Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2009 / 03 S. 12

Dr. Gisela AlbrechtDie Hautärztin Dr. Gisela Albrecht war viele Jahre Chefärztin der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Vivantes-Klinikum in Berlin-Spandau. Kürzlich hat sie die Geschäftsführung der Kaiserin-Friedrich-Stiftung für ärztliche Fort­bil­dung übernommen. Sie ist Generalsekretärin der Deutschen Dermatologischen Akademie und im Vorstand der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft.
 


Nachgefragt: Ekzeme

Hautentzündungen – Nichts zu machen?

Wenn die Haut sich rötet und juckt, blasig wird oder sich verdickt und Schrunden bildet, handelt es sich in der Regel um ein Ekzem. Es gibt kaum jemanden, der nicht schon einmal betroffen war. Jeder möchte sich schützen – und vor allem das Ekzem ganz schnell wieder los werden.


Hautekzem, HautentzündungGPSP: Stimmt es überhaupt, dass Ekzeme in den letzen drei oder vier Jahrzehnten stark zugenommen haben?

Albrecht: Ja, insbesondere wenn man etwa an die Häufigkeit von Neurodermitis bei Kindern denkt.

GPSP: Wie lässt sich das erklären?

Albrecht: Dazu gibt es eigentlich nur Theorien, ganz sicher wissen wir es nicht. Nachgewiesen ist aber, dass in unserer Bevölkerung etwa jeder Fünfte die genetische Veranlagung für eine trockene, empfindliche Haut mit sich bringt. Man spricht hier von einer atopischen Diathese, also der Neigung zu einer Überempfindlichkeit. Für die Auslösung eines Ekzemschubes sind natürlich noch zusätzliche Faktoren von Bedeutung. Ich spreche gern von einem „angeborenen genetischen Wackelkontakt“. Wer beispielsweise schon in der Jugend Hautprobleme hat, sollte sich gut überlegen, welchen Beruf er ergreift.

GPSP: Damit seine Haut geschont wird?

Albrecht: Ja. In allen Berufen mit einem hohen Anteil an Feuchtarbeit können reizende oder allergene Substanzen leichter in die Haut eindringen und Entzündungen auslösen.  Die Haut wird ständig aufgeweicht und der natürliche Schutzfilm geschädigt.

GPSP: Haben denn auch die berufsbedingten Hauterkrankungen zugenommen?

Albrecht: Glücklicherweise nicht. In vielen Berufen wurde – auch durch den Druck der Berufsgenossenschaften – dafür gesorgt, dass am Arbeitsplatz ein effizienter Hautschutz zur Verfügung steht. Durch gute Handschuhe und Cremes lassen sich Hand­ekzeme oft vermeiden. Wer als Friseuse, im Haushalt oder als Maurer, aber auch als Altenpflegerin oder in der Chirurgie viel mit Wasser zu tun hat, weiß das. In Krankenhäusern steht heutzutage praktisch neben jedem Waschbecken ein Hautpflegemittel. So sollte das auch zu Hause sein.

GPSP: Warum?

Albrecht: Zu häufiges Waschen und Duschen schadet ganz besonders der trockenen Haut. Viele Menschen muten ihrer Haut zu viel zu und schädigen die so genannte Hornschichtbarriere mit ihrem natürlichen Schutzfilm. Wer sich bei jedem Duschen mit Seife oder Duschgel abschrubbt, tut seiner Haut wirklich nichts Gutes. Eigentlich reicht es, alle zwei Tage zu duschen.

GPSP: Woran sollte man sich also halten?

Albrecht: Nicht so oft, nicht so lange, nicht so heiß duschen. Und wenig Duschzusätze benutzen. Anschließend eincremen. Da muss jeder ausprobieren, was ihm gut tut. Im Winter bei trockener Haut kann das Präparat stärker fetthaltig sein, im Sommer ist der hohe Wassergehalt von Lotionen meist günstiger. Man erkennt selbst, was die Haut braucht. Ich sage immer, wenn das Präparat in Sekundenschnelle einzieht, war es nötig. Die Wahl des Präparates ist übrigens keine Frage des Preises! Teurer heißt in diesem Fall nicht unbedingt besser.

GPSP: Was kann derjenige tun, der einen Hautausschlag hat?

Albrecht: Er sollte zum Hautarzt gehen. Der betrachtet zunächst die Hautbeschaffenheit und versucht die Ursache zu finden. Die beste Therapie ist natürlich, den Auslöser zu meiden. Wer sich beispielsweise vor der Sonne schützt, bekommt keinen Sonnenbrand – dieser ist ein typisches toxisches, also ein nicht-allergisches Kontaktekzem. Auch nickelhaltige Münzen, Schmuck, Gürtelschnallen werden oft nicht vertragen. Sie können eine Nickelaller­gie verursachen. Also weglassen!

