20. März 2017

Zugelassene Mittel nicht immer wirksam

Bei Präparaten mit Ginkgo und Weißdorn fehlt die Transparenz

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© ulleo/ pixabay.com

Pflanzliche und homöopathische Medikamente sind in einigen Verbraucherkreisen sehr beliebt, gelten sie doch als wirksame und „sanfte“ Mittel. Schonend ist aber vor allem der Umgang der Zulassungsbehörden mit diesen „Arzneimitteln der besonderen Therapierichtungen“: Die Anforderungen an Wirksamkeitsbelege liegen hier viel niedriger als etwa bei herkömmlichen Kopfschmerztabletten. Das erschwert Verbrauchern den Durchblick, denn Hersteller dürfen mit allen zugelassenen Anwendungsgebieten werben – selbst wenn aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse dagegen sprechen.

Immer öfter vergesslich oder schwächelt das Herz? Besonders Ältere greifen dann gerne in Eigenregie zu rezeptfreien Mitteln mit Ginkgo oder Weißdorn, die für solche Zwecke beworben werden. Pflanzliche Arzneimittel gehören wie homöopathische sowie anthroposophische Produkte zu den sogenannten „Arzneimitteln der besonderen Therapierichtungen“, Unter bestimmten Bedingungen können solche Mittel mit einem vereinfachten Verfahren, der Registrierung, auf den Markt kommen. Allerdings gibt es auch Präparate, die mit einer Zulassung geadelt werden. Für Verbraucher klingt das so, als ob die Behörde die Wirksamkeitsbelege sehr gründlich geprüft hat. Was Herr Müller und Frau Meier jedoch nicht wissen: Für zugelassene Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen hat der Gesetzgeber die Hürden für die Wirksamkeit sehr niedrig gelegt.

Hinzu kommt: Selbst wenn die Behörden die Studienlage zu den Mitteln endlich gründlich aufarbeiten und dann zu einer anderen Einschätzung kommen, können sie die Zulassung in vielen Fällen nicht entziehen – denn zuerst einmal haben die Mittel einen sogenannten Bestandschutz. Das bedeutet: Die ursprüngliche Entscheidung der Behörde zu den zugelassenen Anwendungsgebieten gilt weiter, auch wenn es neue Studien zur Wirksamkeit gibt oder sich deren Interpretation verändert. Für Verbraucher ist das aber vollkommen undurchsichtig: So können sie nicht erkennen, dass bei Ginkgo-Präparaten für Tinnitus und die Schaufensterkrankheit (PAVK) zuverlässige Belege aus gut gemachten Studien fehlen.

Für Weißdorn bei Herzschwäche lässt sich ebenfalls wissenschaftlich kein Nutzen nachweisen. Hersteller dürfen auf der Basis der alten Zulassung trotzdem weiter mit diesen Anwendungsgebieten werben.

Dabei birgt das im Fall von Weißdorn durchaus Risiken: Es kann Patienten schaden, wenn sie eine Herzschwäche auf eigene Faust mit Weißdorn in den Griff bekommen wollen. Bei dieser ernsthaften Erkrankung ist unbedingt eine ärztliche Behandlung nötig. Ob sich die deutsche Zulassungsbehörde aus Sicherheitsgründen zumindest in diesem Fall durchsetzen kann, ist derzeit noch offen.

Weitere Informationen finden Abonnentinnen und Abonnenten in zwei Originalartikeln der Ausgabe GPSP 2/2017: http://gutepillen-schlechtepillen.de/ginkgo-nutzen-neu-bewertet/ und http://gutepillen-schlechtepillen.de/zweierlei-mass/


  • Glosse:

    Das ist doch mal eine supergute Nachricht in Sachen Gesundheitsinformation: Unser aller Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, also das BfArM, „ist ab heute mit eigenem Kanal bei Twitter aktiv“.

  • Schlank mit Bockshornklee

    Bockshornklee wird allerhand Gutes nachgesagt. Die Anwendungsmöglichkeiten scheinen unbegrenzt. So soll dieses Kraut auch bestens für Gewichtsreduktion geeignet sein. Gute Pillen – Schlechte Pillen sieht dafür keine wissenschaftliche Grundlage.

  • Werbung – Aufgepasst!

    Dieses Poster lag dem Deutschen Ärzteblatt bei. Mediziner sollen es in ihr Wartezimmer hängen.1 Auf den ersten Blick empfiehlt es nur, sich auf Hepatitis C testen zu lassen, weil diese chronische Infektion die Leber schädigen kann.

  • Noch gesund oder schon krank?

    Für die Diagnose einer Erkrankung sind häufig auch Messwerte wichtig. Die Grenzen, ab denen Werte als krankhaft gelten, sind in den letzten Jahren in vielen Fällen gesenkt worden. Ob der Patient oder die Patientin tatsächlich davon profitiert, ist aber oft fraglich.

  • Wenn der Schlaf gestört ist

    Helfen bei Schlafproblemen Hausmittel, Matratzenwechsel oder kleine Verhaltenstricks nicht weiter, können möglicherweise verordnete Medikamente die Ursache sein.

  • Aufgespießt: Aus Werbung und Internet

    Anbieter: Lifepharm, ein Unternehmen mit Sitz in Lake Forest, USA.1 Vertrieb online durch diverse Anbieter (Multi-Level-Marketing). Verschiedene Packungsgrößen, z.B. 120 Kapseln für 115,80 €.

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