Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2009 / 03 S. 03

Giftinformationszentren schlagen Alarm

Risiken durch Schlankheitsmittel

Das angeblich pflanzliche Schlankheitsmittel Lida DaiDaihua kann verschiedenste chemische Zusätze enthalten. Wir warnen vor den unkalkulierbaren Risiken für die Anwender. Immer häufiger werden bei Nahrungsergänzungsmitteln aus dem Internet lebensgefährliche Panschereien aufgedeckt.

Pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel, die jeder im Internet kaufen kann, gelten als harmlos. Dies suggerieren Hinweise wie „traditionelle Medizin“ oder „natürliche Medizin“, gepaart mit verführerischen Abnehmversprechen oder sagenhafter Potenzsteigerung. So wird der Verbraucher hinters Licht geführt. Denn nachweislich enthalten solche Nahrungsergänzungsmittel zum Teil beträchtliche Mengen gefährlicher chemischer Substanzen. Manchmal hören wir, dass Produkte mit wohlklingenden Namen asiatischer oder chinesischer Herkunft, wie Lida DaiDaihua, für den deutschsprachigen Raum keine Relevanz hätten. Leider trifft dies nicht zu, im Gegenteil. (GPSP warnte davor in Ausgabe 1/2009, 14-15).

Lida daiDaihua

Das schweizerische Kontrollbehörde Swissmedic hat 13 Muster von zehn verschiedenen beschlagnahmten importierten Schlankheitsmitteln – alles angeblich pflanzliche Produkte – auf synthetische Wirkstoffe und Verunreinigungen durch Schwermetalle untersucht. Das erschreckende Ergebnis: Überwiegend handelt es sich um „potenziell gefährliche“ Produkte, die mit verheimlichten Wirkstoffen aus einem chemischen Labor gepanscht sind.1

Lebensgefährliche Panscherei

In Lida DaiDaihua entdeckte Swissmedic pro Kapsel 21,5 mg Sibutramin. Das ist fast das Eineinhalbfache der höchsten Tagesdosis des Sibutramin-haltigen Arzneimittels Reductil®, das aus guten Gründen der Verschreibungspflicht unterliegt. In Lebensgefahr bringt sich, wer – im Vertrauen auf die Deklaration als pflanzliches Mittel –mehrere Kapseln von Lida DaiDaihua schluckt oder gleichzeitig chemische Arzneimittel zum Abnehmen einnimmt. Bluthochdruck, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen und sogar Schlaganfall können folgen. Was der Hersteller jeweils in das Produkt hineinmixt, ist unkalkulierbar. In einer anderen geprüften Packung von Lida DaiDaihua, die identisch aussah, fanden die Prüfer kein Sibutramin, sondern Koffein.1

Deutsche Giftinformationszentren schlagen ebenfalls Alarm: Allein aus den Giftinformationszentralen Freiburg und Göttingen kommen 17 Berichte über gesundheitliche Beschwerden nach Einnahme von Lida DaiDaihua. Auch hier wurden in den chinesischen „Schlankheitskapseln“ zum Teil beträchtliche Mengen Sibutramin gefunden.2

Noch schlimmer fällt die Überprüfung von Reducing Weight Easily aus. Laut Packung (siehe Abbildung) handelt es sich um „refined Chinese herbs“, also um verfeinerte chinesische Kräuter. Der Produzent füllt aber anscheinend in die Schachteln hinein, was er gerade zur Verfügung hat. Die in der Schweiz überprüfte Packung enthielt sowohl Packungsstreifen (Blister) mit dunkelgrünen Kapseln als auch solche mit gelb/rosa Kapseln, in denen sich unterschiedliche Mengen synthetischer Stoffe fanden: wiederum Sibutramin, zudem das Abführmittel Phenolphthalein und extreme Mengen von Schwermetallen. Der Grenzwert für Blei wurde beinahe 50fach, der für Quecksilber mehr als 6fach überschritten.

Der Betrug geht um die Welt

Die Globalisierung von Produktion und Vertrieb erleichtert es Anbietern, ihre zweifelhaften Nahrungsergänzungsmittel an den Mann oder die Frau zu bringen. Eine systematische Kontrolle ist unmöglich. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittel machte kürzlich auf Warnungen aus Skandinavien aufmerksam. Es ging dabei um Fortodol, angeblich ein natürliches Schmerzmittel. Aber die Prüfer stießen auf beträchtliche Mengen Nimesulid. Das ist ein entzündungshemmender Stoff, der in Europa nicht zugelassen ist. Ein „Verzehr“ solcher Kapseln kann die Leber schädigen. In Schweden und Norwegen sind mindestens neun Menschen betroffen, einer ist daran gestorben.3

Die Zutaten dieser angeblichen Nahrungsergänzung stammen im Übrigen vermutlich aus Indien, verarbeitet wurden sie in Mexiko, in Kapseln abgefüllt in den USA und verkauft wahrscheinlich in aller Welt, auf jeden Fall in Europa einschließlich Deutschland – zum Teil unter verschiedenen Namen (siehe unten). In Schweden wurde das Produkt verboten, im Internet wird es aber nach wie vor als „natürliches“ Nahrungsergänzungsmittel beworben.

