Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2016 / 03 S. 26

Gepanschtes:

Das Schweigen der Behörden

Dubioser Schlankmacher: Asche statt Garcinia cambogia

Angeblich kann eine Pflanze namens Garcinia cambogia beim Abnehmen helfen. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA) hat zwei suspekte Produkte analysiert und fragt sich anschließend, ob es manchmal nicht besser sei, „wenn nicht drin ist was drauf steht“.1 Diesem makabren Gedanken wollen wir angesichts Tausender bedenklicher gepanschter Nahrungsergänzungsmittel sicher nicht unbesehen zustimmen. Vor allem, wenn die Öffentlichkeit nicht erfährt, welche Produkte untersucht wurden.

Der „Bericht aus dem Labor­alltag“, wie die Autorin aus dem CVUA ihren Report nennt, macht den Irrsinn der Lebensmittelkontrolle transparent: Erst prüfen und forschen behördliche Untersuchungsstellen mit viel Aufwand. Kommen sie dabei zu Untersuchungsergebnissen „mit Überraschungseffekt“1, werden die Ergebnisse nur verklausuliert veröffentlicht. Namen und Anbieter beanstandeter Produkte bleiben geheim. Angesichts derartiger Geheimniskrämerei können sich Verbraucher nicht schützen.

Es geht diesmal um Nahrungsergänzungsmittel, die Garcinia cambogia mit hohen Konzentrationen von Hydroxycitronensäure (englisch hydroxycitric acid, HCA) enthalten. Mittel mit dieser Zitronensäurevariante sollen – jedenfalls behauptet dies die Werbung im Internet – verhindern, dass der Körper aus Kohlenhydraten Fett produziert. Sie sollen angeblich als Fettblocker wirken und zudem das Hungergefühl unterdrücken.2 Zum einen ließ sich eine solche schlankheitsfördernde Wirkung von HCA bislang nicht wissenschaftlich plausibel nachweisen,1 zum anderen gibt es Hinweise, dass nicht alle Produkte überhaupt die versprochene Menge HCA enthalten.

Das Stuttgarter Untersuchungsamt hat zwei aus den USA stammende „Garcinia cambogia-Kapseln“ eines „hiesigen Vertreibers“ untersucht. Konkreteres teilt das Amt nicht mit – außer, dass die Kapseln angeblich reinen Garcinia-cambogia-Extrakt mit 85 % HCA enthalten sollen. Der Extrakt erwies sich jedoch in beiden Produktproben als reichlich gestreckt: Die eine bestand zu 70 % aus Stärke, die andere enthielt 30 % „Asche“, trotz der ausdrücklichen Bewerbung „ohne Füllstoffe“.1 Da wundert man sich auch nicht mehr, wenn die Kapselhüllen beider Proben nicht wie beworben aus pflanzlichem Material, sondern aus (tierischer) Gelatine bestanden.

Vielleicht ist Asche oder Stärke jedoch immer noch besser als Garcinia cambogia? Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) meldet jedenfalls Bedenken an: Im Tierversuch ergaben sich unter höheren Dosierungen eines bestimmten Garcinia-cambogia-Extraktes bei männlichen Tieren Hinweise auf hodenschädliche Effekte, in anderen Tierstudien allerdings nicht. Ob überhaupt und falls ja, in welchem Ausmaß eine Gefährdung durch HCA-Zubereitungen besteht, bleibt somit offen. Anders ausgedrückt: Die Unbedenklichkeit solcher Produkte für den Menschen ist „nicht belegt“.1

Unserer Bitte um Mitteilung, welche Garcinia-cambogia-Produkte „des hiesigen Anbieters“ nun eigentlich untersucht worden sind, ist das Stuttgarter Untersuchungsamt nicht nachgekommen. Das ist bedauerlich, und die durchgeführte Analyse letztlich Verschwendung von Steuergeldern, da die Verbraucher – also die Zahler – nicht davon profitieren.

Unsere Strategie ist, in der GPSP-Internetdatenbank „Gepanschtes“ auffällig gewordene Produkte beim Namen zu nennen und die Informationen kostenfrei zur Verfügung zu stellen – auch den Behörden. In den zwei Monaten seit der vorherigen Ausgabe von GPSP haben wir im Mittel jeden Tag mindestens ein weiteres Produkt aufgespürt, das bei der Überprüfung im Labor als gepanscht aufgefallen ist. Wir haben unsere Datenbank seitdem um 72 bedenkliche Produkte erweitert: Im Internet (www.gutepillen-schlechtepillen.de/heft-archiv/gepanschtes/) finden Sie Näheres zu den inzwischen rund 1.650 illegalen Nahrungsergänzungsmitteln. Damit haben Sie Zugriff auf die wahrscheinlich weltweit umfangreichste öffentlich zugängliche Datenbank zu gepanschten Produkten. Aber: Auch das ist nur die Spitze des Eisbergs.

