23. Oktober 2017

Neues Brustkrebsmittel

Wirkstoff Palbociclib bringt keinen Zusatznutzen – außer für die Aktionäre

© Jörg Schaaber
© Jörg Schaaber

Diagnose Brustkrebs. Sie ist niederschmetternd und nagt oft am Selbstbewusstsein der erkrankten Frauen. Umso mehr wird jedes neue Medikament gegen Brustkrebs mit Spannung erwartet, und nicht selten als Durchbruch gehypt. Hochemotional läuft derzeit die Diskussion um den neuen Wirkstoff Palbociclib. Gute Pillen – Schlechte Pillen ist skeptisch, ob dieses Mittel derzeit Frauen mehr hilft als die bisherigen Behandlungsmöglichkeiten. Denn die Studienlage für Palbociclib ist unbefriedigend, die Therapiekosten sind enorm und schwere unterwünschte Wirkungen nicht selten.

„Kein Zusatznutzen“, so lautete das Urteil des für die Bewertung von neuen Arzneimitteln zuständigen Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) für das Krebsmittel mit dem Wirkstoff Palbociclib. Der US-amerikanische Hersteller zeigt Unverständnis. Auch einige Experten und Fachgesellschaften halten das neue Medikament für einen bedeutsamen Fortschritt.

An Palbociclib wird das Dilemma vieler neuer Arzneimittel deutlich: Man weiß eigentlich noch nicht genug über ihre Vorteile und (langfristigen) Nachteile. Entscheidend für Frauen, die unter fortgeschrittenem Brustkrebs leiden, ist, ob sie durch das Medikament länger leben oder die verbleibende Zeit zumindest erträglicher wird. Ob das neue Medikament diesen Patientinnen ein längeres Leben ermöglicht, ist derzeit unklar. Das liegt vor allem daran, dass die maßgebliche Studie „PALOMA 2“ erst im November 2018 enden wird. Doch es kommt noch schlimmer: Vom Hersteller des Palbociclib-Medikaments wurden aktuelle Zahlen zum Überleben aus dieser Studie nicht vorgelegt, mit dem Argument, diese Daten seien für ihn (noch) nicht zugänglich. Gleichzeitig präsentierte er aber andere Auswertungen, die sich ohne Kenntnis der Anzahl der bereits verstorbenen Frauen gar nicht berechnen lassen. Das IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) hat aus diesen Daten ermittelt, dass man derzeit von keiner längeren Überlebensdauer ausgehen kann.

Der Hersteller legte dem G-BA ergänzend eine weitere Studie vor. Doch die bot nur alte Zahlen mit Datenstand November 2013. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinen Überlebensvorteil. Kürzlich wurden dann auf einem Kongress die Endergebnisse vorgestellt: Frauen lebten mit dem Palbociclib-haltigen Medikament nicht länger.

Und weder bei den Krankheitssymptomen (verlangsamter Tumorwachstum bedeutet nicht automatisch längeres Überleben) noch bei der Lebensqualität lassen sich Vorteile für Palbociclib erkennen. Allerdings ist der Wirkstoff schlecht verträglich. Schwere unerwünschte Wirkungen treten deutlich häufiger und früher auf als bei der Vergleichstherapie mit dem üblichen Wirkstoff Letrozol.

Die ungünstige Palbociclib-Bewertung durch den G-BA ist für den Hersteller auch ein wirtschaftliches Problem. Denn das Medikament brachte ihm in den USA im letzten Jahr bereits einen Umsatz von über zwei Milliarden US-Dollar. Angesichts weniger weiterer Umsatzrenner bei dem Unternehmen könnte der Absturz von Palbociclib Managern und Aktionären Kopfschmerzen bereiten.

Jörg Schaaber: „Wenn man bedenkt, dass Palbociclib über 66.000 Euro pro Patientin und Jahr kostet, ist das ziemlich viel Geld für einen fragwürdigen Zusatznutzen. Zumal das Medikament zusätzlich zu Letrozol verordnet wird. Letrozol alleine kostet gerade einmal 300 Euro.“

Weitere Informationen zu den öffentlichen Auseinandersetzungen und der Palbociclib-Studienlage finden Abonnenten und Abonnentinnen im Originalartikel der Ausgabe GPSP 5/2017 unter: http://gutepillen-schlechtepillen.de/bild-dir-eine-meinung/


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