Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2017 / 05 S. 25

Methadon gegen Krebs?

Nutzen und Schaden unklar

© J. Schaaber
© J. Schaaber

Wenn Krebskranke starke Schmerzen haben, wirken Opioid-Schmerzmittel wie Morphin gut schmerzlindernd. Könnte das Opioid Methadon, das hierzulande ausschließlich zur Drogenersatztherapie bei Opioid-abhängigen Menschen zugelassen ist, vielleicht sogar das Leben Krebskranker verlängern?

Vor einigen Wochen kamen in Fernsehsendungen Forscher zu Wort, die Methadon als viel versprechende und kostengünstige unterstützende Therapie bei Krebs propagierten.1 Methadon könne die Wirksamkeit einer Chemotherapie nach dem Prinzip eines Wirkverstärkers verbessern. Die Pharmaindustrie würde jedoch kein Geld in die Erforschung des Mittels investieren, weil mit dem patentfreien Methadon kein Geld zu verdienen sei.

Krebskranke greifen in ihrer schwierigen Situation oft nach jedem Strohhalm. Die Verquickung der Verschwörungstheorie, wonach die pharmazeutische Industrie die Erforschung aus kommerziellen Gründen blockiere, mit suggestiv dargestellten Berichten über positive Wirkungen von Methadon auf Krebserkrankungen hat viele Betroffene veranlasst, die Behandlung mit Methadon von ihren Ärzten zu fordern.

Die Hoffnungen, die in den Sendungen geweckt wurden, haben jedoch keine ausreichende Basis. Laborexperimente an Zellen und Versuchstieren, eine Ministudie ohne Kontrollgruppe sowie persönliche anekdotische Berichte über einzelne Krankheitsverläufe reichen nicht aus. Wissenschaftliche Untersuchungen, die eine Beurteilung der Auswirkungen von Methadon auf die Lebensqualität und das Überleben bei Krebs ermöglichen, fehlen. In der Gesamtschau enttäuscht der Mangel an Erkenntnissen. Zweifel dominieren. So lässt eine rückblickende Auswertung der Daten von 164 Patienten mit unterschiedlichen, zum Teil chemotherapeutisch behandelten Krebserkrankungen, deren Schmerzen mit verschiedenen Opioid-Schmerzmitteln gelindert wurden, keinen lebensverlängernden Effekt von Methadon im Vergleich zu anderen Opioiden erkennen.2

Zwei US-amerikanische Studien, bei denen die Daten von Patienten mit nicht-tumorbedingten Schmerzen ebenfalls rückblickend ausgewertet wur­den, kommen zu widersprüch­lichen Ergebnissen, was den Einfluss von Methadon und Morphin auf die Sterblichkeit betrifft. In einer der beiden Studien sterben sogar mehr derjenigen Patienten, die Methadon verwendet haben.2,3

Vor unrealistischen Erwartungen und möglichen Gefahren der in Deutschland nicht zugelassenen Anwendung (Off-label-Gebrauch) von Methadon zur unterstützenden Krebstherapie wird daher von mehreren Seiten abgeraten oder gewarnt.2,3,4,5

Methadon sollte in diesem Zu­sammenhang ausschließlich im Rahmen kontrollierter klinischer Studien getestet werden, um zu klären, ob und welche Krebskranken tatsächlich von Methadon profitieren und mit welchen unerwünschten Wirkungen dabei zu rechnen ist.

Unterschied USA

Im Gegensatz zu Deutschland ist Methadon in den USA auch zur Schmerztherapie zugelassen, jedoch ebenfalls nicht zur unterstützenden Krebstherapie.

Off-label

GPSP 3/2016, S. 23

1 z.B. Plus-Minus vom 12. Apr. 2017 www.a-turl.de/?k=ombu
2 arznei-telegramm® (2017) 48, S. 49
3 Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (2017) Informationen für Patienten vom 10. Juli
4 Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (2017) Stellungnahme vom 26. Apr. www.a-turl.de/?k=gonm
5 Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (2017) Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin zum Einsatz von D,L-Methadon zur Tumortherapie www.dgpalliativmedizin.de/images/20170705_DGP_Stellungnahme_Methadon.pdf

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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