Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2016 / 05 S. 26

Gepanschtes

Wer kann illegalen Verkauf stoppen?

… nur die Verbraucher selbst.

Gegen Anbieter illegaler Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel gehen von Zeit zu Zeit weltweit Behörden in einer konzertierten Aktion vor (GPSP 6/2010, S. 14). Bei der diesjährigen Aktionswoche im Juni haben mehr als 100 Staaten mitgemacht.

Allein in Deutschland wird nun in 89 Fällen gegen die Betreiber von 60 Internetseiten ermittelt. Diese sind meist international organisiert und bieten nicht zugelassene Arzneimittel beziehungsweise Produkte mit gefährlichen Bestandteilen an – darunter oft gepanschte Nahrungsergänzungsmittel.1 Einerseits ist die Aktion ein Erfolg. Andererseits ändert sie nichts Grundsätzliches. Denn die international agierenden Fälscher und Panscher sind skrupellos und – jedenfalls so – nicht zu bremsen.

Andrew Jack, britischer Korres­pondent der Financial Times, charakterisiert in einer angesehenen medizinischen Fachzeitschrift die Situation als Katz- und Maus-Spiel zwischen Behörden, Verkäufern und Käufern.2 Noch vor 15 Jahren war es leichter, kriminelle Anbieter zu ermitteln und sie zur Rechenschaft zu ziehen, denn sie waren vorwiegend national organisiert. Heute ist der Handel grenzenlos. Bekommen Anbieter in besser kontrollierten EU-Staaten oder den USA Vermarktungsprobleme, verlagern sie den Sitz der Firma in Länder wie Indien, Singapur, China oder Ungarn. Ein Briefkasten für die Anschrift findet sich in solchen Ländern sehr leicht. Bei einem Schadensfall lassen sich Haftungsansprüche aber in Deutschland nicht durchsetzen.

Zugleich shoppen immer mehr Menschen im Internet. Ihnen wird ein bequemer Einkauf angeboten, und es wird kompetente Beratung auch bei Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln vorgegaukelt. Zunehmend dienen auch „Online-Praxen“ ihre Dienste an, die sich gleichzeitig um die Lieferung benötigter Arzneimittel oder anderer Produkte kümmern wollen. Wen kümmert es, ob diese ihren Sitz etwa in den Niederlanden oder einen Briefkasten in der Karibik haben? Hauptsache bequem, Hauptsache diskret, Hauptsache billig. Die Qualität der so georderten Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel wird zur Nebensache. Schließlich ist Geiz geil, haben uns Werbeabteilungen eingebläut. Dabei riskieren „Geizige“ nicht nur den Kauf gefälschter Medikamente oder gepanschter Nahrungsergänzungsmittel, sondern – so warnt das Bundeskriminalamt – auch Spam-Mails mit Werbung für Produkte, die Schadsoftware verbergen und den heimischen Computer ausspähen.1

Im Prinzip können derzeit nur Verbraucher und Verbraucherinnen, also die Besteller, die kriminellen Anbieter austrocknen, indem sie unglaubwürdige Versprechungen für Produkte mit wohlklingenden Namen ignorieren, diese also nicht bestellen. Leider ist das Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand der Käufer beim Internethandel genauso unrealistisch wie das Vertrauen auf ein Durchgreifen von Gesetzgebern und Behörden. Was bleibt, ist zumindest die persönliche Vorsicht, unseriöse Internetadressen zu erkennen und zu meiden.

