Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2009 / 02 S. 03

Abnehmen bei Übergewicht

In der Werbung ein Klacks! Aber …

Genauso zuverlässig wie der Frühling, naht alle Jahre wieder die Zeit der „Bikini-Diäten“. Zeitschriften und Ratgeber versprechen für die sonderbarsten Diäten nachhaltige Erfolge, und Anbieter von „Essbremsen“, „Fettverbrennern“, „Diätsuppen“ und ähnlichen Produkten verstärken ihre Werbeanstrengungen. Bevor Sie sich zu frustrierenden Abnehmkuren hinreißen lassen, lesen Sie erst mal weiter.

Wer hat nicht schon die eine oder andere Diät oder ein Abnehmmittel ausprobiert, um überflüssige Pfunde los zu werden. Glaubt man der Werbung in Zeitschriften, im Fernsehen und im Internet, ist Abnehmen ganz einfach und geht wie von selbst – ohne einen Frühjahrsputz in Sachen Lebensstil. Offenbar muss man nur eines der beworbenen Produkte schlucken oder Diätideen befolgen.

Mittelchen und Methoden sind für jeden im Angebot. Für mollige Mädchen (Ratgebertitel: „Iss dich schön!“) ebenso wie für den technikbesessenen Mann, der ein „High-Tech-Gerät“ kaufen soll, „das minutengenau verbrauchte und aufgenommene Kalorien als Energiebilanz ausgibt“.1 Oft wird die Natur als Abnehmhilfe bemüht, etwa mit einer „Fettbremse aus der Natur“ (Sanhelios® Artischocken Dragees, siehe auch Hoodia, GPSP 6/2007, S. 14).2 Selbst für Genussmittel wie Grüner Tee werden Wunderwirkungen versprochen. Er soll die Speicherung von Fett im Körper hemmen und den Energieverbrauch steigern.

Schlechte Zeiten für überflüssige Pfunde, sollte man meinen. Aber dennoch werden viele Deutsche immer dicker. Existieren die phantastischen Abnehmhilfen etwa nur in den Versprechungen der Werbetexter? Und verlieren Verbraucher hier nur Geld statt Pfunde?

Wer unter Übergewicht leidet, ist anfällig für Behauptungen wie „dauerhaft abnehmen“, „16 kg in 4 Wochen“, „100% Geld-zurück-Garantie“2 oder für eindrucksvolle Vorher- und Nachher-Bilder (siehe GPSP 4/2008, S. 12).


Wildwest bei Abnehmhilfen

Der Markt von Abnehmprodukten ist nicht reguliert – abgesehen von Arzneimitteln zur Gewichtsreduktion. Keine Behörde hat die Vielzahl der angebotenen Nahrungsergänzungsmittel und Methoden überprüft. Und es fehlen nachvollziehbare Belege dafür, dass mit den hochgelobten Nahrungsergänzungsmitteln langfristig und anhaltend Gewicht abgebaut werden kann. Zugleich können die Anbieter in der Werbung Wirkungen behaupten und Erfolge versprechen, ohne dass das kontrolliert wird. Schlimmer noch: Die Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln laufen keine Gefahr, wegen falscher oder irreführender Behauptungen belangt oder bestraft zu werden.

Ähnlich ist es mit den von Zeitschriften und in vielen Ratgebern propagierten Diäten. Sie können vorübergehend einige Pfunde verschwinden lassen. Das Problem: Spezielle Diäten lassen sich in der Regel nicht sehr lange durchhalten. Das Gewicht steigt wieder (Jo-Jo-Effekt),und man setzt verzweifelt schon bald auf die nächste Modediät.

Diätmahlzeiten und -getränke, die normale Mahlzeiten ersetzen und ein Gefühl des Sattseins vermitteln sollen, sind auch keine wirkliche Lösung. Dass man solche Ersatzspeisen bald schon über hat, ist absehbar, weil sie nicht schmecken. Vorübergehend auf diese Weise ein paar Pfunde abzunehmen ist möglich, aber man versäumt, das eigentliche Problem anzugehen: Die eigene Ernährung so umzustellen, dass das Essen schmeckt und der Erfolg anhält. Der Jo-Jo-Effekt lässt grüßen.

Arzneimittel keine Alternative

Nur wenig besser ist die Situation bei Arzneimitteln. Für diese müssen die Hersteller gegenüber der Zulassungsbehörde zwar die Wirkung durch Studien belegen. Aber das geht so: Präparat XY wird mit einem Scheinmedikament verglichen. Dieser Vergleich läuft einige Wochen oder ein paar Monate. Wenn die Versuchsteilnehmer beispielsweise bescheidene 4 kg mehr abgenommen haben als jene Personen, die ein Scheinmedikament erhielten, gilt das als Erfolg. Besagt aber wenig, denn: Wie es mit dem Gewicht ein oder zwei Jahre nach Absetzen des Präparates steht, wird meist nicht untersucht.

