Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2010 / 05 S. 07

Melanotan: Riskante Bräune

Der Sommer ist vorbei, und die Bräune soll konserviert werden. Denn Bräune gilt als attraktiv. Hierzu werden Hautbräuner nicht nur äußerlich aufgetragen, sondern geschluckt oder sogar gespritzt.

Der Wunsch braun – und vermeintlich gesund – auszusehen, ist so stark, dass sich manche sogar eine unzureichend geprüfte hormonartige Substanz unter die Haut spritzen, die im Internet als Melanotan-2-Ampullen1 verkauft wird. Bedeutsame Nebenwirkungen werden nicht genannt, aber damit geprahlt, dass Melanotan als Schutz gegen Hautkrebs eine Zukunft haben soll.
 

Illegale Vermarktung

Die Vermarktung von Melanotan erachten wir als illegal. Es handelt sich um eine Substanz, die im Körper die Menge des Bräunungspigmentes Melanin erhöhen kann. Melanotan ist als Arzneimittel einzustufen, das nur nach behördlicher Zulassung und nur als rezeptpflichtiges Mittel auf den Markt kommen dürfte. Für seine Zulassung sind klinische Studien zu Risiken und für die behaupteten Wirkungen unbedingt erforderlich. Solche Daten fehlen: Verschiedene Arzneimittel- und Gesundheitsbehörden, beispielsweise in Dänemark, Großbritannien und in den USA,2,3,4 betonen, dass weder die Qualität noch die Sicherheit oder die Wirksamkeit von Melanotan für die Hautbräunung geklärt sind.

Im Internet werden harmlose unerwünschte Effekte wie Gesichtsrötung, Übelkeit und Unwohlsein direkt nach der Injektion erwähnt. Angeblich soll all dies auf verunreinigtem Melanotan beruhen. Außerdem können bestehende Muttermale dunkler werden. Das soll nur durch verstärkte Bräunung bedingt und kein Anzeichen einer bösartigen Veränderung der Muttermale sein. Wer hierauf vertraut, riskiert, dass Muttermale, die sich bösartig verändern, möglicherweise zu spät erkannt werden. Jede Veränderung der Farbe von Muttermalen ist ein wichtiges Warnsignal für eine mögliche Entartung. Wer das Bräunungsmittels spritzt, kann das Warnsignal als harmlose Veränderung fehlinterpretieren. Bisher fehlen hinreichende Studien, die die Harmlosigkeit der Bräunung mit Melanotan tatsächlich belegen. Dies ist skandalös, da Männer und Frauen das Mittel längerfristig anwenden müssten, wenn ihre Bräune nicht wieder schwinden soll.5

Ein und dasselbe Hormon hat oft vielfältige Einflüsse auf Regelkreise des Körpers. Dies gilt auch für das hormonartige Melanotan. Dazu passt, dass weiterer Nutzen propagiert wird, beispielsweise die Steigerung der Potenz (ungewollte, auch anhaltende Erektionen können eine unangenehme Nebenwirkung des Bräunungsmittels sein), und es soll bei Frauen und Männern das sexuelle Verlangen steigern.5 Werden derart unterschiedliche Anwendungen und Effekte für ein aus Lifestyle-Gründen verwendetes Mittel ausgelobt, sollten bei jedem die Alarmglocken läuten.

Wir warnen vor unzureichend geprüften und nicht zugelassenen Mitteln zur Bräunung oder zur Steigerung der Potenz.



Bräune schlucken?

In den 1980er Jahren waren Tabletten angesagt, die den orangeroten Farbstoff Canthaxanthin enthielten. Die Anbieter mussten diese bald wieder aus dem Handel ziehen, da sich der Farbstoff in den Augen als Goldflitter ablagerte und die Hell-dunkel-Anpassung erschweren konnte.6 Heute werden Canthaxanthin-haltige Kapseln dennoch wieder als Bräunungsmittel angeboten, und zwar als angeblich harmlose Nahrungsergänzung ohne jeglichen Hinweis auf Gefahren für die Augen.


Quellen
1    Es gibt zwei Typen von Melanotan (1 und 2). Beide erhöhen die Menge des Melanins und damit die Hautbräune, und beide müssen regelmäßig unter die Haut gespritzt werden.
2    Danish Medicines Agency: Warning against the product Melanotan, Pressemitteilung vom 8. August 2008
3    Medicines and Healthcare products Regulatory Agency (MHRA, Großbritannien): Drug Safety Update 2008; 2 (5), S. 8
4    FDA (USA): FDA Issues Warning Letter to Melanocorp, Inc. for Illegal Sale of Melanotan, Pressemitteilung vom 5. September 2007 
5    Editorial: Brit. Med. J. 2009; 338, S. 424-5
6    arznei-telegramm 1984; Nr. 7, S. 53 und 1985; Nr. 2, S. 16


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