Beziehen Sie daher Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel im Internet – wenn überhaupt! – nur über Händler, die eine Erlaubnis für den Versandhandel in Deutschland haben. In GPSP 5/2015, S. 14 haben wir das in der EU gültige Logo mit dem Schriftzug „Zur Überprüfung der Legalität dieser Website hier klicken“ vorgestellt. Dieses müssen Arzneimittelverkäufer auf ihrer Internetseite abbilden. Durch Anklicken lässt sich überprüfen, ob der Anbieter tatsächlich mit seinen Kontaktdaten gelistet ist und welche Überwachungsbehörde für ihn zuständig ist. So können Sie einen legalen Anbieter von einem ­illegalen unterscheiden.3

In unserer GPSP-Internetdatenbank „Gepanschtes“ nennen wir auffällig gewordene Produkte beim Namen und stellen die Informationen allgemein zugänglich zur Verfügung. In den zwei Monaten seit der vorherigen Ausgabe von GPSP haben wir 28 weitere Produkte aufgespürt, die bei Überprüfung im Labor als gepanscht aufgefallen sind, und unsere Datenbank um diese bedenklichen Produkte erweitert: Im Internet (www.gutepillen-schlechtepillen.de/heft-archiv/gepanschtes) finden Sie Näheres zu inzwischen fast 1.700 illegalen Nahrungsergänzungsmitteln. Damit haben Sie Zugriff auf die wahrscheinlich weltweit umfangreichste öffentlich zugängliche Datenbank zu gepanschten Produkten. Aber auch das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Neu gefunden

Mit chemischen Potenzmitteln gepanscht

Produkt: gepanscht mit

DR’s Secret Bio Herbs Coffee: Tadalafil

Half Quite Tabletten: Sildenafil

Lang Yi Hao Tabletten: Sildenafil + Chloramphenicol

Maxagra Kapseln: Sildenafil + Oxytetracyclin

MMC Zang Ba Bao Tabletten: Sildenafil

My Stell Woody: Sildenafil

Super Bull 6000 Herbal Kapseln: Sildenafil

Super Dragon Kapseln: Sildenafil

U.S. Black Gold Tabletten: Sildenafil

Weekend Prince: Sildenafil

Zhong Hua Niu Bian Tabletten: Sildenafil + Chloramphenicol

Sildenafil und Tadalafil: Sildenafil ist der Wirkstoff des Arzneimittels Viagra® (auch in zahlreichen Generika erhältlich), Tadalafil ist als Cialis® im Handel. Die Panscherei von Nahrungsergänzungsmitteln mit solchen verschreibungspflichtigen Potenzmitteln ist besonders heimtückisch und kriminell. Sie gefährdet Verbraucher ganz erheblich, denn manche Menschen müssen gerade diese chemischen Erektionsförderer meiden, beispielsweise Herzkranke, die gleichzeitig Nitropräparate wie Isosorbiddinitrat (ISDN) oder ähnliche Arzneimittel gegen Angina pectoris einnehmen (GPSP 2/2013, S. 4  HYPERLINK „http://www.gutepillen-schlechtepillen.de/angina-pectoris“ www.gutepillen-schlechtepillen.de/angina-pectoris). In Kombination mit einem chemischen Erektionsförderer wie Sildenafil kann der Blutdruck lebensbedrohlich abfallen. Vor allem wer aus medizinischen Gründen chemische Erektionsförderer meiden muss, erhofft sich jedoch möglicherweise Hilfe von Nahrungsergänzungsmitteln, und ist unwissentlich gefährdet, wenn er an ein gepanschtes Produkt gerät.

Chloramphenicol: Hierbei handelt es sich um ein schlecht verträgliches Antibiotikum, das hierzulande in den 1950er Jahren auf den Markt kam, aber seit 2006 nicht mehr zum Einnehmen nicht mehr im Handel ist. Vor allem Blutschädigung ist eine gefürchtete unerwünschte Wirkung. Mit Chloramphenicol gepanschte Nahrungsergänzungsmittel sind bedenklich, eine Kombination von Chloramphenicol plus Erektionsförderer – wie bei Überprüfung im Labor in einigen Nahrungsergänzungsmitteln entdeckt – ist zudem schlichtweg unsinnig.