Grundsätzlich besteht das gleiche Problem wie bei anderen Abnehmhilfen: Die Wirkung hält nicht an, wenn das Medikament abgesetzt wird. Das Körpergewicht geht wieder hoch. Auch Arzneimittel verhindern eher, dass an den Knackpunkten angesetzt wird: an falscher Ernährung und an mangelnder Bewegung. Zudem besteht die Gefahr erheblicher Nebenwirkungen. Wer Sibutramin (Reductil®) einnimmt, leidet beispielsweise häufig unter Kopfschmerzen und der Blutdruck steigt. Und wer Orlistat (Xenical®) ausprobiert, wird häufig von lästigen Blähungen, öligen und flüssigen Stühlen geplagt, die den Schließmuskel überfordern (vgl. GPSP 2008, Nr. 6, S. 11). Orlistat soll demnächst trotzdem rezeptfrei unter dem Namen Alli® angeboten werden.

Dass breit angelegte Werbekampagnen viele dazu verleiten werden, das wenig effektive Mittel trotz seiner unangenehmen Nebenwirkungen zu kaufen, ist abzusehen. Auch eine der weltweit renommiertesten Fachzeitschriften für Mediziner beklagt den geringen Nutzen von Orlistat und fragt, ob die Aufhebung der Verschreibungspflicht wirklich im Interesse der Übergewichtigen ist.3 Oder geschieht dies vielleicht doch eher im Interesse des Anbieters?


Was tun?

Es ist keine Frage, dass langfristiges Abnehmen klappt, wenn der dick machende Lebensstil verändert wird. Wem es nicht auf eigene Faust gelingt, durch veränderte Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten sein Körpergewicht zu senken, sollte sich nach Unterstützung durch Ernährungsberater, seinen Arzt oder Gleichgesinnte umsehen. Denn auf Nahrungsergänzungsmittel, modische Diäten oder Arzneimittel zu vertrauen, ist verlorene Zeit. Eigeninitiative ist gefragt: also kalorienträchtige Speise- und Trinkgewohnheiten ablegen oder den Autoschlüssel mal gegen den Fahrradhelm tauschen.

Soeben ist eine große Studie veröffentlicht worden, in der verschiedene gewichtsreduzierende Ernährungsformen verglichen wurden. Das Ergebnis ist erstaunlich. Ob man weniger Fett oder weniger Kohlenhydrate isst, spielt keine Rolle. Wichtig ist lediglich, weniger Kalorien zu konsumieren. 4 Nur wer weniger Kalorien aufnimmt als er verbraucht, kann abnehmen. Eigentlich ein alter Hut, bekannt als FdH-Methode: „Friss die Hälfte“. Das wiederum sollte niemand  zu wörtlich nehmen und seine Ziele zu hoch stecken: Verzichten Sie im ersten Schritt vor allem auf Snacks zwischendurch, also auf Müsliriegel und zuckerhaltige Softdrinks. Das reduziert die Kalorienaufnahme schon beträchtlich.

Suchen Sie ruhig Hilfe. Gemeinsam lässt sich einfacher abnehmen. Wenn Sie es schaffen, sich kalorienärmer zu ernähren und sportlicher zu werden, gibt es mehrfachen Lohn: Ihre Chance steigt, das gewünschte Gewicht zu erhalten. Sie bekommen einen Blick für Speisen, die Ihnen gut schmecken, keine Kalorienbomben sind und dennoch sättigen. Ganz „nebenbei“ verringert sich mit den schwindenden Pfunden auch Ihr Risiko, an Diabetes mellitus oder Bluthochdruck zu erkranken. Sogar Ihre Gelenke werden geschont. Kurz: Sie leben gesünder, länger und besser.


Quellen
1    Aipermon GmbH: Pressemitteilung vom 16. Febr. 2009
2    Die Zitate haben wir aktuellen Werbeseiten aus dem Internet entnommen. Stand 6.3.2009
3    Editorial: Lancet 2009; 373: 354
4    Sacks, F.M. et al.: N. Engl. J. Med. 2009; 360: 859-73

Kalorien sparen

Sie sparen jeweils 100 kcal,
wenn Sie zum Beispiel:

  • Salami gegen gekochten Schinken (ohne Fettrand, Portion jeweils 30 g) tauschen oder
  • 100 g Bratkartoffeln gegen 100 g Backkartoffeln
  • 100 g Pommes frites gegen 100 g Pellkartoffeln
  • 1/4  l trockenen Weißwein gegen 1/4  l Weißweinschorle
  • 3 Pralinen gegen 6 Gummibärchen

Entdecken Sie schmackhafte kalorienarme Speisen für sich. Viele Kochbücher enthalten solche Rezepte.


Stecken Sie sich erreichbare Ziele

Empfohlen wird

  • das Körpergewicht in sechs Monaten um nicht mehr als 5% bis 10% zu reduzieren,
  • die tägliche Energieaufnahme um etwa 500-1.000 kcal zu verringern,
  • körperlich aktiv zu werden. Meist reichen drei- bis fünfmal 30 Minuten Sport in der Woche. Vor Beginn ungewohnter   körperlicher Anstrengung sollten Sie sich unbedingt von einem Arzt durchchecken lassen.

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