Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2015 / 02 S. 18

Glosse:

Beispielhafte Mäuschen

„Sport hält auch im Alter jung“ ist der Titel einer vielversprechenden Pressemitteilung der Universität Göttingen.1 Und man möchte gleich hinzufügen: Lachen ebenfalls! Denn was verrät uns die Universität im selben Atemzug? Genau: Sport hält in der Jugend jung. Da muss dann aber mal schmunzelnd gefragt werden dürfen, ob junge Sportler und Sportlerinnen überhaupt altern oder ob sie ewige Jugend erreichen.

Leider geht’s in dieser Mitteilung für die staunende Öffentlichkeit gar nicht um das Altern im Allgemeinen, sondern um „eine bestimmte Anpassungsfähigkeit neuronaler Schaltkreise in der Sehrinde“. Wer sich jetzt enttäuscht die Augen reibt und wissen will, was er von dieser Anpassungsfähigkeit – auch Plastizität genannt – konkret hat, der hat das Prinzip einer erfolgreichen Pressemitteilung, an der weder „BILD“ noch „Tagesschau“ vorbeikommen, nicht wirklich verstanden.

Herr oder Frau Öffentlichkeitsarbeiter müssen nämlich gleich in der Überschrift Interesse an der Forschung des Auftraggebers wecken: „im Alter jung“, bevor es in lästige Details geht: „eine bestimmte Form der Anpassungsfähigkeit neuronaler Schaltkreise in der Sehrinde“.2

Zu den Details gehört auch, dass die Versuchspersonen keine richtigen Menschen waren, sondern Nager, Mäuse in diesem Fall. Die hausen – wie das so in der Forschung üblich ist – in Käfigen, also nicht auf dem Feld oder in der Scheune. Und ihr Sport bestand im Betätigen eines Laufrads, also rennen, was das Zeug hält. Diejenigen Tierchen, die das Glück eines solchen Geräts in den eigenen vier Wänden hatten, genossen nicht nur mehr Abwechslung, sondern machten den Wissenschaftlern mächtig Freude. Denn die Plastizität ihrer Sehrinde blieb bis ins stattliche Mäusealter von sage und schreibe 242 Tagen erhalten. Ein Käfig ohne Laufrad machte die Mäuschen hingegen rasch alt: Nach 110 Tagen war das Ende der Plastizität eingeläutet. So ist das eben.

Und wie verkauft unser Öffentlichkeitsarbeiter das schöne Ergebnis: „Wissenschaftlerinnen der Universität Göttingen haben herausgefunden, dass freiwilliges Rennen den Zeitraum jugendlicher Anpassungsfähigkeit im Gehirn bis ins Erwachsenenalter verlängern kann.“ Nun ja – bei Mäusen, die sonst nur im Käfig hocken. Ob die frohe Botschaft auch für Schreibtischtiger gilt, die Pressemitteilungen verfassen oder in anderem Auftrag  den Bürostuhl drücken, hätten wir gerne gewusst. Manche vorwiegend sesshafte und eingesperrte Mitbürger und Mitbürgerinnen gehen zum Beispiel freiwillig Joggen, wenn kein Laufrad in der Nähe ist.


Quelle
1    Richter T (2015) Sport hält auch im Alter jung. Pressemitteilung Georg-August-Universität Göttingen, 12. Jan. http://idw-online.de/de/news619965

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