GPSP: Aber warum bekommen denn ältere Menschen ein Ekzem, die vorher nie Hautprobleme hatten?

Albrecht: Zum einen wird die Haut mit der Zeit dünner und empfindlicher. Außerdem können notwendige Arzneimittel ein Risiko sein. Anders als beim Kontaktekzem, wo zunächst nur die Kontaktstelle juckt und sich rötet, verursachen Arzneimittel von innen symmetrische Ekzeme an der ganzen Haut. 

GPSP: Man versucht dann vermutlich, das Arzneimittel durch ein anderes zu ersetzen.

Albrecht: Ja. Das geht oft. In der Ekzembehandlung muss man ansonsten zwischen einem akuten und einem chronischen Verlauf unterscheiden. Das erste ist hochrot und oft blasig, es braucht Kühlung – wie ein Sonnenbrand eben. Feuchte Umschlänge oder eine wasserhaltige Lotion sind hilfreich. Beim chronischen Ekzem, bei dem die Haut verdickt und rissig ist, kommt es zunächst darauf an, die Haut mit fetten Salben – bis hin zur reinen Vaseline – geschmeidig zu machen.

GPSP: Und wenn das nicht reicht?

Albrecht: Gegen Juckreiz und Schmerz helfen manchmal kortisonfreie Cremes, die zum Beispiel Polidocanol1 enthalten. In der Ekzembehandlung ist Kortison, das es zur lokalen Anwendung seit 1952 gibt, das A und O. Es ist ein starkes und gutes antientzündliches Arzneimittel. Aber, man muss es richtig benutzen.

GPSP: Was heißt das? Nicht zu oft und nicht zu viel?

Albrecht: Wenn sich ein Ekzem bemerkbar macht, sollte man nicht lange warten. Aber dann nur die erkrankte Fläche behandeln! Keinen Sinn macht es, eine Kortisonsalbe vorbeugend aufzutragen oder nur ein oder zwei Tage lang. Um sich zu erneuern und zu gesunden, braucht die Haut ihre drei bis vier Wochen, und solange muss man das langsam abklingende Ekzem behandeln. Zunächst täglich, später jeden zweiten Tag oder nur noch zweimal pro Woche.

GPSP: Präparate, die nicht mehr als bis zu 0,5% Hydrocortison enthalten, gibt es auch ohne Rezept. Hat das Vorteile?

Albrecht: Welches Arzneimittel richtig ist, muss der Arzt im Einzelfall entscheiden. Für das dünnhäutige Augenlid wählt man ein anderes Präparat als für den Rücken, wo die Salbe eine dickere Schicht durchdringen muss, um entzündungshemmend zu wirken. Wer an chronischen Ekzemen leidet, profitiert oft von zusätzlichen Salz- oder Ölbädern, auch von der Lichttherapie. Aber das sind nur begleitende Maßnahmen. Außerdem gibt es Alternativen zum Kortison, etwa immunsuppressive2 Substanzen. Aber hier sind bestimmte Nebenwirkungen zu beachten.

GPSP: Letzte Frage. Kann ich meine Haut durch Nahrungsergänzungsmittel schützen?

Albrecht: Nein. Normale Kost ist alles, was die Haut braucht. Wir müssen unsere Haut nicht zusätzlich ernähren.


Was ist ein Ekzem?

Das Wort Ekzem bedeutet Entzündung der Haut. Im Englischen spricht man von „Dermatitis“ – ein Wort, das den Begriff Haut (derma) und Entzündung (itis) verbindet. Weitere Fachbegriffe lassen sich zwei Aspekten zuordnen: Entweder ist das Ekzem stärker durch die persönliche Veranlagung bedingt oder stärker durch Außeneinflüsse. Im ersten Fall sind angeborene Faktoren ausschlaggebend, man spricht von atopischer atopischer3 Dermatitis, Neurodermitis4 oder endogenem5 Ekzem. Im zweiten Fall handelt es sich entweder um ein Kontaktekzem, das durch Berührung mit einem hautreizenden Stoff ausgelöst wird, oder um ein ­Arzneimittelekzem. 

1    Es kommt auch in kosmetischen Mitteln vor. Dort ist der Einsatz umstritten. www.bfr.bund.de/cm/206/polidocanol_in_kosmetischen_mitteln.pdf
2    das Immunsystem, also die Körperabwehr beeinflussende Substanzen
3    von Atopie = Neigung zu einer Überempfindlichkeit, einer Allergie
4    betont die Bedeutung des Nervensystems (neuro) für die Hautentzündung
5    endogen = von innen kommend


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