Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2014 / 02 S. 18

Glosse:

Tiroler Schlaf-Kost

Elbphilharmonie hin, Elbphilharmonie her: Hamburg ist reich und die Stadt der „Pfeffersäcke“. Da macht es Sinn, die oft gestressten und schlecht ausgeschlafenen – aber wohlbetuchten – Kaufleute in das idyllische Tirol zu lotsen. Auf ein Sonnenplateau. Dort ruht eine elegante Hoteloase samt Golfterrain, die sich mit einem Team von Ärzten der Gesundheit verschrieben hat.

Zum Glück gibt es für geplagte Norddeutsche mitten in Hamburg eine Anlaufstelle – ein „urbanes Tageszentrum“ im Dienste der fernen Hoteloase. Wie sonst sollen Bedürftige die alpenländischen Heilsbringer finden. Unterstützt wird der Findungsprozess durch eine Presse­agentur, die eine zielführende Meldung in die Welt gesetzt hat:1 „Schlafstörungen sind Warnsignale des Körpers und werden oft nicht ernst genug genommen.“

Wer nun gedacht hat, die PR-Agentur schicke Schlechtschläfer direkt in die Tiroler Bergwelt, liegt daneben. Zunächst geht es medizinisch zu: zur „24-Stunden-Herzratenvariabilitätsmessung“ in Hamburg. Das muss sein, denn bei der Auswertung werden „nicht nur die Schlafqualität, sondern auch der Erschöpfungsgrad oder das Burnout-Risiko bildlich dargestellt.“ – Und wer hätte nicht gerne eine hieb- und stichfeste bildliche Risikodarstellung, bevor er sich mit einem Höhentraining in der Hansestadt begnügen muss oder doch nach Tirol verfrachten lässt, wo man sich – inklusive Mayr-Kost – um seinen Schlaf kümmert.

Dass das richtige Essen so wichtig ist, verklickert die Meldung der kleinen Hamburger Presseagentur erst zum Schluss, als Highlight sozusagen: „Wenn der Schlafrhythmus aus dem Takt gerät, ist oftmals die Darmfunktion aus dem Gleichgewicht geraten.“ (Das ist ganz fürchterlich! Besonders, wenn der Schlafrhythmus aus dem Gleichgewicht geraten ist und die Darmfunktion aus dem Takt.) Und der schlüssige Grund wird uns auch nicht vorenthalten: „Denn jeder Mensch hat eine individuelle Darmflora – das Mikrobiom – mit 300 Billionen Darmbakterien. Diese stehen über den Vagusnerv mit dem Gehirn in Verbindung. Unser Essverhalten steuert demnach auch unseren Schlaf …“

Irgendwie ist das schwer verständlich, oder doch nicht so ganz schlüssig. Geht es darum, dass die Darmbakterien über den Vagusnerv Botschaften ins Gehirn funken?

Der letzte Satz strotzt dann wieder von Klarheit: „Eine Nahrungsmittelunverträglichkeit … kann ebenfalls Auslöser für unruhige Nächte sein.“ – Wie beruhigend, dass Behandlung und der exklusive Speiseplan der Tiroler Hoteloase genau das auf dem Schirm haben.


Quelle
1    PR-Agentur Nicola Sieverling (2014) 13.1.

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