Oxytetracyclin ist ein Antibiotikum, das in den 1950er Jahren auf den Markt kam und 2003 als überholtes Antibiotikum zum Einnehmen aus dem Handel genommen wurde. Die Einnahme von Antibiotika ohne medizinische Begründung fördert Resistenzen. Mit Oxytetracyclin gepanschte Nahrungsergänzungsmittel begünstigen Resistenzen gegen die Gruppe der Tetrazyklinantibiotika, zu denen beispielsweise Doxycyclin gehört.

Mit Appetithemmern (ggf. plus Abführmittel) gepanscht

Produkt: gepanscht mit

Dream Body 450 mg: Sibutramin

Dream Body Advanced 400 mg: Sibutramin

Dream Body Extreme Gold 800 mg: Sibutramin

Dream Body Original Formula: Sibutramin

Excellence Losing Weight Kapseln: Sibutramin

Exhilarate: Sibutramin + Desmethylsibutramin

Leisure Slimming Kapseln: Sibutramin + Phenolphthalein

Natural Model Kapseln: Sibutramin + Phenolphthalein

Propell Platinium: Sibutramin

SBF Bee Pollen: Sibutramin

The Body Shot Bar Step 2: Sibutramin

Sibutramin: Sibutramin war 1999 bis 2010 als verschreibungspflichtiges Arzneimittel (Reductil®) im Handel. Dann musste es – längst überfällig – weltweit wegen seines Herz-Kreislauf-schädigenden Potenzials aus dem Handel gezogen werden (GPSP 2/2010, S. 8 –  HYPERLINK „http://gutepillen-schlechtepillen.de/kurz-und-knapp-endlich-sibutramin-reductil-vom-markt/“ http://gutepillen-schlechtepillen.de/kurz-und-knapp-endlich-sibutramin-reductil-vom-markt/). Sibutramin kann den Blutdruck und die Herzschlagrate erhöhen und gefährdet vor allem Menschen mit koronarer Herzkrankheit (Angina pectoris), Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfall in der Vorgeschichte. Es drohen unter anderem Herzinfarkt, Herzstillstand, Schlaganfall. Auch wenn gleichzeitig bestimmte andere Medikamente eingenommen werden, sind lebensbedrohliche Folgen möglich.

Bei Desmethylsibutramin handelt es sich um einen Wirkstoff, der im Körper als Abbauprodukt von Sibutramin entsteht und der eventuell ebenfalls den Appetit mindert. Aber: Das Ausmaß unerwünschter Wirkungen ist unzureichend bekannt.

Phenolphthalein: Die Chemikalie Phenolphthalein hat auch abführende Wirkung und wurde früher z.B. als Darmol® Abführschokolade verkauft. Ein Abführmittel kann einen vorübergehenden Gewichtsverlust vorgaukeln, weil der Darm entleert ist. Aber es macht nicht schlank, sondern vielleicht sogar krank. Phenolphthalein ist nämlich bereits seit vielen Jahren wegen seines Krebs auslösenden Potenzials nicht mehr als Arzneimittel im Handel. Wer es langfristig einnimmt, riskiert Magen-Darm-Störungen, Herzrhythmusstörungen, Krebs und andere unerwünschte Folgen.

Mit Appetithemmern plus 2 oder 3 weiteren Stoffen gepanscht

Produkt: gepanscht mit

Dream Body Advanced + Acai Weight Loss & Cleanse: Sibutramin + Sildenafil + Fluoxetin

Dream Body Extreme Gold: Sibutramin + Sildenafil + Fluoxetin

U Slimming and U Plus Slimming Kapseln: Sibutramin + Phenolphthalein + Diclofenac + Lidoacin

Näheres zu Sibutramin sowie Sildenafil siehe oben. Gepanschte Nahrungsergänzungsmittel, die sowohl den inzwischen verbotenen Appetithemmer Sibutramin sowie den Erektionsförderer Sildenafil enthalten, sind nicht nur illegal, sondern unsinnig: Appetithemmer werden überwiegend von Frauen eingenommen, Erektionsförderer von Männern. Welche Folgen, vor allem welche unerwünschten Wirkungen, die beiden Bestandteile als Mix – und auch noch gepanscht mit weiteren stark wirksamen Stoffen – hat, lässt sich nicht abschätzen. Näheres zu Diclofenac siehe unten.

