Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2010 / 06 S. 03

Mit Vitamin E gegen Schlaganfall

Keine gute Idee

Für Vitamin E wird viel versprochen. Im Internet lesen wir zum Beispiel, dass „Vitamin E für mehr Gesundheit” in hohen Dosierungen „das Schlaganfallrisiko deutlich reduzieren” kann. Dies sollen zahlreiche internationale Studien belegt haben – eine Fehlinformation, wie so viele Werbebotschaften im Netz.

Ein Zitat aus dem Internet: „Die Pharmaindustrie ist auf die Wirkung von Vitamin E nicht gut zu sprechen, denn jeder zweite Bürger in den Industrienationen erkrankt/stirbt an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Mit den Folgen solcher Erkrankungen verdient die Pharmaindustrie sehr viel Geld, indem sie teure Medikamente vertreibt, die die Folgen solcher Erkrankungen mildern sollen.

Dass das viel billigere und nicht patentierbare Vitamin E der Gefahr solcher Erkrankungen vorbeugt und die Herzinfarkt/ Schlaganfall-Rate um 40% senkt (laut aktueller Studien), ist daher für die Pharmaindustrie eine schlechte, für die Menschheit
aber eine sehr gute Nachricht.”1

Verschwörungstheorie als Werbemasche

Solche Sätze bedienen eine oft zitierte Kritik, dass Pharmahersteller wirksame und billige Produkte nicht anbieten, weil sie Teures verkaufen wollen. Das mag oft zutreff en, hier stimmt aber die Grundvoraussetzung dieser Behauptung nicht, da sich Vitamin E gerade nicht als nützlich erwiesen hat, Schlaganfälle zu verhindern. Zudem verkaufen Arzneimittelhersteller durchaus auch Vitamin-E-Präparate, zum Beispiel gegen Vitamin-E-Mangel. Diese Präparate dürfen sie jedoch nicht zur Vorbeugung von Schlaganfall anbieten, da hierfür die erforderlichen wissenschaft lichen Belege und die notwendige behördliche Zulassung fehlen. Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln dürfen ihre Präparate jedoch ohne behördliche Zulassung vermarkten. Was sie für ihre Produkte behaupten, unterliegt bislang keiner systematischen behördlichen Kontrolle (GPSP 6/2006, S.6). Jeder tut daher gut daran, den Versprechungen für Nahrungsergänzungsmittel zu misstrauen.

Vitamin E bedenklich

Kürzlich sind neun Studien mit 119.000 Teilnehmern zum Thema Vitamin E und Schlaganfall systematisch ausgewertet worden. Das wichtige Ergebnis: Vitamin E schützt nicht vor Schlaganfall. Es könnte sogar sein, dass Vitamin E das Risiko für Hirnblutungen erhöht.2

GPSP überprüft  Werbeaussagen grundsätzlich mit den verfügbaren wissenschaftlichen Daten. Das gilt für Arzneimittel ebenso wie für Nahrungsergänzungen und Medizinprodukte.

Auf der Grundlage ihrer Analyse raten die Wissenschaft ler von der weit verbreiteten Selbstmedikation mit Vitamin-E-Präparaten ab. Eine frühere Auswertung von Studien alarmiert ebenfalls: Wer täglich 400 Einheiten Vitamin E (und mehr) einnahm, hatte ein gering erhöhtes Risiko zu sterben (GPSP1/2009, S. 3).3

Damit steht fest, dass Vitamin E keinesfalls vor Schlaganfall schützt und auch das Leben nicht verlängert. Für andere vorbeugende Maßnahmen ist hingegen ein positiver Eff ekt gesichert, z.B. für blutdrucksenkende und cholesterinsenkende Medikamente. Auch ein gesunder Lebensstil mit regelmäßiger Bewegung, ohne Tabak und Übergewicht verringert nachweislich das Schlaganfallrisiko (GPSP 3/2009, S. 8). Das haben die Wissenschaftler jetzt erneut betont.2


Quellen
1 Werbung für Vitamin E bei www.FeelGood-Shop.com
2 Schürks, M. et al. BMJ 2010: 341, S. c5702-c5710
3 arznei-telegramm 2004; 35, S. 141

Hier finden Sie weitere Artikel zu verwandten Themen:

GEPANSCHTES

Gepanschtes-Button-B272px

Heft-Archiv


Titelbild dieser Ausgabe


Geschenk-Abo

GPSP_Geschenk-Abo_2015-300px

Spenden

Unsere Informationen gefallen Ihnen?
SpendenWenn Sie Gute Pillen – Schlechte Pillen mit einer Spende unterstützen, hilft uns das, unabhängig und werbefrei zu sein. GPSP ist gemeinnützig. Spenden sind steuerlich absetzbar: Spendenportal.de