich nicht ins Gesicht zu fassen, denn die Erreger werden mit den Händen übertragen. Ich empfehle außerdem, sich regelmäßig draußen in frischer Luft zu bewegen, also zum Bespiel zügig spazieren zu gehen oder Fahrrad zu fahren.

GPSP: Warum soll das nützen?

Michalsen: In der kalten Jahreszeit halten wir uns häufig in überheizten Räumen auf. Idealerweise sollte die Raumluft 19 oder 20 Grad im Winter nicht übersteigen. Inzwischen ist auch der Luftaustausch in Räumen durch die intensive Gebäudeisolation um 75% geringer als früher. Die Luft ist trocken und die Nasenschleimhäute sind es auch. Wer raus geht und sich bewegt, verbessert seine Blutzirkulation in Haut und Schleimhäuten. Erreger werden vom Feuchtigkeitsfilm besser abgehalten und die eingedrungenen Viren bei guter Blutzirkulation vom Immunsystem besser in Schach gehalten.

GPSP: Gibt es dafür Belege?

Michalsen: Wir hätten gerne zuverlässigere. Aber immerhin haben wir ältere experimentelle Studien mit Hinweisen, dass Bewegung und auch „abhärtende“ Maßnahmen wie Kneipp-Güsse und Saunagänge die Infektneigung reduzieren. Die äußere Stimulation des Blutgefäßsystems durch Wechsel von Warm-Kalt-Reizen scheint Erkältungen vorzubeugen.

GPSP: Legt man die Kriterien der evidenzbasierten Medizin an, können diese Studien allerdings nicht bestehen.1 Aber Kneippsche Anwendungen schaden ja nicht. Was empfehlen Sie für den Hausgebrauch?

Michalsen: Wer es einrichten kann, sollte einmal in der Woche die Sauna besuchen. Zu Hause kann jeder kalte oder wechselwarme Arm- oder Kniegüsse machen. Bei Wechselgüssen hört man immer mit kalt auf, um die wichtige Erwärmungsreaktion auszulösen. Möglich sind solche Wechselgüsse auch unter der Dusche. Man braucht allerdings einen Duschkopf, der den Wasserstrahl bündelt. Jeder Baumarkt hat solche Duschköpfe im Angebot.

GPSP: Meinen Sie, dass man bei kalter Witterung nicht ohne Mütze und Schal auf die Straße gehen sollte? Für Kinder und Jugendliche ist das oft eine Qual.

Michalsen: Im Prinzip ist es gut, sich warm anzuziehen, wenn es draußen kalt ist. Frieren ist nicht gut, kalte nasse Füße sind ganz schlecht. Bei kalten Füßen und Händen wird auch die Durchblutung der Nasen- und Rachenschleimhaut reduziert. Aber ein Kind, das draußen herumtobt und rote Backen hat, braucht in der Regel weder Mütze noch Schal und kann beides ablegen.

GPSP: Warum soll es dann nicht gleich leicht bekleidet rausgehen und sich damit abhärten?

Michalsen: Der Organismus braucht Außenreize, um sich zu adaptieren, z.B. an Kälte. Aber der Allgemein- und Wärmezustand muss vorher gut sein. Wer leicht bekleidet raus geht, friert sofort. Erwärmt durch einen Saunagang kann ich mich auch nackt im Schnee wälzen. Solche wechselnden Außenreize tun gut, aber nicht, wenn sie übertrieben werden. Vor allem große Reize, wie zum Beispiel Eisbäder, darf man nicht zu oft wiederholen und nicht zu lange ausdehnen.

GPSP: Und was mache ich, wenn die Erkältung bereits da ist und ich anfange zu schniefen?

Michalsen: Grundsätzlich schafft feuchte Atemluft Erleichterung. Aber es gibt keine zuverlässige Therapie gegen Schnupfen. Lüften ist gut – und Luftbefeuchter, die aber ordnungsgemäß gewartet werden müssen. Angenehm sind Inhalationen. Die kann man auch über dem Kochtopf machen, am besten mit einem Tuch über dem Kopf. 9 Gramm Salz auf einen Liter Wasser ist die Standardlösung. Außerdem sind bei Schnupfen Nasenspülungen mit einer Salzlösung empfehlenswert.

