Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2015 / 02 S. 16

Buchtipp:

Die Gesundheitsdiktatur. Reine Fiktion?

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Juli Zeh (2009) Corpus Delicti. Ein Prozess. Frankfurt: Schöffling & Co., 263 Seiten, 19,90 €; als Taschenbuch bei btb (2013) 9,99 €

Es ist schon sechs Jahre her, da hat die preisgekrönte Erzählerin Juli Zeh den Science-Fiction Roman „Corpus Delicti“ veröffentlicht. Das Buch ist aber hochaktuell und eine Empfehlung.

Die Generali Versicherung hat Ende 2014 für medialen Wirbel gesorgt und sich immerhin einige Schelte eingehandelt, als publik wurde, dass sie Kunden Rabatte und andere Vergünstigungen verspricht, wenn diese sich auf einen Kuhhandel einlassen: Sie sollen ihr Gesundheitsverhalten elektronisch kontrollieren lassen, per App.1

Mit der Umsetzung dieser Idee des südafrikanischen Versicherers Discovery – ein Wort, ein Programm – geht die Generali nicht so weit wie die Autorin von „Corpus Delicti“, wo ein implantierter Datenchip das gesundheitsfördernde Verhalten überwacht. Aber das Eine ist eben Fiktion, das Andere zeitnahe Realität – und die App eine Frage von Monaten bis zur Einführung.

Welche Folgen es hat, wenn Menschen ihre Fitness, ihren Lebensstil und ihre Ernährung überwachen lassen, damit sie bei den Krankenkassenbeiträgen besser wegkommen als andere – womöglich nicht weniger gesund lebende, aber nachdenklichere, vorsichtigere Menschen – ist im Detail nicht absehbar. Eines ist aber sicher: Die bewährte Solidargemeinschaft, in der unterschiedslos die (Noch)Gesunden für all die (Schon)Kranken aufkommen, wäre dank Discovery dahin. Und abzusehen ist, dass ein Kontrollsystem etabliert wird, das sich vor allem für den Versicherer lohnt. Nicht zufällig haben etwa Allianz und Axa entsprechende Rabattangebote in der Pipeline. Selbst die gesetzlichen Kassen!

Eine Ahnung von den Auswirkungen eines gesundheitlichen Überwachungssystems2 vermittelt die studierte Juristin Juli Zeh literarisch: Angezeigt und verurteilt wird da ein Vater, der die vorgeschriebenen Gesundheitsüberprüfungen bei seinem Kleinkind nicht immer eingehalten hat. Auch wer toxische Substanzen wie Alkohol oder Tabak konsumiert, wer seine Schlaf- und Ernährungsberichte nicht einreicht, häusliche Blut- und Urintests nicht durchführt oder sein Sportpensum nicht absolviert, kommt vor Gericht. Und das ist längst nicht alles, was kontrolliert und als Fehlverhalten abgestraft wird.

In „Corpus Delicti“ mutiert der Staat, in dem Gesundheit höchste Bürgerpflicht ist, zur Gesundheitsdiktatur. Denn die ‚Methode‘ als staatliches Programm regelt und überwacht den Lebenswandel jedes Einzelnen, angeblich im Sinne des Großen und Ganzen.

Doch es regt sich Unmut: Noch gibt es Menschen, die im Leben andere Ziele haben als immer fit und gesund zu sein. Der Protagonistin Mia Holl geht es um persönliche Freiheiten und darum, Glücksgefühle zu empfinden, und zwar jenseits von verordneter Krankheitsvermeidung. Wie sie am Ende im wahrsten Sinne des Wortes kaltgestellt wird, und was sie mit der als terroristisch bezeichneten Gruppe ‚Recht auf Krankheit‘ (R.A.K.) zu tun hat, das wollen wir hier nicht verraten.

Juli Zeh hat ein zugleich tiefsinniges und weitsichtiges Buch geschrieben – eine literarische Horrorvision, die Schritt für Schritt von der Realität eingeholt wird.


Quellen
1    Süddeutsche Zeitung (2014) Generali erfindet den elektronischen Patienten. 21.Nov.
2    Bislang überwachten die Versicherungen „nur“ das Krankheitsgeschehen, also die Patientenunterlagen.

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