Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2013 / 04 S. 16

Buchtipp: „Risiko“

Gerd Gigerenzer ist Psychologe und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Was ihn seit Jahren umtreibt, ist die Frage, wie wir mit Zahlen umgehen, wie wir sie benutzen und (miss)interpretieren, wie Vernunft und Bauchgefühle unsere Entscheidungsprozesse bestimmen. Seine Gedanken dazu hat er in lesenswerten Sachbüchern publiziert, etwa in „Bauchentscheidungen“ (2007) und „Das Einmaleins der Skepsis“ (2002). Sein aktuelles Buch heißt „Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ und ist „dem Phänomen der risikoinkompetenten Gesellschaft“ auf der Spur. 

„Unter Ärzten gibt es die Redensart: Wegen Überbehandlung ist noch niemand verklagt worden.“


Er beschreibt – ausgehend von Alltagserfahrungen –, wie und warum falsche Risikoeinschätzungen die Bankenkrise mitverursacht haben, und er warnt davor, dass durch ähnliche Fehleinschätzungen unser Gesundheitssystem vollends aus den Fugen geraten könnte.

Gigerenzers Hauptargument: Die meisten Menschen können mit Zahlen schlecht umgehen. Am besten verstehen sie natürliche Zahlen, also „5 von 100“ oder auch „jeder Zwanzigste“, während bereits die gleichbedeutende Angabe „5%“ schwierig ist. Um
z. B. Alternativen bei Behandlungen zu vergleichen, sind bildliche Darstellungen das Beste.1 Denn die machen laut Gigerenzer das bei jeder Therapie bestehende Risiko für unerwünschte Wirkungen (Schaden) und die Chancen auf Heilung (Nutzen) besser transparent. 

Und sie verhindern Irreführung der Patienten. Dass diese tatsächlich aufgrund von Wirtschaftsinteressen seitens der Kliniken, Krankenversicherungen, Ärzte und Arzneimittelfirmen betrieben wird, erläutert der Autor an mehreren Beispielen. Gigerenzer führt das vor allem auf folgendes Dilemma zurück: Schüler und Schülerinnen, die künftigen Verbraucher, Patienten, Banker oder Ärzte, erwerben in der Ausbildung kein anwendungsorientiertes statistisches Denken. 

Vor allem üben angehende Ärzte und Ärztinnen nicht, die Risiken einer Diagnose (z.B.: Jeder falsche Alarm verursacht überflüssige Untersuchungen bzw. Eingriffe.) oder die Risiken einer Therapie (z.B.: Was sagt mir die Überlebensrate?) realistisch zu bewerten und sie dann ihren Patienten und Patientinnen zu vermitteln. Die meisten Mediziner fallen daher auch auf Zahlen aus Marketingabteilungen oder schludrigen Studien herein, die einen Nutzen überhöhen. Die Folge: Ärzte machen oft mehr als nötig. Das nennt man Überdiagnose und Übertherapie.2 Gigerenzer kritisiert diese Art von Defensivmedizin, die zu mehr Kaiserschnitten, Gebärmutterentfernungen, PSA-Tests, Röntgenaufnahmen oder Biopsien führt. 

Genau genommen sichert sich der „defensive“ Mediziner rechtlich besser ab – und verdient mehr. Da Kranke sich nicht ausschließlich auf die Informationen ihres Arztes oder ihrer Ärztin verlassen sollten, möchte Gigerenzer die Kenntnisse der Patienten und Bürger verbessern. Nur wenn jeder, etwa durch anschauliche Informationen, darin unterstützt wird, die richtigen Entscheidungen zu treffen, könnten Kranke die optimale Therapie erhalten, und weniger Gesunde würden unnötig behandelt oder sogar Schaden nehmen. Warum es dazu auch einer anderen Fehlerkultur in der Medizin bedarf und was von guten Fluggesellschaften zu lernen ist, erklärt der Autor übrigens auch. „Risiko“ ist eine lohnende Lektüre für alle, die stärker mitentscheiden möchten und mehr Durchblick wollen – sei es in der Welt der Finanzen, sei es im Gesundheitssystem. 

Gerd Gigerenzer: Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft (2013), C. Bertelsmann, 400 Seiten, 19,99 €.


Quellen
1 GPSP berücksichtigt seit langem diese Erkenntnisse. Siehe z.B. Abbildung zum Nutzen der Einnahme von Statinen (GPSP 4/2007, S. 3) und Interview mit Ingrid Mühlhauser zum Thema Krebsfrüherkennung (GPSP 5/2009, S. 10)
2 Überdiagnosen durch Screening siehe GPSP 5/2009, S. 9


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