Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2007 / 04 S. 01

„Anti-Aging“: Versprochen, nicht gehalten

Wachstumshormon ist kein Jungbrunnen

JungbrunnenDer Jungbrunnen als Quelle ewiger Jugend ist ein alter Menschheitstraum.
„Anti-Aging“-Behandler, die versuchen, Alterungsprozesse aufzuhalten oder sogar rückgängig zu machen, knüpfen an diesen Traum an. Häufig empfehlen sie die Verwendung des Wachstumshormons.

Das Wachstumshormon wird bisweilen auch als Jugendhormon bezeichnet, da es vor allem in der Kindheit gebildet wird. Mit zunehmendem Alter produziert die Hirnanhangdrüse jedoch immer weniger.

Diese Abnahme soll angeblich für Alterungsprozesse verantwortlich sein. 1990 erschien eine Studie mit der Behauptung, Wachstumshormon könne bei sonst gesunden älteren Männern altersbedingte körperliche Veränderungen um Jahrzehnte zurückdrehen. Diese Studie war allerdings von miserabler Qualität. Behördlich zugelassen ist das verschreibungspflichtige Hormon als „Anti-Aging“-Mittel konsequenterweise bis heute nicht. Dennoch werden inzwischen weltweit Wachstumshormon-Präparate im Wert von 1,5 Milliarden Dollar verkauft, ein Drittel davon wahrscheinlich für Personen, die gar keinen Mangel an diesem Hormon haben.1

Dass mit dem Alter die Konzentration von Hor­monen wie Wachstums­hormon, Testosteron oder Östrogenen abnimmt, ist lange bekannt. Die Hoffnung, dass sich Alterserscheinungen verhindern oder gar umkehren lassen, wenn die Hormonspiegel wieder auf ein jugend­liches Niveau gehoben werden, ist jedoch unrealistisch. Im Hinblick auf die vielfältigen Regelkreise, in die Hormone eingreifen, ist das sogar bedenklich. Dies hat sich beispielsweise bestätigt, als die Risiken der Einnahme von Östrogenen in und nach den Wechseljahren bekannt wurden (GPSP 1/2005). Dennoch empfehlen ärztliche Berufsverbände wie der Berufsverband der Frauenärzte auch noch im Jahr 2007 unkritisch die „Hormonsubstitution“ als „Möglichkeit, die biologische Alterung zu verlangsamen“2. Dabei wird neben Östrogenen auch das Wachstumshormon erwähnt.

Starke Nebenwirkungen

Das Hormon muss gespritzt werden. Jetzt wurden 31 Veröffentlichungen, die unter den vorhandenen am besten über Nutzen und Risiken von Wachstumshormon informieren, systematisch ausgewertet.1 Die Datenbasis ist allerdings mit insgesamt 220 Teilnehmern sehr klein. Im Durchschnitt sind diese 69 Jahre alt.

Die Ergebnisse: Einerseits hatte sich unter Einfluss des Wachstumshormons bei Männern das Körperfett verringert, fettfreie Körperanteile wie Muskelmasse nahmen im gleichen Ausmaß zu. Das Körpergewicht blieb dabei nahezu unverändert. Die Cholesterinwerte waren etwas gesunken, andere Blutfettwerte und die Knochendichte blieben gleich. Solche Effekte sind messbar, lassen aber nicht darauf schließen, dass Alterungsprozesse aufgehalten werden. Andererseits litten die mit Wachstumshormon behandelten Personen unter deutlich mehr Nebenwirkungen als diejenigen, die nur ein Scheinmedikament erhalten hatten. Sehr häufig kam es beispielsweise zu Wassereinlagerungen im Gewebe, zu Schmerzen durch Einengung eines Nervs am Handgelenk (Karpaltunnelsyndrom) sowie zu Gelenkschmerzen.

Männer müssen zudem damit rechnen, dass sich ihre Brüste vergrößern (Gynäkomastie). Bei „Anti-Aging“-Experimenten mit Wachstumshormon kommt auch Diabetes mellitus häufiger vor. Solche krank machenden Auswirkungen bei an sich gesunden Menschen sind schlimm und nicht zu akzeptieren.

Langzeitfolgen – positive wie negative – lassen sich den Studien ohnehin nicht entnehmen, da sie mit durchschnittlich einem halben Jahr Dauer hierfür viel zu kurz waren. In so wenigen Monaten kann kein Einfluss auf Alterungsprozesse ermittelt werden.

Auf der Basis von unbelegten Behauptungen und kleinen Studien schlechter Qualität werden Behandlungen mit Wachstumshormonen bisweilen schon für 35- bis 40-Jährige empfohlen.

Wir raten von „Anti-Aging“-Experimenten mit den teuren Hormon­präparaten ab: Sie können Alterungs­pro­zes­se weder ver­zögern noch ver­hindern. Statt­des­sen werden be­trächtliche Risiken in Kauf ge­nommen. Die Langzeitverträglichkeit ist unklar.

Die Suche nach einem „Jung­brunnen“ wird sicher wei­ter­gehen. Wachstumshormon liefert jedoch nicht das erhoffte Wunderwasser.


Quellen
1    LIU, H. u.a.: Ann. Intern. Med. 2007; 146: 104-15
2    Berufsverband der Frauenärzte e.V., Pressemitteilung Nr. 260, März 2007

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