17. Juli 2017

Schreibaby-Probleme

Meist ist nach wenigen Monaten alles vorbei – auch ohne Medikamente

626184122 – Handemandaci – iStock.de
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Wenn Säuglinge weinen, ist das ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Manche Babys schreien oft stundenlang, obwohl alles in Ordnung scheint. Passiert das häufiger, treibt es Eltern zur Verzweiflung. Viele vermuten, dass ihr Kind vielleicht „Säuglingskoliken“ quälen und suchen nach Abhilfe – ein oft mühseliger Pfad, auf dem jede Familie ihren eigenen „Plan A“ oder „Plan B“ finden muss. Gute Pillen – Schlechte Pillen rät jedoch, dabei nicht auf oft empfohlene Medikamente zurückzugreifen, da ihr Nutzen nicht belegt ist. Beruhigend zu wissen: Die an sich harmlosen Schreiattacken klingen im 4. oder 5. Lebensmonat meist von selbst ab.

Beginnen Babys spätnachmittags oder abends mit „exzessivem Schreien“ – so die Fachsprache –, vermuten viele gestresste Eltern, dass ihr Baby ein Verdauungsproblem hat. Und tatsächlich kann eine erhöhte Gasmenge im Darm, eine gestörte Darmtätigkeit oder Verstopfung, aber auch eine Kuhmilchallergie, Laktoseintoleranz oder ein Rückfluss von Säure aus dem Magen in die Speiseröhre („Sodbrennen“) die Ursache sein. Und für jeden solchen „Verdachtsfall“ gibt es allerseits reichlich Empfehlungen – die leider selten helfen.

Überforderte Eltern fragen dann mitunter nach Medikamenten, die das Kind beruhigen könnten oder hören oft einander widersprechende Empfehlungen. So schlägt zum Beispiel das britische, staatliche National Institute for Health and Care Excellence (NICE), das Arzneimittel und Therapien bewertet, sehr gestressten Eltern vor, ihren Säugling probeweise eine Zeit lang mit einem Arzneimittel zu behandeln, das entblähend wirken soll. Seltsam dabei ist, dass es keinen Studienbeleg dafür gibt, dass das Mittel mehr hilft als ein Scheinmedikament (Placebo).

Eine solche Empfehlung trägt nach Einschätzung von Gute Pillen – Schlechte Pillen zur Medikalisierung von kleinen Kindern bei – sogar mit unnützen Arzneimitteln. Ein solcher offizieller Tipp kann auch generell die Schwelle senken, bereits Säuglingen Arzneimittel zu geben und dies nicht, weil sie nachgewiesenermaßen krank sind, sondern bloß, weil sie sich auffällig verhalten oder anstrengend sind.

Auch hierzulande wird immer wieder zum sogenannten Entschäumer Simeticon (Lefax® u.a.) geraten. Doch solche Präparate wirkten in drei Studien nicht besser als ein Scheinmedikament. Homöopathische PräparateProbiotika oder Kräutermittel werden ebenfalls oft empfohlen, trotz nachweislich dürftiger Studienlage und schlechter Studienqualität, sodass der Nutzen fraglich bleibt. Vorsicht ist bei so manchem Tee geboten, er könnte die Milchaufnahme im Magen-Darm-Trakt des Babys beeinträchtigen und zudem verborgenen Zucker enthalten. Ob Chiropraktische und osteopathische Maßnahmen sowie bestimmte Massagen Säuglingen nutzen oder doch eher schaden, ist bislang wissenschaftlich unzureichend untersucht. Sie bergen jedoch Risiken. Akupunktur wird als unethisch eingestuft, denn das Nadeln kann für Säuglinge schmerzhaft sein.

GPSP-Tipps für Eltern mit Schreibabys:
Wenden Sie sich an Ihre Hebamme oder Ihren Kinderarzt. Vielleicht leidet das Baby an körperlichen Beschwerden – zum Beispiel an einer Mittelohrentzündung oder Harnwegsinfektion. Gegebenenfalls verordnet der Kinderarzt ein nötiges bewährtes Medikament. Bei bestimmten Verdauungsproblemen kann vielleicht eine Nahrungsumstellung helfen.

Bitten Sie Verwandte und Freunde um Unterstützung und binden Sie diese in die Betreuung des schreienden Kindes ein. Dann können Sie sich zwischendurch ablenken und entspannen.

Weitere Informationen zu Schreibabys, der Studienlage und weitere Tipps finden Abonnenten und Abonnentinnen im Originalartikel der Ausgabe GPSP 4/2017 unter http://gutepillen-schlechtepillen.de/saeuglingskolik-oder-was/


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