1 Lerch C (Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart): Garcinia cambogia – ein Schlankmacher? Bericht vom 16. März 2016; www.a-turl.de/?k=ritz
2 http://schlankmitgarciniacambogia.com (Abruf 11.4.2016)

Neu gefunden:

Mit chemischen Potenzmitteln gepanscht

Produkt: gepanscht mit

100% healthy food for men Tabletten: Sildenafil

Animal Test: Yohimbin

Black Magic: Sildenafil bzw. Yohimbin + Ephedra

Black Mamba premium: Desmethylcarbodenafil + Dapoxetin

Black Panther: Sildenafil + Desmethylcarbodenafil + Dapoxetin

Boss Number #Six: Tadalafil

Bull: Sildenafil

Bull’s Genital: Sildenafil

China White: Yohimbin + Ephedra

Durazest for Men Volume: Sildenafil

Dust V2: Yohimbin

Ejaculoid: Yohimbin

Extreme Diamond 2000: Desmethylcarbodenafil

Forta for Men Daily: Sildenafil

Forta Xpload: Sildenafil

Ginseng Power-X: Sildenafil + Sulfoaildenafil

Golden Night: Sildenafil + Hydroxyhomosildenafil

Hydroxycut Hardcore Next Gen: Yohimbin

Lipo-Cuts: Yohimbin + Ephedra

Longue Jambe Frères (Brother Long Legs) Tabletten: Sildenafil

Mamba is Hero: Sildenafil + Desmethylcarbodenafil + Dapoxetin

Master Zone 1500: Sildenafil + Tadalafil

MV7 days 2000: Sildenafil + Tadalafil

MV7 days 3500: Sildenafil + Tadalafil

Neophase Natural Sex Enhancer formula for men: Hydroxyacetildenafil

Ninja-X: Sildenafil + Thiosildenafil

OrgaZen 3500: Tadalafil

Psychotic: Yohimbin

RapidFire: Yohimbin + Ephedra

Rhino Big Horn 3000: Sildenafil + Desmethylcarbodenafil

Rock Hard Weekend: Sildenafil

RSE7EN: Desmethylcarbodenafil + Dapoxetin

Salute Kapseln: Sildenafil + Thiosildenafil + Sulfoaildenafil

Sextra: Sildenafil

S Lion Juice 1: Aminotadalafil + Thiodimethylsildenafil

S Lion Juice 10 gm: Tadalafil + Thiodimethylsildenafil

S Lion Juice 20 gm: Thiodimethylsildenafil

S Lion Juice Orange 10 gm: Propoxyphenyl-Thioaidenafil

Super Dragon 6000 Kapseln: Sildenafil

Triple MiracleZen Gold 1750 mg: Sildenafil + Tadalafil + Dapoxetin

Triple Power Zen Plus 2000: Sildenafil + Tadalafil

V-MAX Herbal Tabletten: Sildenafil

Wonder-Erect Male Pills: Vardenafil

ZlimXter Kapseln: Sildenafil

Sildenafil, Tadalafil und Vardenafil: Sildenafil ist der Wirkstoff des Arzneimittels Viagra® (auch in zahlreichen Generika erhältlich), Tadalafil ist als Cialis® im Handel und Vardenafil als Levitra®. Die Panscherei von Nahrungsergänzungsmitteln mit solchen verschreibungspflichtigen Potenzmitteln ist besonders heimtückisch und kriminell. Sie gefährdet Verbraucher ganz erheblich, denn manche Menschen müssen gerade solche chemischen Erektionsförderer meiden, beispielsweise Herzkranke, die gleichzeitig Nitropräparate wie Isosorbiddinitrat (ISDN) oder ähnliche Arzneimittel gegen Angina pectoris einnehmen (GPSP 2/2013, S. 4). In Kombination mit einem chemischen Erektionsförderer wie Sildenafil kann der Blutdruck lebensbedrohlich abfallen. Vor allem wer aus medizinischen Gründen chemische Erektionsförderer meiden muss, erhofft sich jedoch möglicherweise Hilfe von Nahrungsergänzungsmitteln und ist unwissentlich gefährdet, wenn er an ein gepanschtes Produkt gerät.

