Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2014 / 06 S. 16

Buchtipp:

Was wir über Brustkrebs wissen sollten

Buchtipp Akte Brust
© petmedia/aktemedizin.com

Die aufgeregte wissenschaftliche Debatte um den Nutzen des Brustkrebs-Screenings hat vor wenigen Wochen endgültig auch die Öffentlichkeit erreicht.1 Wichtige Einsichten dazu liefert das Buch: „Akte Brust. Frau zwischen den Fronten“

Der Autor Hans Mosser ist ein erfahrener Röntgenarzt, der in Wien ein Brustgesundheitszentrum aufgebaut hat. Er leitet eine radiologische Abteilung und berichtet seit Jahren in Vortragsreihen über Brustkrebs, Früherkennung und Screening. Vor allem die zahlreichen Diskussionen mit Frauen waren ihm Anlass, dieses Buch zu schreiben – und das spürt man.

Viele Frauen fürchten, an Brustkrebs zu erkranken. Viel zu viele, erklärt Mosser. Im Klartext: Weil oft mit trügerischen Zahlen zur Brustkrebshäufigkeit argumentiert wird, entstehen überflüssige Ängste. Und öffentlichkeitswirksame Brustkrebskampagnen wie „Pink Ribbon“,2 so genannte Brustkrebstage oder ein ganzer „Brustkrebsmonat“ fördern keinesfalls die rationale Aufklärung, argumentiert der Arzt. Viel mehr machen sie Brustkrebs zur allgegenwärtigen Bedrohung und besorgen obendrein das „Pink washing – das rosa Geschäft mit Brustkrebs“, so eine Kapitelüberschrift.

Natürlich beschreibt Mosser nicht nur, wie es zur Kommerzialisierung von Brustkrebs gekommen ist und was eine Firma davon hat, wenn eine rosa Schleife ihr Produkt ziert, sondern er erklärt ausführlich die Tumorerkrankung selbst: Welche Arten und Stadien gibt es? Wie entwickeln sie sich? Warum lässt sich der früh erkannte Krebs besser behandeln? Und warum ist die Gefährlichkeit von Vorstufen so schwer zu bewerten?3 Schließlich und sehr verständlich vermittelt der Autor, was es mit den Brustkrebsgenen auf sich hat, die eigentlich gar keine sind, sondern erst durch Mutationen dazu werden.

Das Hauptaugenmerk des Autors liegt allerdings auf der Zuverlässigkeit der Früherkennung, denn da liegt einiges im Argen: Nachdem anfänglich das Brustkrebs-Screening als Riesenfortschritt gefeiert wurde, ergab die Gesamtbeurteilung mehrerer guter Studien, dass der Nutzen minimal ist: Statt 3 Frauen sterben dank Screening nur 2 von 1000 Frauen an Brustkrebs. Aber dieser Vorteil wird durch Risiken des Mammografie-Screenings und ernste Schäden zunichte gemacht: zusätzliche Krebsfälle durch die Röntgenstrahlung, invasive Diagnose, Angst.4 Viele Frauen werden unnötig operiert. Mosser lehnt Früherkennungsmaßnahmen nicht prinzipiell ab. Doch er unterscheidet zwischen dem Screening-Programm, das wie eine Rasterfahndung ohne Verdachtsmomente arbeitet, und einer stärker individualisierten Früherkennung, die je nach angeborenem Risiko und den Lebensumständen die am besten passende Diagnostik ermöglicht. Ein paar Tipps, wie man das individuelle Brustkrebsrisiko am ehesten senken kann, hat der Autor auch. Und da hält er sich mit seiner persönlichen Meinung – durchaus als solche kenntlich – nicht zurück.

Lassen Sie sich von Hans Mosser in eine spannende Lektüre hineinziehen – von einem Arzt, der sehr sachlich argumentiert, aber seine Verärgerung nicht kaschiert, wenn er auf die „Kommerzialisierung von Brustkrebs“ zu sprechen kommt oder auf arrogante Kollegen aus der Ärzteschaft, die „Werbung und Marketing mit Information und Aufklärung verwechseln“.

Dieses Buch spart nicht mit Literaturverweisen, hat ein Schlagwortregister und ist reich an übersichtlichen Tabellen und nützlichen Illustrationen. Auffällig auch die QR-Codes, die auf zitierte Websites leiten. Aktuelle Informationen zum Thema finden sich im Übrigen auf der Website www.aktemedizin.com, wo auch die Möglichkeit besteht, mit dem Autor in Kontakt zu treten.


Quellen:
1 Grill M, Hackenbroich V (2014) Unsinn in bester Qualität. Der Spiegel Nr. 30, S.  100
2 Zum Zeichen der Solidarität mit brustkrebskranken Frauen wurde die rosa Schleife (pink ribbon) erfunden. Sie schmückt diverse Alltagsprodukte.
Wie es dazu kam, steht in diesem Buch.
3 Siehe GPSP 5/2009, S. 9 Überdiagnosen bei Brustkrebs
4 Ein Gespräch über die Problematik von Screening-Programmen siehe GPSP 5/2009, S.  10, Falsche Diagnose riskieren?


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