Neu gefundene gepanschte Produkte:

Die amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA warnt inzwischen vor insgesamt 72 (!) gepanschten Schlankheitsmitteln.4 Über die meisten haben wir bereits in vorherigen Ausgaben von GPSP berichtet.5 Nachfolgend finden Sie weitere Produkte, in denen aktuell verbotene und verheimlichte chemische Wirkstoffe gefunden wurden. Wenn sie eines der genannten Präparate gekauft haben, sollten Sie sie wegwerfen. 24“ ince, FSS – Fat Slimming, Light Some, Pearl White Slimming, Reducing weight easily In diesen Schlankheitsmitteln steckten nicht deklarierte Beimischungen des Appetithemmers Sibutramin (Reductil®) und/oder das Abführmittel Phenolphthalein. In Reducing weight easily zudem beträchtliche Mengen Quecksilber und Blei (siehe oben).

Fortodol (=Leppin Miridin formerly, Miradin, Re-Levit 90 Kapseln)

Das als „natürliches Schmerzmittel“ bezeichnete angebliche Nahrungsergänzungsmittel wird unter verschiedenen Namen angeboten. Die Produkte enthielten beträchtliche Mengen des potenziell leberschädigenden Entzündungshemmers Nimesulid. Weiteres siehe oben im Text.

Best Life Fat Burning Kapseln, Hanguo shoushen yihao, Healthy Slim, Japan Lingzhi 24 Hours Diet, Natural Lasmi and Slim 3 in 1, Paiyouji, Relacore, Slim Pure

Diese „Schlankheitsmittel“ waren mit verbotenen und verheimlichten Wirkstoffen gepanscht, beispielsweise mit den Appetithemmern Sibutramin (Reductil®) oder Rimonabant (in Europa wegen Förderung der Selbstmordneigung verboten, GPSP 6/2008, S. 11) oder dem Epilepsiemittel Phenytoin (Zentropil® u.a.). Aus den Behördenmitteilungen geht nicht hervor, welche dieser Bestandteile jeweils in den genannten Produkten vorkamen.

Herbal Xenicol, Slimbionic, Xsvelten

Die US-amerikanische Lebensmittel und Arzneimittelbehörde FDA warnt vor diesen Schlankheitsmitteln. Denn sie können nicht auf der Packung angegebene verschreibungspflichtige Wirkstoffe enthalten wie den Appetithemmer Fenproporex (in Deutschland seit mehr als zehn Jahren nicht mehr als Arzneimittel im Handel, kann gefährlichen Lungenhochdruck auslösen), das in Europa nicht als Arzneimittel zugelassene Abnehmmittel Cetilistat (Gefahr von Stuhlinkontinenz, Blähungen mit Stuhlabgang u.a.), das Antidepressivum Fluoxetin (Fluctin® u.a.) und/oder das entwässernde Mittel Furosemid (Lasix® u.a.). Die Behörde hat nicht angegeben, welche(r) dieser Bestandteile jeweils in den genannten Produkten enthalten sind.

Jia yi jian, Zencore Plus

Das als Nahrungsergänzung bezeichnete Zencore Plus enthält einen bislang nicht verwendeten – und deshalb hinsichtlich seiner Risiken nicht abschätzbaren – Wirkstoff, der chemisch den verschreibungspflichtigen erektionsfördernden Mitteln wie Sildenafil (Viagra®) nahe steht. Auch in Jia yi jian wurde ein solcher chemischer Wirkstoff sowie ein hoch dosierter Appetithemmer gefunden.


Quellen
1 Swissmedic weist in angeblich pflanzlichen Schlankheitsmitteln gefährliche Inhaltsstoffe nach, Pressemitteilung vom 28. März 2009
2 Müller, D. et al.: Dtsch. Ärzteblatt 2009; 106: 218-22
3 Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit warnt vor dem Präparat „Fortodol“, Presseinformation vom 19. März 2009
4 FDA Uncovers Additional Tainted Weight Loss Products, FDA News vom 20. März 2009
5 GPSP 1/2009, S. 14-15 und GPSP 2/2009, S. 14-15



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