Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2017 / 03 S. 18

Glosse:

Gut geschmiert

Jeder kann kaufen, was er will! Wir reden hier nicht von Waffen oder illegalen Drogen, sondern von Nahrungsergänzungsmitteln – und das sind Lebensmittel. Insofern, warum sollen nicht deutsche Verbraucher und Verbraucherinnen für round about 40 Millionen Packungen von „irgendwas mit Magnesium“ Geld ausgeben dürfen. Also, um es korrekt zu apostrophieren und konkret zu machen: Zwei Nasen teilen sich hierzulande pro Jahr eine Packung, vom Säugling bis zum Greis – mal rein statistisch gesehen. Die sechs Millionen Packungen, die alljährlich in Apotheken als richtige, wirksame Arzneimittel bei nachgewiesenem Magnesium­mangel über den Ladentisch gehen, sind da übrigens nicht mitgezählt.

Eines der Leiden, gegen das Magnesiumpräparate nützen sollen, sind Wadenkrämpfe (GPSP 5/2014, S. 10). Wie jedoch der weiße Stoff, den manche nur in der Variante Magnesia als Hilfsmittel für die Beherrschung von Reckstange oder Kletterwand kennen, bei Wadenkrämpfen helfen kann, bleibt sein Geheimnis.1

Aber es gibt eine Mär: Vor rund einem Vierteljahrhundert sollen genau 73 schwangere Frauen mal deutlich weniger Wadenkrämpfe gehabt haben, wenn sie sich das Zeug nicht rein sportlich auf die Hände schmierten, sondern Magnesium-Tabletten schluckten.

Leider konnte das schöne Ergebnis nicht bestätigt werden: nicht mit Schwangeren und nicht mit älteren Menschen, die besonders oft unter den wirklich heimtückischen – da nächtlich besonders lästigen – Wadenkrämpfen leiden.

Wissenschaftler sind allerdings bekanntlich hartnäckig, und sie forschten weiter zum Segen von Magnesium, Magnesiumanbietern und wadenmäßig Geplagten. Jüngst haben sie eine neue Untersuchung publiziert. Aber wieder nix! Die ganze Studie wurde „wegen Nutzlosigkeit“ der Magnesium-Zubereitung vorzeitig abgebrochen“.1

Irgendwie schade, vielleicht hätte sich ja doch noch ein Effekt gezeigt. Man muss nur lange genug testen, dann kommt schon irgendwann das gewünschte Ergebnis. Das denken sicher auch all diejenigen, die weiterhin im Discounter oder bei Rossmann und Co. Magnesiumpräparate kaufen: nicht zum Turnen oder Klettern, sondern als Wundermittel gegen Muskelkrämpfe in den Waden.


1    arznei-telegramm® (2017) 48, S. 30


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