Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2015 / 03 S. 18

Glosse:

Potenz-Steigerungs-Opfer verhindert

„Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“, weiß der Volksmund dank Matthias Claudius.1 Und das passte mal wieder prächtig und hatte bei der reiselustigen Autorin dieser Zeilen kuriose Folgen; nämlich ein außerordentliches Dankeschön an die Pharmaindustrie und die fixe Idee, den Global Player Pfizer mit einem Umweltpreis mal positiv in Szene zu setzen. Der Grund: Sie haben uns im letzten Moment diese blauen Pillen beschert, welche bei Bedarf die Manneskraft steigern – genaugenommen das Stehvermögen des besten Stücks vom starken Geschlecht.

Noch ahnen Sie sicher nicht, worum es beim verhinderten „Potenzsteigerungsopfer“ geht. Aber Sie sind in der richtigen Spur, wenn Sie jetzt an Tierschutz denken.

Womöglich ziehen jetzt all die Nashörner an Ihnen vorbei, die qualvoll verenden, weil sich ihr symbolträchtiges Horn pulverisiert als Aphrodisiakum teuer verkaufen lässt. Oder es kommen Ihnen die abgemurksten Tiger in den Sinn, deren Knochen zermahlen werden, weil diese animalischen Herren mehrmals können … wenn sie denn in ihrem riesigen Territorium endlich auf eine zutrauliche Tigerfrau treffen (GPSP Buchbesprechung 4/2014, S.16). Zum Glück müssen wir uns um Hirsche und Regenwürmer keine großen Sorgen in Sachen Ausrottung machen, obwohl auch getrockneter Hirschpenis und Regenwurmschnaps die Lust beflügeln sollen.

Genug der Spannung. Nun endlich das erzählenswerte Reiseerlebnis: Der Sandfisch. Dieses flinke, schillernde Reptil lebt in den Sanddünen Nordafrikas und des Nahen Ostens wahrlich wie ein Fisch im Wasser. Über Jahrhunderte galt die feingemusterte Glattechse als sexuelles Stimulans und wurde alljährlich tausendfach Opfer dieses Mythos. Der Arzt und Naturforscher Conrad Gesner wusste bereits vor 500 Jahren: „Das Fleisch der Thiere, es sey frisch oder gedörrt, soll eine sonderbare Kraft haben, das männliche Glied aufzurichten und zur Unkeuschheit zu reitzen.“2

Nun denn! Noch im letzten Jahrhundert fand sich der Sandfisch als Scincus scincus oder Scincus officinalis in so manch europäischem Apothekerbuch. Er wurde als Rohstoff für ein „liebesdienliches“ Arzneimittelgewerbe3 und als Handelsgut für Europa stark bejagt.4 Derzeit sieht es so aus, als habe er diese Jagerei überstanden – trotz seiner zarten, geschmeidigen Haut, der penisähnlichen Größe und dem Mythos, die Liebeskraft zu stärken. Womöglich dank Viagra®! Und wenn dem so ist, hätte logischerweise Pfizer verhindert, dass die possierliche Echse ein Opfer des Potenzstimulierungswahns wird. Der Multi hätte damit definitiv irgendeinen Umweltpreis verdient! Ungeplante Imagepflege. Soweit die kuriosen Folgen und Hirngespinste, wenn eine eine Reise tut.

Quellen
1    Claudius M (1786) Urians Reise um die Welt
2    Zitiert nach Alfred E. Brehm (1900), Brehms Tierleben, Kriechtiere und Lurche, S. 163
3    rororo Tierwelt (1974), Das Urania Tierreich Bd. 3, Fische Lurche Kriechtiere, S. 437, Rowohlt
4    Schatanek V, Elkharassi H (2006), Sahara: Tiere, Pflanzen, Spuren. Stuttgart, Kosmos


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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