Sildenafil-Varianten (Desmethylcarbodenafil, Hydroxyacetildenafil Hydroxyhomosildenafil, Propoxyphenyl-Thioaidenafil, Sulfoaildenafil, Thiosildenafil) und Tadalafil-Varianten: (Aminotadalafil): Hierbei handelt es sich um doppelt bedenkliche Panschereien. Neben den bei Sildenafil und Tadalafil genannten Bedenken kommt hinzu, dass die chemischen Varianten bislang überhaupt nicht oder völlig unzureichend beim Menschen geprüft worden sind. Die unerwünschten Wirkungen lassen sich also nicht kalkulieren.

Dapoxetin ist der Wirkstoff des verschreibungspflichtigen Arzneimittels Priligy®, das gegen vorzeitigen Samenerguss verordnet werden kann. Wer an Herzerkrankungen oder Kreislaufstörungen beim Aufstehen leidet (orthostatische Dysregulation), darf diesen Wirkstoff aus der Reihe der Antidepressiva nicht einnehmen. Antidepressiva, die dem Dapoxetin chemisch nahe stehen, dürfen nicht gleichzeitig mit Dapoxetin eingenommen werden, weil dies die unerwünschten Wirkungen verstärken würde (GPSP 4/2009, Seite 6). Solche Vorsichtsmaßnahmen sind jedoch nicht möglich, wenn Wirkstoffe wie Sildenafil oder Dapoxetin als Inhaltsstoffe verschwiegen werden.

Ephedra: Ephedrakraut und dessen Bestandteile wie Ephedrin sind als Arzneimittel verschreibungspflichtig. Menschen, die an Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Engwinkelglaukom, Herzproblemen, vergrößerter Prostata u.a. erkrankt sind, dürfen Ephedra bzw. Ephedrin nicht einnehmen, da sich diese Erkrankungen dadurch verschlechtern können. Auch Schwangere und stillende Frauen sollen Ephedraprodukte meiden. Mit Ephedra gepanschte so genannte Nahrungsergänzungsmittel gefährden viele Anwender, weil sie – in Unkenntnis des Ephedra-Gehaltes – glauben, ein harmloses Produkt einzunehmen.

Yohimbin ist ein in der Rinde des Yohimbin-Baumes („Potenzholz“) natürlich vorkommender verschreibungspflichtiger Wirkstoff, der vor allem in vergangenen Jahrzehnten als libidosteigerndes Mittel (Aphrodisiakum) verwendet worden ist, ohne dass der tatsächliche Nutzen zuverlässig belegt ist. Gut dokumentiert sind hingegen häufige, zum Teil beträchtliche unerwünschte Wirkungen, darunter Blutdruckabfall – weswegen es vor dem Ersten Weltkrieg ein gängiges Bluthochdruckmittel war –, Angst, Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Übelkeit u.a.

Mit Appetithemmern gepanscht

Produkt: gepanscht mit

2 Day Diet Slim Advance: Sibutramin

7 Diet: Sibutramin + Phenolphthalein

24 Hours Diet: Sibutramin +

Basha Nut 100% Fruit Soft Gel Kapseln: Sibutramin

BioEmgrecim*: Fenproporex

Dynamizm Kapseln: Sibutramin

ENVY BP: Sibutramin

Eradicate Kapseln: Sibutramin + Desmethylsibutramin

Lipo Escultura: Sibutramin

Phyto Shape: Rimonabant

Propell Platinum: Sibutramin + Phenolphthalein

Pro Slim Plus: Sibutramin

Slim Tech: Sibutramin

Slim Waist Formula: Sibutramin

Xerophagy Kapseln: Sibutramin

* In diesem Produkt wurde bei Prüfung anderer Muster auch Sibutramin + Phenolphthalein bzw. Fluoxetin + Furosemid entdeckt.