GPSP: Stimmt es, dass man bei einer Erkältung viel trinken soll?

Michalsen: Studien gibt es hierzu nicht, aber es scheint plausibel, insbesondere um die Schleimhäute feucht zu halten. Beliebt sind Kräutertees, und würzige Zusätze wie Ingwer, Kurkuma oder Koriander haben einen von innen wärmenden Effekt. Scharfe Speisen, mit Meerrettich oder Kresse oder ostasiatisch gewürzt, fördern ebenfalls die Sekretbildung und können die Nase freier machen. Wer allerdings richtig krank ist, mag meist nicht viel essen. Das muss man dann auch nicht. Ich rate sogar dann zu einem Fastentag.

GPSP: Warum wird denn so oft empfohlen, Hühnersuppe zu trinken?

Michalsen: Das hat auch mit der traditionellen chinesischen Medizin zu tun, bei der Huhn ganz wichtig ist. Aber dass die Suppe bei Erkältung hilft, dazu gibt es keine Daten. Es ist eine Legende. Wie schon erwähnt, tun heiße Getränke mit Kräutern und Gewürzen gut. Wer in der Apotheke einen Bronchialtee verlangt, erhält dort meist eine passende Kräutermischung.

GPSP: Und ist deren Wirksamkeit belegt?

Michalsen: Für einzelne Extrakte gibt es Untersuchungen.

GPSP: Deren Qualität und Aussagekraft ist aber nach wie vor umstritten.

Michalsen: Ja, weil sie leider nicht immer den hohen Evidenzkriterien genügen. Aber wer soll moderne teure Studien für Hausmittel denn bezahlen? Heilkräuterproduzenten sind keine großen Sponsoren.

GPSP: Was ist denn bei Halsweh angenehm?

Michalsen: Da empfehle ich Salbeitee zu trinken oder Salbeibonbons zu lutschen. Es können auch andere Bonbons sein, sie sollten aber wenig oder keinen Zucker enthalten. Viel zu trinken und etwas zu lutschen ist wichtig, weil man damit die Erreger den Rachen herunter spült. Angenehm ist auch ein warmer Kartoffelwickel nach Kneipp.

GPSP: Das müssen Sie erklären.

Michalsen: Wärme tut dem Hals gut, weshalb ein Schal oder ein Rollkragenpullover schon ein richtiger Schritt ist. Bei einem Kartoffelwickel wird die gekochte und gequetschte warme Kartoffel zwischen zwei Leinentücher, am besten Spültücher, gestrichen. Das Ganze wird um den Hals gelegt und mit einem Schal umwickelt. Nach 45 Minuten hat der Wickel seine Wärme abgegeben und
wird abgenommen. Das Prozedere kann man zweimal am Tag wiederholen.

GPSP: Und was mache ich bei Kopfschmerzen, wenn ich nicht gleich zu einem Schmerzmittel greifen will?

Michalsen: Manchen hilft es, die Stirn zu kühlen, andere bevorzugen Präparate zum Einreiben mit Minzöl. Auch eine Druckmassage mit den Fingerkuppen kann hilfreich sein, sofern man merkt, dass der Schmerz nachlässt, wenn man fest auf das Jochbein oder die Schläfe drückt. Bei dieser Akupressur muss man mit kleinen kreisenden Bewegungen festen Druck ausüben. Das tut auch bei Nasennebenhöhlenentzündung, der Sinusitis, gut. Man muss einfach ausprobieren, ob einem eine der Methoden hilft.

GPSP: Was nützt noch?

Michalsen: Natürlich Ruhe und Schlafen. Für entzündete Nebenhöhlen möchte ich noch einen Tipp geben: Rotlicht. Mehrmals am Tag etwa 5 bis 10 Minuten.

GPSP: Herr Michalsen, vielen Dank für die praktischen Tipps, mit denen man eine Erkältung vielleicht besser überstehen kann. Wir wünschen uns für die Zukunft Geldgeber für neue gute Wirksamkeitsstudien bei Hausmitteln.

1 Die evidenzbasierte Medizin legt hohe Maßstäbe an die Aussagekraft und Zuverlässigkeit von Studien an, damit man sicher sagen kann, ob Behandlungen den Patienten auch tatsächlich nutzen.


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