Fluoxetin: Untersuchungen im Labor förderten bei zwei der oben genannten Produkte den verschreibungspflichtigen Wirkstoff Fluoxetin zutage. Offensichtlich versuchen Anbieter, die unerwünschten Wirkungen von Fluoxetin zu nutzen, um eine Gewichtsreduzierung zu bewirken. Denn zu den unerwünschten Wirkungen des Antidepressivums zählen Appetitlosigkeit, Übelkeit, Durchfall und Veränderungen des Geschmackempfindens. Außerdem kann es unter anderem zu Desorientiertheit, Schlafstörungen und Störungen der Sexualfunktion kommen.

Lidocain wird beispielsweise als örtlich betäubendes Mittel (Lokalanästhetikum) verwendet oder gegen bestimmte Herzrhythmusstörungen eingenommen. Unter anderem weil Lidocain selbst Herzrhythmusstörungen auslösen kann, wird es heute nur noch selten in diesem Anwendungsbereich verwendet. Magen-Darm-Störungen, Übelkeit und Erbrechen oder Benommenheit sind häufige dosisabhängige unerwünschte Wirkungen.

Mit Schmerz- bzw. Rheumamitteln gepanscht

Produkt: gepanscht mit

Licorice Coughing Liquids: Morphin

Meizitang Botanical Slimming 100% Natural Soft Gel: Diclofenac

Das Rheuma- und Schmerzmittel Diclofenac kann abhängig von Dosis und Einnahmedauer Magen-Darm-Beschwerden bis zu Magenblutungen und weitere unerwünschte Effekte auslösen. Viele Gegenanzeigen sind bei dem Wirkstoff zu beachten. Das ist allerdings nicht möglich, wenn er in einem gepanschten Produkt enthalten, also nicht deklariert ist.

Morphin ist – wenn es in geeigneter Dosierung eingenommen wird – ein wichtiges stark wirksames Schmerzmittel (GPSP 1/2016, Seite 4). In Nahrungsergänzungsmitteln, die gegen Husten wirken sollen, hat Morphin nichts zu suchen – auch nicht in geringen Mengen. Für einen Nutzen bei starkem Husten wären höhere Dosierungen des Betäubungsmittels, das ein Sonderrezept erfordert, nötig. Für diese Anwendung ist es jedoch als Arzneimittel gar nicht zugelassen, da hier die Risiken größer wären als ein eventueller Nutzen. Vor unerwünschten Wirkungen ist man auch dann nicht sicher, wenn das Nahrungsergänzungsmittel lediglich mit geringen Morphinmengen gepanscht ist.

Mit Herzmitteln gepanscht

Produkt: gepanscht mit

Amazon Tonic III: Oleandrin

In diesem verharmlosend als Tonic bezeichneten Nahrungsergänzungsmittel ist bei einer Überprüfung im Labor Oleandrin entdeckt worden. Das ist ein giftiger Bestandteil des Oleanders, der in der Homöopathie als herzstärkendes Mittel erachtet wird. Magen-Darm-Beschwerden und Beeinträchtigung der Herzfunktion und anderes mehr können Folge der Einnahme sein. Die australische Arzneimittelbehörde beanstandet, dass das Produkt gegen Krebs beworben worden ist. Irgendwelche Belege für einen solchen Nutzen fehlen. Und ein Krebsmedikament, das Oleandrin enthält, gibt es nicht.

1 Bundeskriminalamt (2016) Pressemitteilung vom 9. Juni www.a-turl.de/?k=enkt
2 Jack A (2016) BMJ; 352, S. i1317
3 Bundeskriminalamt: (2016) Arzneimittel über das Internet – Vorsicht vor dubiosen Anbietern. Informationsblatt Juni
www.a-turl.de/?k=orfp

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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