Sibutramin: Sibutramin war 1999 bis 2010 als verschreibungspflichtiges Arzneimittel (Reductil®) im Handel. Dann musste es weltweit wegen seines Herz-Kreislauf-schädigenden Potenzials aus dem Handel gezogen werden (GPSP 2/2010, Seite 8). Sibutramim kann den Blutdruck und die Herzschlagrate erhöhen und gefährdet vor allem Menschen mit koronarer Herzkrankheit (Angina pectoris), Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfall in der Vorgeschichte. Es drohen Herzinfarkt, Herzstillstand, Schlaganfall u.a. Auch wenn gleichzeitig bestimmte andere Medikamente eingenommen werden, sind lebensbedrohliche Folgen möglich. Bei Desmethylsibutramin handelt es sich um einen Wirkstoff, der im Körper als Abbauprodukt von Sibutramin entsteht und der eventuell ebenfalls zur Verringerung von Appetit beiträgt, dessen Ausmaß unerwünschter Wirkungen jedoch unzureichend bekannt ist.

Fenproporex: Dieser Amphetamin-artige Appetithemmer ist als Arzneimittel bereits seit 1996 außer Handel. Fenproporex kann unter anderem lebensbedrohlich erhöhten Blutdruck in Lungenblutgefäßen verursachen.

Phenolphthalein: Die abführend wirkende Chemikalie Phenolphthalein wurde früher z.B. in Darmol® Abführschokolade verkauft. Ein Abführmittel kann einen vorübergehenden Gewichtsverlust vorgaukeln, weil der Darm entleert wird. Aber es macht nicht dauerhaft schlank, sondern vielleicht sogar krank. Phenolphthalein ist nämlich bereits seit vielen Jahren wegen seines krebsauslösenden Potenzials nicht mehr als Arzneimittel im Handel. Bei langfristiger Einnahme kann es zu Magen-Darm-Störungen, Herzrhythmusstörungen, Krebs und anderen unerwünschten Folgen kommen.

Rimonabant: Wie Sibutramin war auch Rimonabant in Deutschland nur kurze Zeit (knapp zwei Jahre lang) als verschreibungspflichtiges Arzneimittel im Handel. Vor allem unerwünschte Effekte wie Angst und Depressionen sowie eine Zunahme von Selbsttötungsgedanken standen der Anwendung als Arzneimittel entgegen. Nahrungsergänzungsmittel, die mit Rimonabant gepanscht sind, gefährden die Anwender, die glauben, ein harmloses Produkt gekauft zu haben.

Mit chemischen Antidepressiva gepanscht

Produkt: gepanscht mit

BioEmagrecim*

Perfect Slim Fast Track Slim: Fluoxetin

* In diesem Produkt wurde bei Prüfung anderer Muster auch Sibutramin + Phenolphthalein bzw. der Appetithemmer Fenproporex entdeckt

Fluoxetin: Eine Untersuchung des Präparates im Labor förderte den verschreibungspflichtigen Wirkstoff Fluoxetin zutage. Offensichtlich versucht der Anbieter die unerwünschten Wirkungen des antidepressiv wirkenden Fluoxetin zu nutzen, um eine Gewichtsreduzierung zu bewirken. Denn zu den unerwünschten Wirkungen des Antidepressivums zählen Appetitlosigkeit, Übelkeit, Durchfall und Veränderungen des Geschmackempfindens. Außerdem kann es unter anderem zu Desorientiertheit, Schlafstörungen und Störungen der Sexualfunktion kommen.

Mit Salicylsäure gepanscht

Produkt: gepanscht mit

Asia Black: Salicylsäure

Black Widow 25: Salicylsäure

Burn Fat Now: Salicylsäure

Extreme Stack: Salicylsäure

Fataway Ultimate Stack: Salicylsäure

MaxOut Body: Salicylsäure

Metabolic Accelerator: Salicylsäure

Methyldrene Original 25 Dietary Supplements: Salicylsäure

ThermoFX: Salicylsäure

Thermogenic Fat Burner: Salicylsäure

Thin and Slim Naturally: Salicylsäure

Salicylsäure: Salicylsäure ist ein Bestandteil, der in einigen äußerlich anzuwendenden Präparaten zur Behandlung einiger Hauterkrankungen enthalten ist, beispielsweise gegen Akne, Hühneraugen oder Warzen. Salicylsäure sollte nur in solchen äußerlichen Mitteln verwendet werden. Unerwünschte Wirkungen äußern sich beispielsweise in Hautrötung, Brennen, Stechen und Hautschälung. Versehentliche Einnahme – z.B. durch gepanschte Produkte – oder langfristige oder exzessive äußerliche Anwendung kann zur Salicylatvergiftung führen, die sich mit Übelkeit, Hörstörung und Ohrgeräuschen (Tinnitus), Lethargie, schnelle Atmung, Durchfall, Orientierungsstörungen und Halluzinationen äußern kann.


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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