6. Juni 2017

Das Antibiotika-Dilemma

Zunehmende Resistenzen weltweit – neue Antibiotika fehlen

© schuetz-mediendesign/ pixabay.com
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Jeder Mensch trägt ein bis zwei Kilogramm Bakterien in sich. Ohne die kann er nicht leben. Die meisten Bakterien sind nützlich. Manche lösen Infektionen aus, manche davon sind dann sogar lebensgefährlich. Dank Antibiotika haben solche Infektionen aber ihren Schrecken verloren. Doch Bakterien werden gegen immer mehr Antibiotika resistent und das Antibiotika-Spektrum ist ausgereizt. Aber die Hersteller winken ab, neue Antibiotika zu entwickeln, weil es nicht rentabel genug ist. Gute PillenSchlechte Pillen erklärt, warum sich Resistenzen entwickeln und nennt vier Brennpunkte, bei denen dringend etwas geändert werden muss.

Seit den 1930er Jahren können Ärzte Antibiotika einsetzen. Was damals nur in Ausnahmesituationen passierte, wird heute fast schon inflationär und unkritisch gehandhabt. Damit steigt das Risiko, resistente Bakterien heranzuzüchten, die im schlimmsten Fall eine Behandlung unmöglich machen.

Brennpunkt Arztpraxis: Fast jedes dritte Antibiotika-Rezept ist medizinisch nicht angemessen. Schon bei Erkältungen, ausgelöst durch Viren, werden Antibiotika verschrieben, obwohl sie hier machtlos sind. Und so mancher Patient verlangt ausdrücklich ein Antibiotikum, weil er hofft, damit schneller fit zu werden. Auch die Verordnung von sogenannten Breitbandantibiotika etwa bei einer gewöhnlichen Harnwegsinfektion ist eine Schrotschussaktion. Hier wäre der gezielte Einsatz eines passenden Antibiotikums sinnvoller: Breitbandantibiotika sind die letzte Waffe in lebensbedrohlichen Situationen.

Brennpunkt Krankenhaus: Auch hier werden Antibiotika nicht immer sachgerecht verwendet. Das erzeugt unnötig Resistenzen und erschwert die Behandlung. Bei Patienten, die sowieso schon durch Krankheit oder OPs geschwächt sind, haben resistente Keime ein leichtes Spiel. Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen können die Folge sein. Circa 600.000 Menschen hierzulande infizieren sich jährlich in Kliniken, 15.000 davon sterben.

Brennpunkt Hygiene: Neun von zehn Infektionen mit Krankenhauskeimen erfolgen über das Klinikpersonal. Hier fehlt es an Kontrollen und Schulungen. Oft ist das Personal auch unter Zeitdruck, sodass Hygiene auf der Strecke bleibt.

Brennpunkt Agrarindustrie: 2014 wurden deutschlandweit 1.238 Tonnen Antibiotika verabreicht – auch an gesunde Tiere! (Das ist fast 1,5mal mehr als beim Menschen.) Das fördert wiederum Resistenzen im Stall, die sich auch außerhalb verbreiten können. Wer in der Mastanlage diese resistenten Bakterien einatmet, schleppt sie vielleicht bei einem Krankhausbesuch mit ein. Resistente Bakterien verbreiten sich aber auch über Tiertransporte europaweit.

Um das Resistenzproblem in den Griff zu bekommen, muss der Antibiotika-Gebrauch drastisch gesenkt werden. So ließe sich das Verordnungsverhalten von Ärztinnen und Ärzten – ob in Klinik oder Praxis – durch intensive unabhängige Fortbildungen verbessern, Pharma-Werbung fände dann kaum noch Beachtung.

In der Tierhaltung müssten die Antibiotika-Verbrauchsmengen viel genauer als bisher erfasst werden. Und verbesserte Haltungsbedingungen sind unverzichtbar: Je gesünder ein Tier lebt, desto seltener wird es krank, und desto weniger Antibiotika werden verbraucht.

Bakterielle Infektionen werden in Zukunft immer schwieriger zu behandeln sein. Deshalb muss auch die Entwicklung neuer Antibiotika intensiviert werden. Christian Wagner-Ahlfs: „Die kommerzielle Forschung hat kaum Interesse, neue Antibiotika-Klassen zu entwickeln. Deshalb sind hier neue, nicht kommerzielle Projekte wichtig. So hat zum Beispiel die Weltgesundheitsorganisation das Projekt GARD-P ins Leben gerufen. Solche multinationalen Projekte sind eine wichtige Chance.“

Mehr zur zu den bedrohlichen Resistenzen bei Antibiotika finden Abonnenten und Abonnentinnen im Originalartikel der Ausgabe GPSP 3/2017: http://gutepillen-schlechtepillen.de/kein-kraut-gewachsen/


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