Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2015 / 06 S. 16

Buchtipp:

„Die Glücksfabrik“

Saskia Goldschmidt (2014) Die Glücksfabrik. dtv, 326 S., 14,90 €
Saskia Goldschmidt (2014) Die Glücksfabrik. dtv, 326 S., 14,90 €

Der Roman „Die Glücksfabrik“ schildert die wahre Geschichte eines aufstrebenden Pharmaunternehmens im frühen 20. Jahrhundert. Ein niederländischer Fleischfabrikant beginnt, aus seinen Schlachtabfällen Medikamente zu produzieren: das Hormon Insulin aus der Bauchspeicheldrüse und das Sexualhormon Testosteron aus den Hoden. Die geniale Arbeit seiner Wissenschaftler führt ihn zum Erfolg, doch die Geschichte hat auch ihre dunkle Seiten …

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lieferten Schlachthöfe wichtige Rohstoffe für die Arzneimittelproduktion. Das niederländische Pharmaunternehmen Organon wurde 1923 eigens dazu von den Inhabern eines Fleischereibetriebs gegründet. Denn 1922 war Insulinmangel als die Ursache der Zuckerkrankheit gefunden worden. Die Bauchspeicheldrüsen von Schweinen, aber auch die testosteronhaltigen Stierhoden sollten nicht länger auf dem Abfallhaufen landen. Organon wurde bahnbrechend bei der Entwicklung von Insulin als Medikament. Auch bei der Entwicklung von Verhütungsmitteln aus Sexualhormonen war Organon führend und brachte Anfang der 1960er-Jahre eine Antibabypille auf den Markt.

Die Autorin Saskia Goldschmidt macht in ihrem Roman „Die Glücksfabrik“ (nieder­ländischer Originaltitel „De hormoon­fabriek“) die euphorischen Gründungsjahre des späteren Weltunternehmens wieder lebendig. Aber sie tischt uns nicht die üblichen Erfolgsgeschichten auf, die gerne über Wissenschaftler oder unternehmerische Erfolge geschrieben werden. Vielmehr interessiert sie sich für die dunkle Seite des Menschen: den Drang nach Ruhm und Anerkennung, die Konkurrenz, das Ausspielen von Macht und das Auskosten der Abhängigkeit anderer.

Als Leser erlebt man die Firmengeschichte aus der Perspektive des Firmengründers Saal van Zwanenberg, der damals „führende Mann in der niederländischen Fleischbranche“. Er ist sexbesessen, nutzt seine Machtposition aus, missbraucht und schwängert seine Arbeiterinnen. Das zerstört in der streng katholischen Gegend ganze Familien.

Aber auch die Wissenschaft kennt hier keine Grenzen: Der Patriarch lässt Experimente mit den neu entdeckten Hormonen durchführen, auch an seinen Arbeiterinnen. Damals gab es überhaupt keine Regeln für wissenschaftliche Studien an Menschen. Das war persönliche Sache von Unternehmern und Wissenschaftlern, die durch große Visionen und Begeisterung für den wissenschaftlichen Fortschritt, aber eben auch durch Gier nach Reichtum, getrieben wurden.

Das Buch beruht auf der Familiengeschichte der Schriftstellerin. Einer ihrer Vorfahren war der Chemiker Ernst Laqueur, Schwiegervater von Gold­schmidts Vater und Mitbegründer von Organon. Er war maßgeblich für die Forschungsaktivitäten in den 1920er und 1930er Jahren verantwortlich. Die Autorin schildert die Geschichte mitreißend. Aber leider ist nicht klar, wo sie den Boden der historischen Tatsachen verlässt und wo die epische Ausschmückung beginnt.1

Aktenkundig ist jedenfalls, dass einer der Firmengründer wegen Missbrauch minderjähriger Angestellter zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Das Unternehmen Organon existiert heute nicht mehr als solches, es ist inzwischen im internationalen Pharmakonzern MSD aufgegangen.

1 Zu den Hintergründen:
www.dtv.de/special/saskia_goldschmidt_die_gluecksfabrik/1925/

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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