Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2014 / 01 S. 14c

Kurz und knapp:

Lebendorganspende

Eine Frage des Geschlechts

Von den etwa 800 Nieren, die in Deutschland 2012 als Lebendspende verpflanzt wurden, stammten 58,5 % von Frauen (also nur 41,5% von Männern). Gleichzeitig waren 64,4 % der Nierenempfänger männlichen Geschlechts (somit nur 35,6 der Empfänger weiblich). Das ist kein Zufall. Die Unterschiede bestehen in vielen Ländern und sind manchmal noch deutlicher: In Belgien, Österreich, Schweden, der Schweiz und den USA kommen zwei von drei gespendeten Nieren von Frauen, aber Frauen erhalten nicht etwa zwei Drittel, sondern nur ein Drittel dieser lebensrettenden Organe.3 Das wirft die Frage auf, wann die Fürsorge der Frauen und ihre Verantwortung für die Familie enden. Denn vor allem sind es die Ehepartner und die eigenen Kinder, denen die gespendeten Nieren zu Gute kommen. Sozialwissenschaftlerinnen fragen zudem, ob das Ungleichgewicht auch ökonomische Gründe hat. Erhalten Frauen so die Arbeitskraft von Angehörigen? Dass neben der Fürsorge auch die Ökonomie eine Rolle spielt, lassen unter anderem Zahlen aus dem Iran vermuten, wo Lebendorganspenden – und damit ein Organhandel – legalisiert sind.4 Das Geschlechterverhältnis bei der Lebendorganspende ist dort umgekehrt: Unter den 1.500 entnommenen Nieren im Jahr 2003 stammten nur 22 % von Frauen, aber 78 % von Männern. Unter den Empfängern war das Verhältnis so wie in Deutschland und vielen anderen Staaten ein Drittel (Frauen) zu zwei Drittel (Männer).


Quelle
3 Motakef M, Wöhlke S (2013), Ambivalente Praxen der (Re)Produktion. Fürsorge, Bioökonomie und Geschlecht in der Lebendorganspende. Gender 31, S. 94
4 Motakef M (2013): Frauenkörper als „Gabe“ und „Ware“, Vortrag Jahrestagung Arbeitskreis Frauengesundheit, Berlin 2.11.

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