Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2015 / 04 S. 18

Glosse

Volle Knospenkraft voraus

Endlich gibt’s mal wieder einen revolutionären Therapieansatz für Allerweltsleiden wie Husten und Schnupfen, schmerzende Gelenke und Magenbeschwerden.1 Die Wirkstoffe der Gemmotherapie entspringen den knackigen Pflanzenknospen (lat. gemma = Knospe). Deren besondere Heilkräfte werden mit Glycerin, Wasser und Alkohol aus den Pflanzenzellen gelöst und sind zum Glück kein ekliges Chemieprodukt, sondern pure Natur. Ein solcher Extrakt wird einfach auf die Schleimhäute gesprüht. Wie praktisch! Bei Kindern mit Schniefnase reichen schon zwei Sprühstöße ein- bis zweimal am Tag für überschaubare sechs Wochen, „um das schlappe Immunsystem wieder aufzubauen“, erklärt die Autorin Cornelia Stern im Trias-Ratgeber „Die Heilkraft der Pflanzenknospen“.1 Aber mal ehrlich, ist in dieser Zeit nicht jede Schniefnase auch ohne Knopsenextrakt wieder schnief-frei – wenn wir mal die Allergien außen vor lassen? Der normale Schnupfen dauert bekanntlich nur sieben Tage oder eine Woche. Sechs Wochen sprühen?

Folgt man indes den schönen Überlegungen der Autorin, dann lohnt es sich unbedingt, der Gemmotherapie zu vertrauen: „Knospenzellen enthalten wesentlich mehr genetisches Material als andere pflanzliche Zellen. Daher verfügen sie auch über die größte Heilkraft.“ Tolle Idee, also ran an die Knospen!

Gabriela Nedoma, eine andere Knospenkraftautorin, sieht das auch so: „Knospen konzentrieren die vitale Lebenskraft der Pflanzen … Bereits in kleinen Mengen wirken sie regenerierend, entgiftend und harmonisierend auf den menschlichen Körper.“2 Das leuchtet ein. Ja doch: Wer’s glaubt, wird selig. Da braucht nun wirklich keiner noch Studien zur Wirksamkeit. Zumal es ja nicht nur diese zwei Knospen-Ratgeberinnen gibt. Auch das Ratgebermonster GU will mithalten und uns im August – ja, noch in diesem Jahr – mit „Gemmotherapie. Heilen mit Knospen“ 3 beglücken.

Eine der GU-Autorinnen ist übrigens Dr. rer. nat. Kathrin Koll. Ob das wohl eine gute Bekannte von dem Koll ist, der als Dr. Koll die Apotheken mit Gemmoprodukten versorgt – und firmenmäßig praktisch dieselbe Adresse hat? Mal ganz nebenbei, den naturwissenschaftlichen Doktortitel hat sie, er ist Volkswirt. Das ist jetzt natürlich keine Kritik an der Knospenkraft, denn Frau Koll weiß ganz sicher, wovon sie spricht.4 Und wie heißt es so schön in der Buchvorschau von GU: „Da sich Knospen (lateinisch = gemma) in der Vermehrung befinden, sind sie ganz besonders reich an pflanzlichen Wachstumsfaktoren. Deshalb ist die ‚Knospen-Therapie‘ in vielen Fällen schneller wirksam und effektiver als die klassische Phytotherapie.“ – Aber natürlich!

1 TRIAS Report Frühling (2015) S. 16, C. Stern, Die Heilkraft der Pflanzenknospe. Gemmotherapie entdecken und anwenden
2 Gabriela Nedoma (2014) Knospen und die lebendigen Kräfte der Bäume, S. 9, Freya Verlag Linz
3 Gräfe und Unzer (2015) Vorschau. http://www.gu.de/buecher/bewusst-gesund-leben/alternative-heilmethoden/930405-gemmotherapie/ (Abruf 28.5.2015)
4 Dr. Kathrin Koll ist inhaltlich verantwortlich für die Webseite des Unternehmens Spenglersan, das in Sachen Naturheilkunde und Homöopathie aktiv ist: http://www.spenglersan.de/unternehmen_impressum.php

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