Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2014 / 01 S. 04

Finasterid gegen Haarausfall

Mehr Haare, aber unfruchtbar?

Volles Kopfhaar ist der Wunsch vieler Männer. Wenn es weniger wird, probieren sie alles Mögliche aus. Dazu gehört auch ein Wirkstoff, der stark in den Hormonhaushalt eingreift. Das hat Folgen.

Was sollen Männer machen, die schon in den 20ern starke Geheimratsecken oder gar eine Scheitelglatze mit Haarkranz bekommen? Manche versuchen, die kahlen Stellen durch entsprechende Frisuren teilweise zu verdecken, tragen ein Toupet, lassen sich Haare von anderen Kopf- oder Körperteilen transplantieren oder rasieren sich den Kopf ganz kahl. Der rasierte Kopf kann bei so geplagten jungen Männern durchaus attraktiv wirken und ihren Typ unterstreichen. Oft erscheinen sie dadurch auch gar nicht älter, aber bei vielen bleibt doch der verständliche Wunsch nach vollem Haar

Was sollen Männer machen…

Bei erblich bedingtem Haarverlust reagieren die Haarwurzeln im Stirn- und Scheitelbereich stark auf das Sexualhormon Dihydro¬testosteron (DHT). Die Wachstumsphase dieser hormonsensiblen Haare wird durch DHT extrem verkürzt und schließlich verkümmern die Haarwurzeln ganz. Dieses Phänomen betrifft nicht die Haare des Nackens und des Hinterkopfs, dort bleiben sie erhalten. Von diesem Haarausfall, der auch als androgenetisch bezeichnet wird, sind hauptsächlich Männer und nur selten Frauen betroffen.

Für besseren Haarwuchs bei Männern mit androgenetischem Haarverlust werden allerlei Mittel angeboten. Ein Wirkstoff ist Finasterid, das im Körper die Umwandlung des Hormons Testosteron in das stärker „haarschädliche“ DHT blockiert. Bei der gutartigen starken Vergrößerung der Prostata älterer Männer ist es ein erprobtes Mittel, um die Prostata zu verkleinern und Operationen wegen Harnentleerungsstörungen hinauszuschieben oder zu verhindern. In niedriger Dosierung (statt 5 mg pro Tag nur 1 mg pro Tag) vermindert Finasterid auch den genetisch bedingten Haarverlust in der Frühphase. Die 1-mg-Tabletten (ca. 1,20 € bei Großpackung) sind im Vergleich mit den 5-mg-Tabletten kurioserweise etwa 10-fach teurer, bezogen auf den Finasteridgehalt. Das heißt bei der Lifestyle-Anwendung wird der „Patient“ ordentlich abgezockt.

Die unerwünschten Wirkungen von Finasterid sind erheblich. Die Anzahl der Spermien in der Samenflüssigkeit sinkt, und auch die Lust auf Sex kann nachlassen. Selten vergrößern sich die Brustdrüsen der Männer. Nun mögen diese Effekte von manchen älteren Männern in Kauf genommen werden, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist und sie bei vergrößerter Prostata durch das Medikament wieder besser Wasser lassen können. Bei jungen Männern ist die Verschlechterung der Samenqualität aber ein ernstes Problem (GPSP 3/2006, 1). Zur Frage, ob sie auch weniger zeugungsfähig oder gar zeugungsunfähig werden, gab es in den letzten Jahren widersprüchliche Untersuchungsergebnisse.
 

…oder kinderlos?

Aus einer Fertilitätsklinik in Toronto/Kanada kam jetzt ein Bericht zu 27 Männern (mittleres Alter 37 Jahre), die ungewollt kinderlos waren und Finasterid im Mittel seit 57 Monaten eingenommen hatten.1,2 Bei den meisten waren im Sperma die Menge und die Konzentration der Spermien erniedrigt. Etwa sechs Monate nachdem sie Finasterid abgesetzt hatten, waren die Menge der Spermien und ihre Konzentration um fast das 12-Fache gestiegen. Es wurden zudem mehr bewegliche Spermien gemessen. Der Frage, ob die Männer dadurch auch Väter geworden sind, wurde in dieser Studie nicht nachgegangen.

Es ist vorstellbar, dass Finasterid eher bei den Männern zur Unfruchtbarkeit führt, die schon über eine mangelhafte Spermienqualität verfügen. Bei den in Toronto untersuchten Männern erhöhte sich die Spermienzahl zwar, nachdem Finasterid abgesetzt worden war. Dennoch halten wir es für unverantwortlich, dass ein Arzneimittel, das so wichtige Schritte im Hormonstoffwechsel beeinflusst, für ein rein kosmetisches Anwendungsgebiet wie den männlichen Haarausfall noch immer auf dem Markt ist.

Quellen
1 Samplaski MK u.a. (2013) Fertil. Steril. vorveröffentlicht
2 DER ARZNEIMITTELBRIEF (2013) 47, S. 84



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